Interview mit Christof Bolay

„Familienbewusst und demografieorientiert“

Karin Billanitsch12. Dezember 2017
„Es besteht Konkurrenz zur freien wirtschaft, aber auch zwischen öffentlichen Arbeitgebern“: Christof Bolay.
Wie die Stadt Ostfildern sich als guter Arbeitgeber zukunftsfest macht. Ein Gespräch mit Oberbürgermeister Christiof Bolay

Herr Bolay, was zeichnet „gute Arbeit“ in Kommunen aus und was tun Sie für gute Arbeitsbedingungen?
Es gibt zunächst einmal einen hohen fachlichen Anspruch. Wir müssen eine gute Qualität der Arbeit abliefern. Heute muss man auch sehr darauf achten, dass der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern auf Augenhöhe stattfindet. Und wir als Arbeitgeber versuchen, unsere Mitarbeiter dabei zu unterstützen, dass sie genau das hinbekommen – mit technischem Equipment über Fortbildungen bis hin zu flexiblen Arbeitszeit-Modellen.

Ostfildern darf sich seit kurzem mit dem Titel „Familienbewusster und demografieorientierter Arbeitgeber“ schmücken. Was steckt dahinter? Auf wessen Initiative ging die Idee zurück, auf diese Weise Ihr ­Profil zu schärfen?
Der Titel ist eigentlich schon das gesamte Programm: familienbewusst und demografieorientiert. Das heißt, die verschiedenen Lebensphasen gut unter einen Hut zu bekommen – von der Betreuung kleiner Kinder bis hin zur Pflege von Angehörigen. Wir sind darauf aufmerksam geworden durch das Gütesiegel, das durch das statistische Landesamt vergeben wird und haben uns dann mit diesen Themen beschäftigt. In erster Linie geht es um die Sensibilisierung der Führungskräfte für diese Fragestellungen.

Ich möchte an das Thema Demografie anknüpfen. Für Kommunen als Arbeitgeber wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. Sie stehen im Wettbewerb mit der freien Wirtschaft, können aber nur weniger zahlen. Wie gehen Kommunen damit um?
Die Konkurrenz besteht – wie Sie gesagt haben – zur freien Wirtschaft, aber auch zwischen öffentlichen Arbeitgebern untereinander. Da wir tarifgebunden sind, können wir da finanziell wenig ausrichten. Wir können zum Beispiel, was Freistellungen bei Kita-Leitungen angeht, ein bisschen flexibler reagieren und versuchen das auch. Aber so etwas muss sich eben auch herumsprechen.
Wir können aber im nicht-monetären Bereich zeigen, dass wir ein guter Arbeitgeber sind: etwa durch Argumente wie Flexibilität der Arbeitszeit, Sicherheit des Arbeitsplatzes und Angebote wie Telearbeit. Das Stichwort „Work-Life-Balance“ sollte kein Fremdwort für uns sein.
Zudem versuchen wir letztlich auch, eine Bewerbung bei uns einfach zu machen, durch einen elektronischen Bewerbungsmanager. Bei der Stadt können sich Interessierte seit etwa einem Jahr direkt auf der Homepage bei den Stellenangeboten online bewerben. Es müssen keine Unterlagen mehr an die Personalabteilung gesendet werden, vielmehr werden diese einfach hochgeladen.

Viele Kommunen tun sich schwer, für kommunale Horte und Kitas genügend Erzieherinnen und Erzieher zu finden. Bei der Suche nach Pflegekräften in kommunalen Krankenhäusern ist es ähnlich. Wie sieht es hier bei Ihnen vor Ort aus? Gibt es spezielle Einstellungsinitiativen? Oder haben Sie das Problem nicht?
Selbstverständlich stehen wir im Großraum Stuttgart genauso vor der genannten Herausforderung. Wir versuchen beispielsweise, Erzieherinnen und Erzieher zu gewinnen, indem wir ihnen einen WG-Platz anbieten, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Das wird sehr gut angenommen von jenen, die von auswärts kommen. Es gibt auch ein spezielles Sportprogramm, wo eine ausgebildete Trainerin in die Kita kommt, um mit den Erzieherinnen und Erziehern eine bewegte Pause zu machen. Sie bekommen dann auch Tipps für das richtige Sitzen und Hochheben, aber auch zu Fragen der Ernährung und ähnlichem. Also sehr praktische Unterstützung.

