Handel und Logistik

Innovative Logistik für lebenswerte Städte

Timm Fuchs05. Juli 2019
Immer mehr Paketsendungen werden in Deutschland ausgeliefert.
Wie Handel, Zustelldienste und Kommunen zusammenarbeiten müssen.

Das Bestellen von Waren im Internet erfreut sich ungebremster Beliebtheit. Voraussichtlich wird noch in diesem Jahr die Grenze von vier Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen (KEP) erreicht werden. Damit hätte sich das Volumen seit dem Jahr 2005 mehr als verdoppelt. Dieses Wachstum stellt viele Städte vor Herausforderungen. Der zunehmende Lieferverkehr mit klassischen Verbrennungsmotoren behindert den Verkehrsfluss, die Emissionen belasten die Luft und damit Mensch und Umwelt. Die Verkehrsflächen innerorts sind begrenzt, es gibt eine starke Nutzungskonkurrenz mit dem Autoverkehr, aber auch mit dem ÖPNV und den Rad- und Fußverkehren, die an Bedeutung zunehmen und künftig mehr Raum einnehmen werden.

Kommunales Gestaltungsrecht

Stellt man dies in einen weiteren Zusammenhang, geht es um die Frage, wie der öffentliche Raum in der Stadt genutzt werden soll. Dies wird mittlerweile nicht mehr nur in Fachzirkeln diskutiert, sondern ist Teil einer gesellschaftspolitischen Debatte geworden. Was bedeutet das für die Organisation des Verkehrs in den Städten? Die Kommunen haben einen Gestaltungsanspruch und ein Gestaltungsrecht und können dies ausüben. Der Gemeingebrauch kann unter bestimmten Bedingungen sogar eingeschränkt werden. Die Frage ist allerdings, ob Beschränkungen und Verbote das Mittel der ersten Wahl sein sollten, um Lieferverkehre stadtverträglich zu gestalten. Viele Städte gehen bereits einen anderen Weg: Sie zeigen in kommunalen Einzelhandels- und Verkehrskonzepten Alternativen auf und erproben innovative Ansätze.

Zusammenarbeit stärken

Zukunftsfähige Logistik für Städte und Gemeinden funktioniert nur im Zusammenwirken von Handel, Zustelldiensten und Kommunen. Daher haben die gemeindlichen Spitzenverbände, der Handelsverband sowie der Bundesverband Paket und Expresslogistik ein gemeinsames Memorandum of Understanding „Gute Logistik für lebenswerte Innenstädte“ beschlossen.

Neue Antriebe und Ladezonen

Einer der Kernpunkte dieses Papiers ist die Vereinbarung, dass die KEP-Dienste ihre Fahrzeuge im Auslieferungsverkehr verstärkt und sukzessive auf alternative Antriebe umstellen, um der Immissionssituation in den Städten Rechnung zu tragen. Auch werden die einzelnen Anbieter der KEP-Dienste ihre Zusammenarbeit ausweiten, was der Verringerung des Verkehrsaufkommens dient. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Schaffung von privilegierten Ladezonen für städtische Wirtschaftsverkehre. Deren Ausweisung erfordert eine Änderung des Rechtsrahmens. Ob dies in der einzelnen Stadt zum Einsatz kommen soll, muss freilich vor Ort entschieden werden.

Innovationen fördern und nutzen

Die Digitalisierung eröffnet auch im Bereich der Lieferlogistik weitere Möglichkeiten, durch Innovationen Lieferverkehre effizienter zu gestalten. Leuchtturmprojekte sind derzeit vor allem im europäischen Ausland zu finden. So hat die Stadt Barcelona als Bestandteil der Smart-City-Strategie bereits Ende 2015 eine digitale Buchungsmöglichkeit von Lade- und Lieferzonen eingeführt. Die App „areaDUM“ ermöglicht Transportunternehmen und anderen Nutzern die Buchung und Nutzung von mehr als 10.000 innerstädtischen Ladezonen inklusive Parkplätzen. Die App wird von einem kommunalen Unternehmen betrieben. Dies ist freilich ein Beispiel einer Großstadt mit einer historischen Stadtstruktur, was den Handlungsdruck beschleunigt haben dürfte. Aber auch in Deutschland werden innovative Ansätze erprobt, etwa durch die Entwicklung von Logistikimmobilien und den Einsatz von Logistik-Stationen, so genannten Micro-Hubs, von denen aus die Weiterverteilung auf der letzten Meile mittels umweltfreundlicher Verkehrsträger wie dem Lastenrad erfolgt. Von innovativen Logistik-Lösungen können auch die Menschen in ländlichen Räumen profitieren. So gibt es bereits digitale Vermittlungsplattformen, die dem Prinzip der Postkutsche, Menschen und Waren gemeinsam zu transportieren, zu einer Renaissance verhelfen.

Lösungen mit den Menschen

Im Zusammenhang mit dem Klimaschutz wird derzeit viel über mehr Verantwortung des Einzelnen gesprochen. Dies lässt sich auf die Diskussion um stadtverträgliche Logistik-Lösungen übertragen. Dem Einzelnen muss bewusst werden, wie sich das individuelle Einkaufs- und Bestellverhalten auf Verkehr und Klima in der Stadt auswirkt. Dies gerade vor dem Hintergrund, dass etwa jede sechste Bestellung als Retoure zurückgeht. Vielerorts dürfte diese Diskussion mithin auf einen fruchtbaren Boden fallen, zudem mit dem Trend zur Stärkung der Stadtquartiere und den Leitbildern der „Stadt der kurzen Wege“ und der „Stadt in der Stadt“ Alternativen bereitstehen.

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