Nürnbergs OB zur Bewerbung

„Kulturhauptstadt – das ist der Anfang von ganz viel Neuem”

Carl-Friedrich Höck20. Januar 2017
Ulrich Maly: Nürnberg zeichnet sowohl eine kulturelle Breite wie Tiefe aus.
Aarhus und Paphos sind die Kulturhauptstädte Europas 2017. Im Jahr 2025 ist wieder eine deutsche Stadt an der Reihe. Einer der Bewerber ist Nürnberg – darüber spricht Oberbürgermeister Maly im DEMO-Interview.

DEMO: Die dänische Stadt Aarhus ist europäische Kulturhauptstadt 2017, zusammen mit Paphos auf Zypern. An diesem Samstag gibt es eine große Eröffnungsfeier. Werden Sie die Zeremonie verfolgen?

Ulrich Maly: Die Zeremonie selbst eher nicht, die Inhalte, Hintergründe und die Motivation, sich als Kulturhauptstadt zu präsentieren, natürlich auf jeden Fall. Das interessiert mich aber persönlich und beruflich schon immer, unabhängig von den konkreten Nürnberger Bewerbungsabsichten. Ich habe zum Beispiel Pilsen 2015 aufmerksam verfolgt und besucht, solche persönlichen Erfahrungen sind unverzichtbar für den anstehenden Bewerbungsprozess.

2025 wird Deutschland wieder eine Kulturhauptstadt stellen. Nürnberg bewirbt sich. Was versprechen Sie sich davon?

Vieles. Eine Reflexion über unsere Stärken und Schwächen, eine Aufbruchstimmung und Selbstvergewisserung, ein lebhaftes Ringen um gemeinsame Vorstellungen darüber, wie wir unsere Stadt und Stadtgesellschaft in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren gestalten wollen. Denn eins ist klar: Die Kulturhauptstadt 2025 ist nicht das Ende, sondern der Anfang von ganz viel Neuem.

Was zeichnet Nürnberg als Kulturstadt aus?

Wie viel Zeit haben Sie? Im Ernst: Nürnberg zeichnet sowohl eine kulturelle Breite wie Tiefe aus: Ob Hoch- oder Soziokultur, Stadtteilkultur, interkulturelle Vielfalt oder Einrichtungen und Veranstaltungen mit bundesweiter Strahlkraft – die kulturelle Szene ist sehr lebendig und die Stadt investiert in selbige auch kräftig. Aber Kulturhauptstadt bedeutet eben nicht, sich auf dem auszuruhen, was man hat oder glaubt zu sein. Kulturhauptstadt ist eine durchaus kritische Reflexion der Herausforderungen, die vor uns liegen. Das ist schon auch eine Reise mit unbekanntem Weg. Und der erweiterte Kulturbegriff, der einer Bewerbung nach meiner Überzeugung zugrunde liegt, muss auch die Frage nach den ideellen und materiellen Grundlagen des Zusammenlebens und dem Wandel der kulturellen und der demokratischen Praxis stellen. Das geht also weit über eine Ansammlung einzelner „Events“ hinaus.

Was investiert die Stadt voraussichtlich in die Bewerbung – an Geld, Zeit und Personal?

Wir gehen von einem Budget für die Bewerbungsphase von etwa fünf Millionen Euro aus. Bis die Entscheidung 2020 fällt, ist eine Vielzahl von konzeptionellen Arbeiten erforderlich, einschließlich einer breiten Beteiligung der Bürgerschaft, Öffentlichkeit und regionalen Partner. Dazu brauchen wir ein Projektbüro, das wir derzeit aufbauen.

Auch Dresden, Magdeburg und Stralsund interessieren sich für die Ausrichtung. Und noch können weitere Kandidaten hinzukommen. Wie schätzen Sie ihre Chancen ein?

Unsere Chancen einzuschätzen würde bedeuten, über die Mitbewerber zu urteilen. Das verbietet sich schon aus kommunaler Solidarität. Sagen wir es so: Wir wollen und werden es den anderen Städten auf jeden Fall so schwer wie möglich machen, sich gegen Nürnberg durchzusetzen.

Das Projekt Europa hat gerade einen schweren Stand: In vielen Ländern sind EU-Kritiker, Nationalisten und Populisten im Aufwind. Welche Rolle spielt Kultur für die Idee der europäischen Einigung?

Gerade weil Europa derzeit einen schweren Stand hat, hat aus meiner Sicht die Idee einer Europäischen Kulturhauptstadt so großen Charme: Die Überwindung rein nationalen Denkens, das Vereinende der europäischen Idee mit Mitteln der Kultur zu befördern. Jean Monet, einem der Gründungsväter der Europäischen Union, wird sinngemäß der schöne Satz zugeschrieben: „Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich nicht mit der wirtschaftlichen Einigung beginnen, sondern mit der kulturellen.“ Angefangen haben wir längst. Aber gerade in schwierigen Zeiten die Bedeutung der Kultur für und in Europa ins Bewusstsein zu rücken – genau darum geht es. Und außerdem zeigt ein Blick in die Geschichte: Nürnberg war schon 500 Jahre vor den römischen Verträgen eine europäische Stadt

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