Kommen wir auf das WG-Programm zu sprechen. Bieten Bürger die Zimmer in ihren privaten Heimen an?
Nein, wir haben eine kommunale Wohnungsverwaltung und haben Wohnungen reserviert.

Müsste die Gesellschaft für solche Berufe nicht viel mehr Geld in die Hand nehmen? Sollten Kommunen hier Zeichen setzen und sich dafür einsetzen?
Ich gönne jeder Erzieherin, jedem Erzieher jeden Cent, weil sie wirklich hart dafür arbeiten. Umgekehrt muss man auch sehen, dass wir im Arbeitgeberverband eine gewisse Solidarität pflegen. Wenn wir uns dort darauf verständigen, dass es eine Stufe hochgeht, würden wir uns nicht ­dagegen wehren.

Zu welchen wichtigen Erkenntnissen sind sie durch die Teilnahme an dem Programm gelangt? Was sind zum Beispiel die wichtigsten Dinge, die jetzt eingeführt wurden?
Ich habe es vorhin schon angesprochen, dass wir begonnen haben, die Führungskräfte für diese Fragestellungen zu sensibilisieren. Wir haben das jetzt weiter verstärkt, indem wir Leitfäden erarbeitet haben, um den Führungskräften etwas an die Hand zu geben. Zum Beispiel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, aber auch Hinweise, wie man etwa mit psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten als Vorgesetzter umgeht. Es gibt auch Ansprechstellen, die darüber informieren, wie man sich richtig verhält.
Der zweite Punkt ist, dass wir das alles nicht im stillen Kämmerlein erarbeitet haben. Es gab eine sehr breite Mitarbeiterbeteiligung, um aus verschiedensten Ebenen und Bereichen auch deren Erfahrungen einfließen zu lassen. Denn wir brauchen Menschen in unterschiedlichen Altersstufen und mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen, die so etwas mit entwickeln. Und je mehr mitgewirkt haben, desto besser für die Ergebnisse.

Wie wurde die Belegschaft bei ­diesen Prozessen beteiligt?
Wir hatten eine Arbeitsgruppe, in der wir alle Fachbereiche vertreten hatten, den Baubetriebshof, Kita-Beschäftigte und nicht zuletzt natürlich den Personalrat, der von Anfang an beteiligt war.

Starten Sie spezielle Aktionen, um Azubis anzuwerben? Können sie ­allen Azubis nach dem Ende der Ausbildung eine Perspektive bieten?
Wir haben seit vielen Jahren eine Jobbörse, wo wir uns auch als Stadt, als Arbeitgeber beteiligen. Wir haben versucht, auch mal Personalmarketing der anderen Art zu machen, indem wir zum Beispiel am Flughafen Anzeigen an den Wartemonitoren geschaltet haben, um auf die Stadt als Arbeitgeber aufmerksam zu machen. Und ja, wir übernehmen derzeit alle Auszubildenden, die wir haben, und haben die Zahl in den vergangenen Jahren auch deutlich erhöht.

Eine aktuelle Frage der Arbeitsmarktpolitik: Was tut die Stadt, um Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive in den Arbeitsmarkt zu bringen? Bietet sie selbst auch Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge an?
Wir haben zwei mittlerweile Festangestellte auf dem Baubetriebshof, mit deren Arbeit wir sehr zufrieden sind. Sie tun dem Team auch gut, geben neue Impulse. Und wir haben sogenannte „Treffpunkte“ in allen sechs Stadtteilen, wo etwa Senioren Mittagessen angeboten wird. In jedem dieser Treffpunkte helfen auch Geflüchtete mit – als Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ich möchte es so formulieren: Wir versuchen es – in bescheidenem Umfang.
Wir haben auch – was ich sehr positiv finde – eine Lernwerkstatt für Asylbewerber, die bestimmte Fertigkeiten in verschiedenen Handwerksberufen kennenlernen wollen. Sie werden dort von Handwerksmeistern ehrenamtlich weitergebildet. Das geht etwa im Elektro­bereich, beim Malern und Lackieren oder Verputzen, wo sie eine Schulung durchlaufen. Danach erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat und haben damit eine Chance, auf dem Arbeitsmarkt ­einen Fuß in die Tür zu bekommen.

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