200. Geburtstag

Jubiläum in Trier: „Wir wollen Karl Marx begreifbar machen“

Kai Doering02. Mai 2018
Karl-Marx-Badeentchen mit grauem Rauschebart stehen in der Tourist Information Trier zum Verkauf.
Am 5. Mai wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Trier feiert den Geburtstag seines berühmten Sohnes mit zahlreichen Veranstaltungen. Warum das manchmal zu Problemen führt, erklärt Oberbürgermeister Wolfram Leibe im Interview.

Welche Bedeutung hat Karl Marx für Trier für Sie als Oberbürgermeister?

Diese Frage stellen Sie nicht nur dem Oberbürgermeister, sondern auch jemandem, der nicht gebürtig aus Trier kommt. Das sind zwei wichtige Aspekte. Ich habe den Eindruck, Trier ist gerade dabei, Karl Marx für sich zu entdecken. Der 200. Geburtstag ist dabei der Auslöser und spielt eine ganz wichtige Rolle. Früher wurden bei uns Staatsgäste aus kommunistischen Ländern durchs Museum geschleust und man war oftmals ganz froh, wenn sie wieder weg waren. Durch die Diskussion über die Karl-Marx-Statue, die China der Stadt geschenkt hat, und die Debatte über die Landesausstellung sind viele Facetten von Marx zum Vorschein getreten, die die Menschen in Trier und auch darüber hinaus überrascht haben. Mein Eindruck ist, dass die Menschen heute deutlich offener an Marx herangehen als noch vor einigen Jahren. Das macht mich froh und auch ein bisschen stolz.

Sind die zahlreichen Veranstaltungen rund um Marx in diesem Jahr also eher ein Anfang, sich mit ihm auseinanderzusetzen als ein Schlusspunkt?

Ja, dieses Jubiläum ist der Anlass und der Auftakt für die Auseinandersetzung mit Marx. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir vor 30 Jahren keine Chance gehabt hätten, Karl Marx und sein Wirken in dieser Breite zu beleuchten. Der zeitliche Abstand zu dem kommunistischen Staat DDR tut Karl Marx und der Auseinandersetzung mit ihm sehr gut. Und natürlich hat auch die Wirtschaftskrise Ende der 2000er Jahre einen Anteil am neuen Marx-Interesse. Deshalb ist jetzt der ideale Zeitpunkt, sich mit Karl Marx auseinanderzusetzen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass die Diskussionen über ihn und sein Werk so schnell nicht enden werden.

Wolfram Leibe
Wolfram Leibe ist Oberbürgermeister von Trier.

Zumal Marx eine historische Persönlichkeit ist, die polarisiert. Können Sie die Kritik, die sich ja besonders an der Marx-Statue entzündet, verstehen?

Was das Marx-Denkmal angeht, hat sich der Stadtrat mit klarer Mehrheit dafür entschieden. Ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass ich dafür war und bin. Selbstverständlich ist die Auseinandersetzung mit Marx nicht friktionsfrei. Wir bekommen auch böse Briefe, und es gibt auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Mitte April gab es eine Diskussion mit Opferverbänden aus der ehemaligen DDR, die sich beschwert haben, dass Marx bei uns gefeiert wird. Diesen Diskussionen stelle ich mich und fordere alle zum sachlichen und vorurteilsfreien Diskurs auf.

Freuen Sie sich persönlich auf die Statue?

Ja, ich freue mich darauf und halte sie auch optisch für gelungen. Wenn im November 2018, also wenn die Sonderausstellungen beendet sind, jemand nach Trier kommt und vor der Karl-Marx-Statue steht, wird er dort eine Tafel finden mit der Aufforderung in vier Sprachen: Wenn Sie mehr über Karl Marx wissen wollen, gehen Sie ins Karl-Marx-Haus! Wenn es uns gelingt, über die Sichtbarkeit von Marx, die Menschen zu einer differenzierten Diskussion anzuregen, haben wir bereits eine Menge erreicht.

Wovon haben Sie sich bei der Planung des Marx-Jubiläums leiten lassen?

Mir war immer wichtig, dass wir kein Jubiläum allein für ein Fachpublikum veranstalten, sondern eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Deshalb gibt es ein großes Begleitprogramm mit mehr als 600 Veranstaltungen vom Musical bis zum finanzpolitischen Kongress an der Universität. Klar ist: Marx ist nicht einfach zu vermitteln. Allein mit Bildern und Erklärtafeln kommt man da nicht weit. Es kommt darauf an, zu inszenieren und auf Kernaussagen zu reduzieren. Unser Ziel war immer, Marx begreifbar zu machen. In diesem Zusammenhang ist auch die Karl-Marx-Ampel zu sehen, für die wir durchaus Spott bekommen haben, aber auch viel Lob, oder auch die Karl-Marx-Badeente, die auf meinem Schreibtisch steht. Unternehmen haben auch schon Marx-Brot und Marx-Wein auf den Markt gebracht. Wir wollen Marx eine Leichtigkeit geben, ohne zu banalisieren. Das ist häufig eine Gratwanderung.

Was bedeutet Karl Marx für Sie persönlich, gerade als Sozialdemokrat?

Ich bin ja gebürtiger Baden-Württemberger und bei uns kam Karl Marx in der Schule nicht vor. Als Sozialdemokrat habe ich mich dann aber doch mit ihm beschäftigt, zumal wir uns ja auch nicht immer ganz leicht mit ihm tun. Deshalb bin ich auch froh, dass die SPD und die Friedrich-Ebert-Stiftung um ihren Vorsitzenden Kurt Beck im Jubiläumsjahr sehr deutlich Position bezogen haben. Wir Sozialdemokraten sind die einzige Partei, die sich differenziert mit Marx auseinandersetzt. Für mich sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung: zum einen die Pressefreiheit, für die Karl Marx Zeit seines Lebens gekämpft hat, und zum anderen, dass Marx bei der Ausbeutung der Arbeiter den Finger in die Wunde gelegt und ein System entwickelt hat, das den Wert der Arbeit betont. Für mich ist Marx deshalb auch ganz klar ein Ökonom, auch wenn das manche anders sehen.

Was ist Ihr Wunsch: Was soll am Ende des Jubiläumsjahrs bleiben?

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen nach den mehr als 600 Veranstaltungen, die in den kommenden Monaten stattfinden werden, sagen: Es hat sich gelohnt, ich habe aber noch ein paar Fragen. Ich wünsche mir, dass wir auch zu seinem 201. Geburtstag weiter über Marx reden.

Das Interview ist zuerst auf vorwaerts.de erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung der Berliner vorwaerts Verlags veröffentlicht.

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