Bildungsgerechtigkeit

Warum gute Schulen und Kitas für alle systemrelevant sind

Benedikt Dittrich17. Juli 2020
Schulische Bildung ist nur ein Schwerpunkt der Arbeit der AfB: Seit 100 Jahren kümmert sich die SPD-Arbeitsgemeinschaft um Bildungsfragen.
Im Lockdown wurde vielen schlagartig bewusst, wie wichtig Schulen und Kitas für die gesamte Gesellschaft sind. Das ist eine große Chance, sagt Bildungsökonomin C. Katharina Spieß.

Mitte März wurden in Deutschland Kitas und Schulen geschlossen, vier Monate später sind die Bildungseinrichtungen nach wie vor auf der Suche nach neuen Routinen. Wie genau der Unterricht nach den Sommerferien wieder anlaufen kann, ist noch unklar.

Ungleiche Voraussetzungen

Dabei sind die Einrichtungen und vor allem das pädagogische Fachpersonal zentral für eine gute Bildung der Kinder und Jugendlichen, wie die Bildungsökonomin C. Katharina Spieß erklärt. Trotz aller Bemühungen der Eltern, ihren Nachwuchs zu Hause zu betreuen, zu unterstützen und zu motivieren: „Eltern können keine Lehrkräfte ersetzen“, sagt die Expertin. Hinzu kommt, dass die Corona-Krise bestehende Ungleichheiten noch verschärft haben dürfte. Denn nicht jede Familie wurde von der Corona-Krise gleich stark getroffen und nicht jedes Kind hat zu Hause die gleichen Voraussetzungen, um eine Gleichung zu lösen oder einen Aufsatz zu schreiben.

Während Lehrer per Videokonferenz unterrichteten und Aufgabenzettel digital verteilten, konnten sich Schüler monatelang den Weg zur Schule sparen. Doch das ist nur auf den ersten Blick für alle von Vorteil. Denn ob das Kind in einem eigenen Zimmer lesen, schreiben und rechnen kann oder sich wenige Quadratmeter noch mit Eltern oder Geschwistern teilen muss, macht einen riesigen Unterschied. „Tatsächlich gibt es einen großen Zusammenhang zwischen der Leistungsstärke der Kinder und ihrer häuslichen Lernumgebung“, erklärt Spieß. „Sei es der eigene Schreibtisch, das eigene Zimmer, der eigene PC, an dem besser gelernt werden kann – hier schneiden leistungsschwächere Kinder nicht so gut ab, ihre häusliche Lernumgebung ist schlechter“, sagt die Wissenschaftlerin, die an der Freien Universität Berlin den Lehrstuhl für Bildungs und Familienökonomie innehat.

Wer Ruhe und Platz hat, lernt besser

Gleichzeitig ist die häusliche Lernumgebung in der CoronaKrise eben die einzige gewesen, die den Kindern zur Verfügung stand, während die Schulen dicht waren. Deswegen misst die Professorin für Bildungs und Familienökonomie ebenjener Lernumgebung in der Krise eine noch größere Bedeutung als zuvor zu. Dazu zählen die Größe der Wohnung und andere Faktoren, die das lernver halten und die Motivation der Schüler beeinflussen.

Spieß befürchtet, dass sich schon vorhandene Ungleichheiten deshalb während der Krise noch verstärkt haben. „Bildungsbenachteiligte Kinder oder solche mit Lernproblemen, die ohnehin Schwierigkeiten im Schulsystem haben, haben durch die Schul- und Kitaschließungen größere Probleme als viele andere.“

Schon vor Corona fehlte Personal

Spieß, die zusätzlich zu ihrer Professur auch die Abteilung Bildung und Familie am Deutschen institut für Wirtschafts forschung (DiW) in Berlin leitet, ist indes nicht überrascht von den Herausforderungen, vor denen das deutsche Bildungssystem jetzt steht. Denn wie im Gesundheits- und Pflegebereich fehlt im Bildungsbereich ebenfalls das Personal. „Uns fehlen viele pädagogische Fachkräfte. Das hat aber nicht nur mit der Aus- und Weiterbildung, sondern auch mit den niedrigen Löhnen zu tun“, er läutert sie.

Ein Problem, dass das Konjunkturpaket nicht lösen könne, da der Bund nicht in die Tarifautonomie eingreifen dürfe. Qualifikationsmaßnahmen könnten allerdings indirekt Akzente setzen und die Attraktivität der Berufe steigern, meint Spieß. Außerdem sollten bildungsbenachteiligte Schüler*innen gerade jetzt unterstützt werden, damit sie aufholen könnten, was sie im Lockdown verpasst haben.

„Wir vergessen häufig, dass eine gute Kita und Grundschulbildung sich auch langfristig bezahlbar macht“, ergänzt Spieß. Aus ihrer Sicht sind investitionen in den Bildungsbereich deswegen ähnlich nachhaltig wie in Klimatechnologien, sie machten sich aber erst nach 20, 30 Jahren bezahlt. „Wenn die nachfolgende Generation unsere Schulden bezahlen soll, dann müssen wir in diese Generation investieren. Das geht in der Diskussion teilweise leider unter.“

Und so kann sie der Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen: „Es ist sehr deutlich geworden, welche Bedeutung Kitas und Schulen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für Familien schlechthin haben.“

Diese Aufmerksamkeit sieht die Wissenschaftlerin als Chance, die die Bildungs- und Familienpolitik nutzen sollte. „ich hoffe, jetzt haben mehr Wählerinnen und Wähler gespürt, wie zentral diese Dienstleistungen für unsere Gesellschaft sind.“

Dieser Artikel ist zuerst auf vorwaerts.de erschienen und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Berliner vorwaerts Verlags.

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