Folgen des Tagebaus

Geschichte unter dem Bagger

Harald LachmannMaicke Mackerodt21. Dezember 2020
Scado, 1410 erstmals urkundlich erwähnt, war eines jener Dörfer, das durch den Tagebau Koschen vor mehr als 50 Jahren überbaggert wurde.
Dörfer mussten Bergbau und Energiewirtschaft weichen – in Ost und West. Vergessen sind sie jedoch bis heute nicht

Höchst ungewöhnliche kommunale Jubiläen begehen in diesem Jahr zahlreiche Menschen in der Lausitz. Denn die Dörfer, derer sie hierbei gedenken, gibt es gar nicht. Genauer gesagt, es gibt sie nicht mehr. Sie – wie viele andere – fielen dem Energiehunger der Gesellschaft zum Opfer: geschätzt rund 400 Ortschaften zwischen Rhein und Neiße. Man hatte sie einst für die Erweiterung von Braunkohletagebauen oder den Anstau von Kühlwasserreservoirs für Kohlekraftwerke abgebrochen bzw. devastiert, also der Verwüstung überlassen. 100.000 Deutsche in Ost wie in West verloren so ihre Wurzeln.

Wenigstens Namen überlebten

Zu ihnen gehörte Merzdorf im sächsischen Landkreis Görlitz, das vor 40 Jahren im Tagebau Bärwalde verschwand. Oder Wunscha bei Weißwasser: Im Jahr 2020 ist es 35 Jahre her, dass die Gemeinde dem Tagebau Reichwalde geopfert wurde. Doch vergessen ist sie nicht. Schon seit 2012 versammeln sich frühere Einwohner zu Erinnerungstreffen, um neben Wunscha auch die ebenfalls abgebrochenen Orte Schadendorf und Publick zumindest gedanklich am Leben zu erhalten. Und Ende 2019 schlüpften mehr als 100 Interessierte in Gummistiefel, um ihrem einstigen Heimatort Quitzdorf buchstäblich auf den Grund zu gehen: Wegen Reparaturarbeiten an der Staumauer war das Wasser in jenem See abgelassen worden, der hier vor 50 Jahren anstelle des Dorfe entstanden war.

Viele der verschwundenen Dörfer überlebten wenigstens dem Namen nach. So erinnert an den Ort Merzdorf etwa ein nach DDR-Vorbild gestaltetes gelbes Ortseingangsschild, das dort steht, wo sich einst die Ortslage befand. Und Quitzdorf lebte wieder auf, weil nicht nur der Stausee nach der Gemeinde benannt wurde, die er einst verschluckte, sondern auch, weil sich im Jahr 1994 die beiden Dörfer Kollm und Sproitz zu Quitzdorf am See zusammenschlossen. Auch viele der anderen rund 80 abgebrochenen Lausitzer Orte in Sachsen und Brandenburg dienen heute als Namenspaten für neue Gewässer, für Feriencamps, Fahrgastschiffe, Denkmale oder Landmarken.

Oft sind diese Namenswurzeln den Nachgeborenen gar nicht mehr bewusst, so dass sie sich womöglich wundern, weshalb der spektakuläre Wohnhafen mit den schwimmenden Häusern am Geierswalder See bei Hoyerswerda – ein früherer Tagebau – Scado heißt. Denn auch Scado, 1410 erstmals urkundlich erwähnt, war eines jener Dörfer, dessen Überbaggerung durch den ­Tagebau Koschen für manchen der vor 55 Jahren umgesiedelten Bewohner ­Anlass zu schwermütigem Gedenken war. 220 Menschen mussten damals die Heimat verlassen.

An Scado erinnern zudem eine Straße und eine kleine Gedenkstätte in Geierswalde sowie das Yacht- und Sportressort „Gut Scado“ am Partwitzer See. Dieses künstlich aus einem Restloch des Tagebaus Scado geflutete Gewässer hält ebenfalls einen verschwundenen Ort lebendig: Groß Partwitz. Auch hier trafen sich unlängst viele der einst 410 Einwohner, um des Beginns der Devastierung von Groß Partwitz vor 50 Jahren zu gedenken. Mit einiger Genugtuung regis­trierten sie dabei, dass auf einer schmalen Halbinsel, die weit in den Partwitzer See ragt, noch immer einige originale Obstbäume ihres Dorfes Früchte tragen.

Alte Bergmannssymbole

Heute gehören die früheren Ortslagen von Scado und Groß Partwitz im rekultivierten Lausitzer Seenland zur Gemeinde Elsterheide. Diese hat ihren Sitz in Klein Partwitz – und wer hier auf der Hauptstraße westwärts radelt, passiert am Ende einer historisierenden Kopfsteinpflasterallee eine kleine Erinnerungsstätte an Groß Partwitz. Der Künstler Manfred Vollmert aus Seidewinkel bei Hoyerswerda gestaltete dafür im Jahr 2001 mehrere Bronzetafeln mit Motiven aus dem Leben des Ortes.

Gleichwohl denkt man in der Gemeinde Elsterheide vor allem nach vorn. Und bei allem Schmerz über nicht wiederkehrende Dörfer, Häuser und Gärten blicken die Menschen nicht nur im Groll zurück auf die Ära von Kohlenbergbau und -verstromung. Denn dies brachte auch Arbeit, Wohlstand und nun eben völlig neue Chancen in die Region. So versehen sie moderne Bauten mit alten Bergmannssymbolen. Hierzu gehört etwa der soeben eröffnete Barbarakanal, der nach 16-jähriger Bauzeit den Partwitzer See nunmehr schiffbar an den Geierswalder See andockt. Denn seinen Namen bezieht er von der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute.

