Rezension „Und täglich grüßt das Phrasenschwein”

Flucht in die Floskel

Carl-Friedrich Höck20. Februar 2020
Cover „Und täglich grüßt das Phrasenschwein”
Der Journalist Oliver Georgi geht der Frage nach, warum Politiker oft auf Phrasen zurückgreifen.

Der Wahlkampf von Peer Steinbrück im Jahr 2013 war ein Lehrbeispiel. Der SPD-Kanzlerkandidat war als Klartextpolitiker angetreten, der die Dinge beim Namen nennt – ein ­Gegenentwurf zu Angela Merkel. Doch seine Authentizität wurde ihm zum Verhängnis. Schnell galt er als abgehoben, weil er offen darüber gesprochen hatte, keinen Wein unter fünf Euro zu trinken. Als er sich dann auch noch selbstironisch mit Stinkefinger fotografieren ließ, wurde ihm Kontrollverlust attestiert.

Der FAZ-Journalist Oliver Georgi entlarvt in seinem Buch die Widersprüche von Medien und Wählern, die sich über Floskeln und stromlinienförmige Politiker beschweren. Denn oft genug machten sie aus jeder provokanten Äußerung einen Skandal, aus kleinen Streitigkeiten eine Regierungskrise. Also flüchteten sich Politiker in inhaltsleere Formulierungen, um nicht anzuecken.

Die Demokratie aber brauche den offen ausgetragenen Konflikt, klare Sprache und Differenzierung, meint Georgi. Und appelliert an die Gesellschaft: Wer sich authentische Politikerinnen und Politiker wünsche, müsse diese auch aushalten lernen.

Oliver Georgi:
Und täglich grüßt das Phrasenschwein.
Warum Politiker keinen Klartext reden – und wieso das auch an uns liegt
Dudenverlag, 2019, 224 Seiten,
18,00 Euro, ISBN 978-3-411-71776-7

Dieser Text stammt aus der DEMO-Ausgabe 07/08 2019

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