Tag der Daseinsvorsorge

Infrastruktur, die man nicht sieht

Carl-Friedrich Höck23. Juni 2017
Reiche und Simon an einer Wasserleitung
Diese Wasserleitung muss verlegt werden: Katherina Reiche (VKU) und Jörg Simon (Berliner Wasserbetriebe) zeigen, was den Bürgern sonst verborgen bleibt.
Sauberes Leitungswasser, Strom, Gas – alles selbstverständlich? Am „Tag der Daseinsvorsorge“ weist der VKU darauf hin, wieviel Geld und Arbeit täglich in die Infrastruktur gesteckt werden muss. Verbunden wird das mit einer Bitte an Unternehmen und Bürger.

Hektischen Betrieb sind die Bauarbeiter gewöhnt, aber so viel Rummel wie am Freitagmorgen dürften selbst sie selten erleben. Genauer gesagt: Medienrummel, denn der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat die Presse auf eine Großbaustelle in Berlin-Schöneberg geladen. Mit der Aktion will der Verband auf den „Schatz unter der Straße“ aufmerksam machen, wie er es nennt: Die unterirdische Infrastruktur.

600 Baustellen in der Hauptstadt

Baustelle Bautzener Straße
Seltene Aufmerksamkeit: Der Baustellenleiter erklärt den Medienvertretern seine Arbeit.

Hier in der Bautzener Straße entstehen neue Wohnungen. Für die Berliner Wasserbetriebe heißt das: Ein 141 Jahre alter Tunnel, durch den zwei Trinkwasserleitungen führen, muss unterbrochen und umgeleitet werden. Die Kosten beziffert der Vorstandsvorsitzende Jörg Simon auf „knapp unter eine Million“, der Bauherr beteilige sich daran. Nur ein Beispiel von vielen, wie Simon deutlich macht. Leitungen mit einer Länge von mehr als 19.000 Kilometern müssten die Wasserbetriebe instand halten. Das bedeute jährliche Investitionen von 150 Millionen Euro, derzeit gebe es deswegen 600 Baustellen in der Hauptstadt.

Diese Zahlen dürften kaum einem Bürger bewusst sein, der zuhause den Hahn aufdreht und fließendes, sauberes Wasser gewohnt ist. Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des VKU, nennt es eine Herausforderung, etwas zu erklären, „was ich nicht sehe, aber was funktioniert“. Neben Trinkwasser gelte das auch für Gasleitungen, Stromleitungen, Telekommunikation und einiges mehr.

VKU beklagt Gedankenlosigkeit von Bürgern und Produzenten

Baustelle Bautzener Straße oberirdisch
„Schatz unter der Erde”: Durch dieses Loch geht es über eine Leiter in die Unterwelt.

Der Tag der Daseinsvorsorge soll all das ins Bewusstsein der Bevölkerung rufen. „Sein Zweck ist es, auf die Vielfalt der Daseinsvorsorge aufmerksam zu machen, aber auch auf die Notwendigkeit, dafür zu sorgen“, sagt Reiche. Als Beispiel für Letzteres verweist sie auf Menschen, die Medikamente ins Klo werfen, oder Unternehmen, die Kleidung mit kleinen Partikeln produzieren, die das Wasser belasten. Es könne nicht sein, dass die Landwirtschaft oder Bekleidungsindustrie sich „keine Gedanken macht und darauf vertraut, dass andere die Schadstoffe wieder herausfiltern“, so Reiche. Letztlich gehe es auch darum zu verhindern, dass die Trinkwasserpreise stetig angehoben werden müssen.

Daseinsvorsorge sei ja „ein typisch deutsches Wort“, merkt Reiche schmunzelnd an. Im Englischen etwa gebe es keinen entsprechenden Begriff – dort wird es mit „Public Service“ umschrieben. Welche Aufgaben genau unter die Daseinsvorsorge fallen, wird von Zeit zu Zeit auch wieder neu debattiert. Zählt etwa schnelles Internet zur Daseinsvorsorge? Nach Ansicht des VKU: ja. „Das gehört zu gleichwertigen Lebensbedingungen dazu“, betont Reiche. Im Übrigen könnten die Aufgaben nicht weiterhin so verteilt werden, dass die Telekom sich auf den Breitbandausbau in leicht zu erschließenden Gebieten konzentriert und kommunale Unternehmen sich um die weißen Flecken kümmern müssen.

Ebling: Mehr Kanäle als Autobahnen

Dunkel, feucht, dreckig: Es gibt schönere Arbeitsplätze als unterirdische Tunnel.

Auch der VKU-Präsident Michael Ebling wies im ZDF-Morgenmagazin auf das Ausmaß der unterirdischen Infrastruktur hin. Es gebe „so viel Kanal unter der Erde, das ist zehnmal die Strecke von Bundesautobahnen auf der Erde in Deutschland“. Das müsse unterhalten werden – von kommunalen Unternehmen. Ausdrücklich sprach sich Ebling gegen Privatisierungen aus. Stadtwerke sorgten dafür, dass Investitionen in der Region bleiben – und die Einflussmöglichkeiten der Politik seien vor Ort größer.

Dass Infrastruktur in kommunale Hand gehört, unterstreicht auf DEMO-Anfrage sogar Veolia – ein börsennotiertes Unternehmen, das unter anderem in den Bereichen Wasser/Abwasser und Abfallwirtschaft aktiv ist. Naturgemäß weist es aber darauf hin, dass Städte und Gemeinden nicht alles alleine stemmen müssten. „Kommunen profitieren von professionellen Know-how eines privaten Partners”, sagt eine Sprecherin. So habe auch Veolia eine „nachhaltig wirksame Strategie für die Erhaltung der Substanz” von Kanalsystemen entwickelt.

Tag der Daseinsvorsorge

Der „Tag der Daseinsvorsorge” findet am 23. Juni 2017 zum ersten Mal in Deutschland statt. Ausgerufen wurde er hierzulande vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Dessen Mitgliedsunternehmen machen an diesem Tag deutschlandweit auf ihre Leistungen für Bürgerinnen und Bürger aufmerksam. Bereits im Jahr 2003 haben die Vereinten Nationen einen „Internationale Tag der öffentlichen Dienste” eingeführt. Seitdem findet der „awareness day” jährlich am 23. Juni statt.

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