Internationaler Frauentag

„Frauen müssen um die vordersten Plätze hart kämpfen“

Vera Rosigkeit 04. März 2019
„Wenn das Ergebnis stimmt, lohnt sich die Arbeit allemal“: Afra Gamoori, jüngste Ratsfrau in Hannover.
Am 8. März 2019 ist internationaler Frauentag. 100 Jahre nachdem Frauen zum ersten Mal wählen und gewählt werden konnten, fordern viele Frauen ein Paritätsgesetz. Ein Anlass, um mit einer jungen, aktiven Kommunalpolitikerin zu sprechen. Ein Interview mit Afra Gamoori, der jüngsten Ratsfrau Hannovers.

Frau Gamoori, was motiviert Sie, als Ratsfrau in Hannover ehrenamtlich tätig zu sein?

In unserer Gesellschaft geht die Schere zwischen Armut und Reichtum leider immer weiter auseinander und führt zur Spaltung. Was für mich zählt, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt und Frieden. Daher liegt mir die Bekämpfung von Armut sehr am Herzen. Als schul- und bildungspolitische Sprecherin meiner Fraktion gilt mein Engagement besonders den Kindern und Jugendlichen, die unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen. Laut der neuesten OECD-Studie hängt der Bildungserfolg in Deutschland nach wie vor sehr stark von der sozialen Herkunft eines Kindes ab. Wer aus ärmeren Verhältnissen stammt, schafft nicht ohne Weiteres den sozialen Aufstieg. Wie können wir also den Kindern helfen, die vor solchen besonderen Herausforderungen stehen? Das ist für mich eines der wichtigsten Themen, weshalb ich nun seit zehn Jahren in der SPD aktiv bin und mich mit zahlreichen Genoss*innen gegen Kinderarmut stark einsetze.

Warum sind Kinderarmut und Bildung wichtige Themen für Sie?

Das hängt wohl mit meiner Biographie zusammen. Als eines von drei Kindern einer alleinerziehenden Mutter aus dem Iran haben wir als politische Flüchtlinge in materieller und finanzieller Hinsicht hier nie viel gehabt. Ich weiß, was es heißt, mit wenigen Dingen im Leben auskommen zu müssen und welche Auswirkungen das hat. Meine Mutter hat aber immer für uns gekämpft. In Deutschland hat sie ihre Ausbildung gemacht und arbeitet als Erzieherin. Bildung habe ich seit meiner Kindheit als eine Chance gesehen im Leben voranzukommen - und der Wille nach Veränderung hat mich stets vorangebracht. Mittlerweile beende ich den Master of Education, arbeite als Lehrerin und bin überzeugt davon, dass man den sozialen Aufstieg durch gute Bildung und harte Arbeit schaffen kann.

Wie sieht der Alltag einer Ratsfrau aus?

Angesetzt sind etwa 20 Stunden die Woche für die ehrenamtliche Arbeit, meistens sind es mehr. Ich bin Mitglied im Fraktionsvorstand und als Bildungssprecherin zuständig für 104 Schulen in meiner Kommune. Zudem gehöre ich dem Gleichstellungs- sowie Jugendhilfeausschuss an und leite als Vorsitzende die Sanierungskommission Sahlkamp-Mitte im Rahmen des Bundesprogramms „Soziale Stadt“. Darüber hinaus bin ich Mitglied im Aufsichtsrat von hannoverimpuls GmbH, die sich u.a. um die Schaffung neuer Arbeitsplätze kümmert und Hilfestellung in Gründungsfragen bietet, insbesondere auch für Frauen, z.B. durch Gründerinnen-Consult oder das Unternehmerinnenzentrum als Tochtergesellschaft. Außerdem biete ich regelmäßig Bürger*innensprechstunden an, besuche die Einrichtungen vor Ort und kümmere mich um unsere Bündnisarbeit. Da kommt einiges zusammen.    

Damit hat sich meine nächste Frage, warum so wenig Frauen in der Kommunalpolitik aktiv sind, eigentlich schon erübrigt. Ist der hohe Zeitaufwand nicht auch eine große Hürde?

Ja, es ist sehr viel Arbeit und alles ist ehrenamtlich. Das hindert sicher einige daran, sich neben Beruf und Privatleben zu engagieren. Aber wenn man eine Vision hat und wirklich etwas bewegen will, bleibt man mit Spaß und Motivation am Ball. Ein Beispiel: An zwei Integrierten Gesamtschulen hier in Hannover, die über keine gymnasiale Oberstufe verfügten, haben sich die Schüler*innen gewünscht, gemeinsam an ihrer Schule das Abitur machen zu können. Dafür haben wir uns intensiv eingesetzt – mit Erfolg! Ab dem Schuljahr 2019/2020 werden die Oberstufen eingeführt. Damit ist für die Eltern und Kinder ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Wenn das Ergebnis stimmt, lohnt sich die Arbeit allemal.