Erkelenz: Heimatmuseum der besonderen Art

Ein „Heimatmuseum“ der besonderen Art gibt es am Niederrhein. Im „virtuellen ‚Museum der verlorenen Heimat‘“ werden verschwundene Dörfer aufbewahrt, die im Osten von Erkelenz dem Braun­kohletagebau Garzweiler II weichen mussten. Mit dieser äußerst gelungenen Online-Version ist der „Heimatverein der Erkelenzer Lande“ so etwas wie ein Pionier in der regionalen Museumslandschaft geworden. Die Stadt Erkelenz hat eine Besonderheit: Von 42 angeschlossenen Ortschaften fallen sieben in das ­Abbaugebiet Garzweiler II. Eine multi­mediale Online-Plattform zeigt den Verfall und den Abbau der Tagebaurand­dörfer. Zur Internet-Plattform gehören neben Texten und Bildern beeindruckende Videos, Panoramaszenen, Audioaufnahmen und interaktive 3D-Aufnahmen. So, als wäre man live vor Ort. Dabei sind die Landschaft und die historischen Bauwerke unwiederbringlich verloren.

„Das ‚Virtuelle Museum der verlorenen Heimat‘ ist ein innovatives Projekt mit Vorbildfunktion. Der Heimatverein hält so die Erinnerung an Orte wach, die dem Braunkohletagebau weichen mussten“, sagt Harry K. Voigtsberger (SPD), der bis 2012 NRW-Wirtschaftsminister war. Der Staatsminister a.D. ist mittlerweile Ehrenpräsident der NRW-Stiftung, die das Pilot­projekt seinerzeit großzügig finanziell unterstützt hat. „Der Verein nutzt neue digitale Angebote, damit die Geschichte der Dörfer nicht in Vergessenheit gerät.“

Erkelenz im Kreis Heinsberg besitzt seit dem Zweiten Weltkrieg kein Heimatmuseum mehr, weil der Unterhalt kaum noch zu finanzieren war. Deswegen sah der Heimatverein der Erkelenzer Lande,  – so heißt er ganz offiziell, weil viele kleinere Ortvereine dort vereint sind – im Internet eine Chance, geschichtliche und kulturelle Schätze vernetzt und anschaulich darzustellen. Rund 7.500 Menschen werden durch den Braunkohletagebau ihre Heimat verlieren. Darauf spielt der Namens-Zusatz „verlorene Heimat“ an. Als Trendsetter macht der Verein auf die Vernichtung seiner wertvollen Kultur­güter aufmerksam – und nahm mit dem Instagram-Hashtag #MuseenEntdecken dieses Jahr sogar erstmals am Internationalen Museumstag teil.

Bereits im Herbst 2018 hat das virtuelle Museum bildlich gesprochen seine Tore geöffnet. Wichtig war den Initiatoren, zunächst die Geschichte und Kultur der Ortschaften darzustellen, die wegen Garzweiler II abgebaggert wurden. Erst im zweiten Schritt wird das virtuelle Projekt sich auf alle anderen Orte und die Stadt Erkelenz selbst ausweiten. Es gibt keine Museumsräume, in denen die Exponate ausgestellt werden – Fotos, Filme und Geschichten sollen die verschwundenen Bauwerke und Landschaften im kollektiven Gedächtnis bewahren. Heimat wirklichkeitsnah präsentieren nennen es die Macher, die dieses Jahr gern ihr 100-jähriges Vereinsbestehen gefeiert hätten. Das wurde coronabedingt verschoben.

Aktuell können Museums-Besucher ­Erkundungsgänge sogar mit Kugelpanorama-Optik unternehmen, z. B. durch die Kirche in Keyenberg, sich den Friedhof in Borschemich aus dem 12. Jahrhundert oder den Fronhof in Immerath aus dem 13. Jahrhundert anschauen und alles über deren Geschichte erfahren. „Als der Turm des Immerather Doms Anfang Januar 2018 dem Abrissbagger zum Opfer fiel, das hat sich den Menschen ins Gedächtnis gebrannt“, weiß Katharina Gläsmann (SPD), die seit 2014 im Stadtrat sitzt. „Der Dom war selbst finanziert, das tut weh.“

Für die SPD-Ortsvereinsvorsitzende in Erkelenz kommt Geschichte ohne Ende unter den Bagger: „Höfe, die seit Jahrhunderten bewirtschaftet waren. Kulturlandschaft mit uralten Dörfern und Alleen werden für ein bisschen Kohle in den Kamin geblasen. Wir waren der einzige Ortsverein, der strikt gegen den Tage­abbau war – und keiner versteht uns.“ Die Tochter der langjährigen SPD-Vize-Bürgermeisterin Astrid Wolters weiß, ­Erkelenz büßt ein Drittel der Stadtfläche ein, ohne einen Gegenwert zur Kohle. „Wir leben nicht von der Braunkohle, hier leben Landwirte und Kaufleute. Wir verlieren nur durch dieses Loch, wie wir es hier nennen“, weiß ­Katharina Gläsmann. „In den Dörfern gibt es eine sehr engagierte Bürgerschaft, Geschichte ist uns etwas wert.“ Die Kirche Heilig-Kreuz Keyenberg wird 2023 weggebaggert. Vorab wird „Der Schatz von Keyenberg“ mit ein paar Spielen im Heimatmuseum online gehen, um auch die jüngeren Generationen an die Geschichte ihrer Heimat heranzuführen.

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