Homophobie in Polen

Immer mehr polnische Kommunen erklären sich für schwulen- und lesbenfrei

Katarzyna Tuszyńska 28. Februar 2020
Die Gemeinde Tuchów in Kleinpolen. Die Kommune hat sich für schwulen- und lesbenfrei erklärt. Im Gemeinderat sitzen mehrheitlich Vertreter der nationalkonservativen PiS-Partei.
In ganz Polen haben sich mehr als 80 Kommunen für „schwulen- und lesbenfrei” erklärt. Polnische Organisationen warnen und fordern Kommunen EU-weit auf, betroffenen Kommunen die Partnerschaft zu kündigen.

Die französische Gemeinde Saint-Jean-de-Braye hat Mitte Februar ihre Beziehungen zur  polnischen Gemeinde Tuchów in der Woiwodschaft Kleinpolen abgebrochen – ein drastischer Schritt, der aber aus Sicht der Franzosen notwendig war. Denn Tuchów hat sich den Kommunen in Polen angeschlossen, die sich für „schwulen- und lesbenfrei“ erklärt haben. Sie gehören zur Anti-LGBT-Community. LGBT kommt aus dem Englischen und bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender.

Harte Konsequenzen

Während die Franzosen nach dem Beschluss der bisherigen polnischen Partnergemeinde harte Konsequenzen gezogen hatten, bedauerte Tuchóws Bürgermeisterin Magdalena Marszałek diesen Schritt. „Es tut mir sehr leid, dass 25 Jahre Zusammenarbeit unter solchen Umständen enden. Ich habe nicht erwartet, dass uns so etwas hier betrifft. Umso mehr, dass der Ratsbeschluss nicht die Position der Einwohner der gesamten Gemeinde ist“, sagte sie gegenüber der polnischen Presseagentur PAP. „Wir sind offen für Europa und die Welt, ich schätze internationale Kontakte sehr,“ fügte sie hinzu.

Die Bürgermeisterin erklärte, dass die Resolution Mitgliedern des PiS-Klubs dem Stadtrat vorgelegt worden sei. Dieser verfüge über die Mehrheit dort. Sie selbst habe diese Entschließung nicht unterstützt und sei nicht die Initiatorin gewesen. „Ich habe davor gewarnt, dass die Annahme Konsequenzen haben kann und unserer Gemeinde großen Schaden zufügen wird“, sagte Marszałek.

Stiftung Diversity Polska spricht von einer „Beschlussflut“

Die Zahl der polnischen Kommunen, die sich für „schwulen- und lesbenfrei“ erklären wächst. Unterschiedlichen Quellen zufolge sind es inzwischen mehr als 80 Städte und Gemeinden. Dies bestätigt unter anderem Danuta Sowińska, Präsidentin der Stiftung Diversity Polska. Die Organisation setzt sich in erster Linie für eine bunte und vielfältige Gesellschaft ein. Untersuchungen der Stiftung haben ergeben, dass gut 30 Prozent der kommunalen Gremien Polens sich entweder zu schwulen- und lesbenfrei erklärt haben oder dass ein entsprechender Beschlussvorschlag auf dem Tisch der Kommunalpolitiker liegt. Sowińska spricht von einer „Beschlussflut“.  

Das Problem betrifft indes nicht mehr nur Südpolen, das im Ausland den Ruf hat besonders konservativ zu sein. Auch in der Gemeinde Sztum, etwa 60 Kilometer  von Danzig, ist jüngst eine sogenannte Familienrechtscharta verabschiedet worden. Sie kommt dem Beschluss einer LGBT-freien Zone sehr nahe. „Wir sind im Kontakt mit unserer Vertreterin im Bezirk Ksenia Grekulak, die zusammen mit anderen eine Aktion gestartet hat, um Proteste gegen den Beschluss zu organisieren. Aktivitäten von unten sind hier sehr wichtig“, sagt Sowińska. 

„Homophobie stoppen, bevor es zu spät ist“

Deshalb hat sich auch das polenweit agierende Onlineportal für politische und soziale Informationen, OKO.press eingeschaltet. Das Portal fordert unter anderem 52 EU-Partner polnischer Gemeinden und Regionen, die sich für LGBT-frei erklärt haben auf, ihre jeweiligen Partnerschaften zu kündigen. Wie Sowińska betont seien derartige Informationen, die an 17 polnische Partnerkreise im Ausland geschickt worden sind, ein Ausdruck der Überzeugung, dass alles getan werden müsse, um Homophobie in Polen und Europa zu stoppen, bevor es zu spät ist.

„Wir als Organisation, die  für die LGBT-Community aktiv ist, haben bereits die kommunalen Behörden informiert, dass es Richtlinie der Europäischen Union gibt, nach der die sexuelle Orientierung, das Geschlecht, das Alter oder Behinderungen geachtet werden müssen“, erklärt Sowińska. Jeder Bürgerin und jeder Bürger sei zu respektieren. „In den LGBT-freien Zonen werden diese Rechte nicht respektiert.“

Persönliche Angriffe im Internet

Auch Sowińska selbst wird als bekennende Lesbe vor allem in Internet angegriffen. Als sie für ihre Tätigkeit in der Organisation Diversity Polska im November 2019 für einen Preis nominiert wurde, gab es sofort entsprechend negative Kommentare. „Eine Lesbe wurde nur dafür ausgezeichnet, weil sie lesbisch ist“, hieß es zum Beispiel.

Aber auch im Alltag bekommt Sowińska immer wieder Probleme – selbst in der als liberal geltenden 600.000-Einwohner-Stadt Danzig. „Ich dürfte keine Regenbogenflagge tragen, nicht einmal eine Brosche damit. Die Blicke, die mich treffen, sind so grausam, dass es mir unangenehm ist“. Einmal sei es ihr passiert, dass sie von zwei jungen Männern beschimpft worden sei – Sowińska war mit ihrer Verlobten Hand in Hand unterwegs.

Nach Einschätzung der Diversity Polska-Präsidentin hat sich die Lage nicht nur nach der Machtübernahme der PiS verschärft. „Ich beobachte eine immer stärkere Bindung eines großen Teils der weißen heterosexuellen Männer in Richtung der extremen rechtskonservativen und euroskeptischen Partei Konföderation“, sagt sie. Die Partei wurde im Jahr 2019 gegründet und ist mit elf Abgeordneten im polnischen Parlament, dem Sejm, vertreten.

 

http://tolerado.org/en/tolerado-en/

Stiftung Diversitiy Polska

Danuta Sowińska (38) ist Präsidentin der Stiftung Diversity Polska und Vorstandsmitglied der Organisation „Tolerado“. Diese setzt sich für die LGBT-Rechte ein. Dagegen stehen in Polen Organisationen wie „Ordo Iuris“. Sie vertreten das konservative Familienbild. Patchworkfamilien, Alleinerziehende und Homosexuelle seien demnach ohne Rechte.

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