Welche Hürden gab es auf ihrem Weg ins Amt?

Eine Hürde war die Listenaufstellung. Da sind die Plätze sehr umstritten, denn einige Herren möchten gerne die vordersten und sichersten Plätze für sich und schrecken auch nicht vor unangemessenen Methoden und Einschüchterungsversuchen zurück. Es ist sehr schwierig, diese gläserne Decke zu überwinden, besonders wenn sich Männer, die ohnehin schon seit Jahren in den Ämtern sitzen, gut miteinander verbünden und alte Seilschaften pflegen. Man muss sich die vordersten Plätze als Frau oft hart erkämpfen. Von der sozialen Herkunft und dem Migrationshintergrund in meinem Fall ganz abgesehen.  

Wie viele Frauen gibt es denn im Stadtrat von Hannover?

Nur 20 von 65 (30,76 %). Während die SPD 9 von 21 und die Grünen 7 von 10 Frauen stellen, sieht es bei den anderen Fraktionen sehr mau aus: Bei der CDU sind es 3 von 16, bei den Linken/Piraten 1 von 5. Von den 3 Ratsmitgliedern der FDP, den 5 der AfD und je 2 aus DiePARTEI und DieHannoveraner sind alle männlich.

Im Jahr 100 nach Einführen des Frauenwahlrechts fordern viele Frauen ein Paritätsgesetz. Wäre das eine Lösung?

Den Vorstoß finde ich sehr gut. Es bedeutet, dass alle Parteien die Verantwortung dafür zu tragen haben, mehr Frauen für politische Ämter zu gewinnen. Zurzeit lässt sich anhand des Frauenanteils aber auch erkennen, wie die Parteien politisch aufgestellt sind. Es spricht ja für sich, dass die SPD die Geschlechterquote hat und die Grünen und Linken besonders stark darauf achten, wenn wir uns z.B. ihren Frauenanteil im Deutschen Bundestag ansehen, während er bei der CDU, FDP und AfD wirklich unterirdisch ist. Kritisch sehe ich nur, dass dieser Unterschied dadurch erblassen könnte. Aber letztendlich geht es ja darum, unsere Gesellschaft in den Parlamenten besser abzubilden und dafür ist das Paritätsgesetz richtig und wichtig.

Sind Sie als junge Frau gut akzeptiert?

Ich mache sehr unterschiedliche Erfahrungen: Es gibt durchaus viele, die mir zusprechen, mein Engagement bewundern und mich sogar als Vorbild bezeichnen. Das gibt mir echt Kraft, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Leute, die hartnäckig gegen mich arbeiten, und zwar je mehr ich an Einfluss gewinne.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Da gibt es eine Sache: Ich habe es trotz anfänglicher Widerstände geschafft, ein Konzept für Schulen mit besonderen Herausforderungen in der Landeshauptstadt Hannover mit unserer Fraktion durchzusetzen. Darunter verstehen wir vor allem Schulen, an denen der Armutsanteil von Familien, der Anteil von Kindern nicht-deutscher Herkunftssprache oder der Anteil von Kindern mit besonderem Förderbedarf weit über dem Durchschnitt liegt. Beispielsweise sollen sie Unterstützung durch multiprofessionelle Teams erhalten, also mehr sonder- und sozialpädagogische sowie schulpsychologische Betreuung und interkulturelle Bildungsarbeit. Dieses Konzept haben wir im letzten Jahr beschlossen und stellen insgesamt 750.000 Euro für 2019 und 2020 bereit. Die Verwaltung wurde dazu beauftragt, hierfür Gespräche mit dem Land aufzunehmen. Die SPD-geführte Landesregierung hat das neue Programm „Schule PLUS“ aufgelegt, das mit 6 Mio. Euro stark gefördert wird. Davon werden insgesamt 20 Schulen in Niedersachsen, 8 davon in Hannover mit 2,4 Mio. Euro, profitieren. Die Zusammenarbeit zwischen dem Land und der Kommune läuft gut und kann an dieser Stelle als einen wichtigen gemeinsamen Beitrag zur Bekämpfung von Kinderarmut betrachtet werden.

Der Text ist zuerst auf vorwärts.de erschienen.

 

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