Buchrezension: Hoffen, helfen, heilen

Ein gestandener Kommunalpolitiker gibt den Anstoß für eine Spenderdatei für Leukämiekranke

Maicke Mackerodt18. Mai 2017
Eine Blutprobe genügt, um die benötigten Gewebemerkmale zu bestimmen. Nach der Typisierung können die Daten des Spendewilligen im Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) hinterlegt werden.
Emil Morsch verlor seinen Sohn Stefan in den 80er Jahren durch Leukämie. Der langjährige SPD Kommunalpolitiker aus Birkenfeld an der Nahe gründete daraufhin die Stefan-Morsch-Stiftung, die seit über 30 Jahren die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands betreibt. Seine Erinnerungen hat Emil Morsch jetzt in seinem Buch „Hoffen, Helfen, Heilen. Leukämie geht uns alle an“ zusammengetragen.

Rückblick und Erinnerungen eines Lebensretters. Wenn Eltern Ende der 1970 Jahre die Diagnose erhielten, ihr Kind sei an Leukämie erkrankt, war das für mehr als die Hälfte der Patienten das Todesurteil. Damals gab es noch keine Spenderdateien, keine digitale Vernetzung, keine wohnortnahe Transplantationszentren. Krankenkassen wollten die Kosten nicht übernehmen, weil die Übertragung von Knochenmark nicht als etablierte Heilmethode galt. Damals wurde nur transplantiert, wenn es in der Familie passende Stammzellenspender gab, die „genetisch kompatibel“ waren. Für den 16jährigen Stefan Morsch aus Birkenfeld in Rheinland-Pfalz kam kein Familienspender in Frage – wie in zwei Drittel aller Fälle.

Spenden für Knochenmarktransplantation

Die entscheidende Entdeckung machte der frühere Reserveoffizier Emil Morsch im Juli 1983 auf dem Rückflug von einer Wehrübung auf Kreta eher zufällig. Der frühere Beamte der Bundeswehrverwaltung las von einer Spenderbank in London und von der Möglichkeit einer Fremdspende. Damals war die Operation nur in den USA möglich. Der heute 74jährige Vater flog zunächst mit seinem Sohn nach London. Die Chance, einen geeigneten Spender zu finden lag bei 1:700.000. Aber es gelang. US-Mediziner und spätere Nobelpreisträger Prof. Edward Donall Thomas und sein Team in Seattle galten als Pioniere auf dem Gebiet der Knochenmark-Transplantation, schreibt Emil Morsch. „Sie waren bereit, Stefan zu behandeln. Stefan war Versuchsobjekt und - so seltsam das auch klingt - Pionier.“

Bevor es soweit war, musste die Familie noch die „astronomische Summe von 350 000 D-Mark“ als Vorauszahlung aufbringen. Die Finanzierung wurde nur möglich, weil es eine Welle der Hilfsbreitschaft gab. „Die Menschen standen vor der Bank Schlange, um ihre Spenden einzuzahlen“, schreibt Emil Morsch. Die Nachricht von der erfolgreichen Stammzellenbehandlung ging vor 30 Jahren durch die Weltpresse. Stefan Morsch war der erste Europäer, dem Knochenmark eines fremden Spenders übertragen wurde. Vor laufenden Kameras machte er seine Idee publik, eine Spenderdatei aufzubauen, um Leukämiekranken bessere Überlebenschancen einzuräumen. Stefan Morsch wollte das Computerprogramm selbst schreiben, starb aber ein halbes Jahr nach dem Eingriff an einer Lungenentzündung.

Auslöser für weltweites Netzwerk

Seine Idee war der Auslöser zu dem heute weltweit funktionierenden Netzwerk, das die Suche nach dem genetischen Zwilling unterstützt. Nach dem Tod des Sohnes gründeten Hiltrud und Emil Morsch 1986 im Namen ihres Sohnes eine Stiftung, legten Deutschlands die erste Stammzellenspenderdatei an und berieten anfangs in ihrem Wohnzimmer andere Leukämiepatienten. Heute sind in dem Netzwerk über 500.000 Menschen registriert. Allein in Deutschland erhalten 6000 Patienten so die Chance, den Blutkrebs zu besiegen. Die Stiftung unterstützte den Aufbau des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) und gründete die „Klinik für Knochenmarktransplantationen“ in Idar-Oberstein. Emil Morsch wurde für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Kenntnisreich und sensibel informiert der Fraktionsvorsitzende des Verbandsgemeinderats Birkenfeld-Nahe in seinem Buch über die eher seltene Krebsform Leukämie. Emil Morsch, der seit 1974 in der Kommunalpolitik aktiv ist, zeigt detailliert auf, welche Hilfsangebote und Heilungschancen es gibt, informiert über den neuesten Stand der Forschung, worauf Spender und Patienten achten sollten. Und er möchte Menschen dazu bringen, sich als Stammzellenspender registrieren zu lassen, damit sie im Ernstfall einem an Leukämie erkrankten Menschen eine Chance geben, weiter zu leben.

Erinnerungen des SPD-Urgesteins Emil Morsch. Cover: www.westendverlag.de

Hoffen, Helfen, Heilen. Leukämie geht uns alle an. Westend Verlag Frankfurt 2017, 176 Seiten 16 € zu bestellen u.a. in der vorwärts Buchhandlung.

 

Kommentar hinzufügen