Modellprojekt medizinischer Versorgung

Hamburger Gesundheitskiosk für sozial Benachteiligte

Susanne Dohrn 29. Juli 2022
In sozial benachteiligten Stadtteilen gibt es zu wenig Ärzte, aber laut Statistik besonders viele Menschen mit chronischen Erkrankungen. Hamburg hat reagiert. In einem Stadtteil finden sie intensive Beratung. Es könnte ein Modell fürs Land werden.

Manchmal sagt eine Zahl mehr als tausend Worte: Im wohlhabenden Hamburg Blankenese beträgt die Lebenserwartung durchschnittlich 82 Jahre, in Billstedt/Horn sind es 72 Jahre. Solche Unterschiede gibt es nicht nur in Hamburg. Lebensumstände und Lebenserwartung hängen zusammen. Eigentlich müsste die Versorgung mit Ärzten dort besonders gut sein, wo es den Menschen gesundheitlich am schlechtesten geht. Aber es ist umgekehrt. Während Hamburgs wohlhabende Stadtteile gut versorgt sind, lassen sich in den benachteiligten besonders wenig Ärzte nieder. In Billstedt sind es halb so viele wie im Durchschnitt der Stadt. Wo die Menschen wenig Geld haben, gibt es nur wenige Privatpatienten, ist der Aufwand höher und der Verdienst niedriger.

Um dennoch eine bessere gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen, wurde 2017 der Gesundheitskiosk im Hamburger Stadtteil Billstedt/Horn gegründet. Er liegt mitten in der Fußgängerzone. Das Wort „Gesundheitskiosk“, das an der Stirnseite eines hellen, offenen Ladengeschäfts prangt, ist nicht übersehen. Der Eingang ist einladend konzipiert: große Fenster zur Straße, Kinderspielzeug im Eingangsbereich, ein Tresen, Stühle für Erwachsene und Kinder, Informationsmaterial in vielen Sprachen sorgen dafür, dass alle sich willkommen fühlen können. Im hinteren Bereich gibt es einen großen Seminarraum für Vorträge, Gymnastik, Sport und Entspannung. Um mehr über das Konzept zu erfahren besuchten Heike Baehrens, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, und weitere SPD-Gesundheitsexperten den Kiosk zu einem Hintergrundgespräch. Die Leitfrage war: „Wie können wir das Gesundheitssystem so weiterentwickeln, dass alle Menschen Zugang haben“, so Heike Baehrens.

Patienten-Mitwirkung ist das Ziel

Im Kiosk laufen die Fäden der medizinischen Versorgung im Stadtteil zusammen. Die meisten Ärzte sind mit dem Kiosk vernetzt und der wiederum mit Krankenhäusern, der Stadtteilklinik, Pflegeheimen und den Sportvereinen. Gut 60 Prozent der Menschen, die in Hamburg Billstedt leben haben einen Migrationshintergrund. Im Kiosk werden die Sprachen des Stadtteils gesprochen – von Türkisch, über Afghanisch bis Russisch. „Etwa 60 Prozent unserer Patientinnen und Patienten haben eine Überweisung und eine Diagnose vom Arzt“, sagt Cagla Kurtcu, die Leiterin des Gesundheitskiosks. 20 Prozent kommen, z.B. weil ein Nachbar die Beratung empfohlen hat. Weitere 20 Prozent werden von den Sportvereinen geschickt. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Kiosk ergründen die medizinische Vorgeschichte und sorgen dafür, dass aus der Diagnose das wird, was im Mediziner-Jargon „Compliance“ heißt, die aktive Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen.

Dazu übersetzen sie nicht nur in die Heimatsprache, sie veranschaulichen und begründen auch die therapeutischen Maßnahmen, fragen nach weiteren Arztbriefen und Diagnosen. Sie erklären, warum man als Diabetiker kein Brot essen soll, warum es ungesund ist, jeden Tag Fleisch zu essen oder was der Unterschied ist zwischen Cola und Cola light. Sie fragen nach Medikamenten, die jemand nehmen muss, um von da aus auf die Grunderkrankungen zu schließen, weil viele Patienten auf die Frage nach einer chronischen Krankheit erst einmal mit „Nein“ antworten. So ein Erstgespräch dauert eine Dreiviertelstunde, Zeit die ein Arzt nicht hat, zumal die wenigen Praxen im Stadtteil völlig überlaufen sind. 

Thema im Koalitionsvertrag 

Der Gesundheitskiosks entstand „aus Enttäuschung und Frustration“, sagt Dr. Dirk Heinrich, Hals-Nasen-Ohrenarzt in Billstedt und Vorsitzender des Ärztenetzes Billstedt/Horn. Die Ärzte vor Ort hatten festgestellt, dass ihre Patienten und Patientinnen nicht nur Therapien häufiger abbrechen. Sie haben auch kaum gesundheitliche Kenntnisse, sodass sie die Diagnosen und den Sinn von Verordnungen oft nicht nachvollziehen können. Die Ausübung des Arztberufes wurde zum Kampf gegen Windmühlenflügel. Seit Anfang 2017 wird das Konzept umgesetzt. Die ersten zwei Jahre finanzierte der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen fördert mit dem Fonds Lösungen für den Ärztemangel. Ab 2020 erfolgt die Finanzierung durch sechs Krankenkassen (AOK Rheinland/Hamburg, BARMER, DAK Gesundheit, Mobil Krankenkasse und Techniker).

Daten, die die AOK erhoben hat, zeigen, dass die Investition in den Gesundheitskiosk sich lohnt. Seit es ihn gibt, sinken die Krankenhauseinweisungen und weniger Patienten und Patientinnen landen in der Notaufnahme. Trotz der Ausgaben für den Kiosk spart die AOK am Ende sogar Geld, berichtet Dr. Heinrich. Am meisten profitieren jedoch die Bewohnerinnen und Bewohner von Billstedt/Horn. Sie erhalten eine fachkundige Beratung in ihrer Sprache, übersetzt in ihre Kultur. Da fällt es sehr viel leichter, aktiv zugunsten der eigenen Gesundheit mitzuwirken. In den Koalitionsvertrag hat das Thema es schon gefunden. Er spricht sich für niedrigschwellige Beratungsangebote in besonders benachteiligten Standorten aus. 

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