Kirche und Kommunen

Die Kita in der Kirche

Susanne Dohrn 05. Januar 2022
Jeden Tag Weihnachten: Die Tür und die Erklärungen von Pastorin Nina Schumann (l.) und Kitaleiterin Kirsten Dieckow faszinieren die Kita-Kinder immer wieder neu.
Die Bethlehem-Kirche in Hamburg stand leer und sollte abgerissen werden. Inzwischen ist sie als Kita ein Ort der „Herzensbildung“– mit einer ganz besonderen Eingangstür.

Die schwere Bronzetür öffnet sich, ein Kind nach dem anderen stürmt hinaus zu den fröstelnden Eltern. Die Leiterin der Kindertagesstätte Kirsten Dieckow verabschiedet alle mit Namen, begrüßt die Eltern, erzählt vom geplanten Laternenumzug am Martinstag. Jetzt um 14 Uhr haben die Kleinen keinen Blick für die schönen Bronzefiguren der zweiflügeligen Tür: Maria und die Verkündigung der Geburt Jesu, die Hirten, die Heiligen Drei Könige, der Kindermord von Bethlehem und die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Einst betrat man durch die Tür mit den Figuren des Hamburger Künstlers Fritz Fleer (1921–1997) ein Gotteshaus mit 400 Plätzen im Hamburger Innenstadtbezirk Eimsbüttel. Jetzt toben im Kirchenschiff Drei- bis Sechsjährige. Hinter einer transparenten Holz-Glas-Konstruktion im rechten Teil befinden sich Gruppenräume, auf Höhe der Empore Büros. Der Altar am Ende des Raums zeugt von der ehemaligen Nutzung.

Einst bewunderter Sakralbau

In den Jahren 1958/1959 errichtet, war das Gebäude mit seiner roten Klinkerfassade ein bewunderter Sakralbau der Nachkriegszeit. Anfang des neuen Jahrtausends reichte die Zahl der Kirchenmitglieder nicht mehr aus, um vier Gotteshäuser in der Kirchengemeinde Eimsbüttel zu finanzieren. Zwei wurden entwidmet. St. Stephanus beherbergt heute eine Werbeagentur.

Die Bethlehem-Kirche wurde für mehr als eine Million Euro umgebaut. Einen Teil finanzierte ein Investor, der auf dem Kirchengelände Wohnungen errichtete. „Die Nutzung als Kita ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Pastorin Nina Schumann. „So wird der wunderbare Raum weiterhin kirchengemeindlich genutzt.“

Christlich und konfessionsoffen

Von den gut drei Millionen Kindern, die in Deutschland in Tagesstätten betreut werden, besuchen mehr als eine Million evangelische oder katholische Einrichtungen. Diese Kitas sind, wie die Bethlehem-Kita, konfessionsoffen. „Kinder mit anderen religiösen Hintergründen sind ausdrücklich willkommen“, sagt die Pastorin. Die Begegnungen von Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus sind ihr wichtig, ebenso wie die Sensibilisierung dafür, dass es Not und bedürftige Menschen gibt.

Etwa ein Drittel der Eltern gehört keiner Kirche an. „Sie schicken ihre Kinder zu uns, weil sie das Menschenbild und die religiöse Bildung schätzen, die in unseren Einrichtungen vermittelt wird“, so Pastorin Schumann. Sie nennt es Herzensbildung: „Das Leben ist ein Geschenk und wir sind darauf angewiesen, dass alles im Guten zusammenwirkt.“ Zudem biete die Religion Antworten auf viele Fragen der Kinder: Wo komme ich her? Was passiert nach dem Tod? Gibt es Worte, die mir helfen, wenn ich traurig bin? Wie entsteht unser Essen?

Geschichten aus der Bibel

Immer Freitags erzählt eine Pastorin Geschichten aus der Bibel, alle sitzen im Kreis um eine Kerze, singen und beten zusammen. Feste wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten sind Bestandteil des Kita-Alltags. „Beim Erntedankfest bringen die Kinder Erntegaben mit, oft aus dem eigenen Schrebergarten, die sie in einen Korb auf dem Altar legen. Daraus kochen wir eine Gemüsesuppe und essen sie gemeinsam“, erzählt Kitaleiterin Dieckow.

Am 2. Advent findet traditionell – in Nicht-Corona-Zeiten – ein Familiengottesdienst in der nahe gelegenen Christuskirche statt, der mit den Kindern vorbereitet wird. „Wenn wir muslimische Kinder in den Gruppen haben, feiern wir auch zusammen das Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan.“ Die Sensibilität für andere Religionen ist ihr wichtig. In einer anderen Kita der Kirchengemeinde arbeiten zwei Muslima als Erzieherinnen. Für die Bethlehem-Kita kommt als weiterer Pluspunkt hinzu: Sie bietet mit zwei Gruppen und insgesamt 44 Kindern eine sehr familiäre Atmosphäre.

Biblische Geschichte erleben

Die Finanzierung von Kitas ist weitgehend Aufgabe des Staates. Bis zu 30 Wochenstunden inklusive Mittagessen sind in Hamburg beitragsfrei. Berufstätige Eltern zahlen einen nach zusätzlichem Bedarf gestaffelten Betrag. Die Kitas erhalten von der Stadt für die Betreuung eine entsprechende Summe, die die Kirche bezuschusst. „So können wir ein qualitativ hochwertiges Angebot aufrechterhalten“, ergänzt die Pastorin. Die Bezahlung der Beschäftigten erfolgt nach dem Kirchlichen Arbeitnehmerinnen Tarifvertrag (KAT), der mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ausgehandelt wurde und dem im öffentlichen Dienst entspricht.

In der Kita Bethlehem werden die letzten Kinder um 16 Uhr abgeholt. Diesmal spielt die Tür beim Abschied eine Rolle. Das Jesuskind auf Marias Schoß erhält Streicheleinheiten, die von König Herodes beauftragten Kindermörder werden unsanft geknufft. Die Biblische Geschichte kennen alle sehr genau.

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