Kultur in den Kommunen

Wie Kunst im Raum Platz findet

Karin Billanitsch07. Juli 2017
Zwischen Discounter und Baumarkt: An einem unscheinbaren Ort mit alten Gleisfragmenten entstand der „Gedenkort Güterbahnhof Moabit“.
An einem unscheinbaren Ort entstand in Berlin der „Gedenkort Güterbahnhof Moabit“. Oder die gestaltete Fassade einer Grundschule in Berlin-Lichtenberg: Beispiele von vielen für die Installation von Kunst im öffentlichen Raum. Wie eine Stadt mit Kunstwerken auf öffentlichen Schauplätzen das Stadtbild prägen kann.

Die Stämme der jungen Kiefern sind mit weißer Farbe bepinselt, der Hain ist auf einem Grundstücksstreifen zwischen einem Baumarkt und einem Discounter in Berlin gepflanzt. Näher kommend entdeckt der ­Besucher Gleisfragmente neben der rostigen Spundwand einer Militärrampe. Hier, mitten im Industrie- und ­Gewerbegelände nahe des S-Bahnhofes Westhafen, ist Endstation. Bei Gleis 69, Moabit, ist eine Sollbruchstelle in der Gegenwart, ein Ort des Gedenkens entstanden. Eine Tafel erinnert daran, dass im nationalsozialistischen Deutschland von Berliner Bahnhöfen, auch vom Güterbahnhof Moabit, zwischen Oktober 1941 und Frühjahr 1945 über 50.000 Menschen deportiert worden sind.

Erinnern an einen Ort der Ausgrenzung

Das Künstlerkollektiv „raumlabor­berlin“ hat den vergessenen Ort gestaltet. „Als deplatziertes Fragment eines Kiefernwaldes in diesem unwirtlichen Kontext  entsteht eine Verbindung zur Landschaft. So wie das Fragment des Gleises 69 eine Verbindung zu den Orten der Ausgrenzung und Vernichtung herstellt, die heute noch als authentische Orte existieren“, erläutern die Künstler Francesco Apuzzo und Jan Liesegang ihre Gestaltungsidee bei der Einweihung im Juni. Das „raumlaborberlin“ hatte sich bei einem Kunstwettbewerb durchgesetzt. Begleitet wurde das Verfahren vom „Büro für Kunst im öffentlichen Raum“ des Kulturwerkes des bbk berlin GmbH. Die Berliner Senatskanzlei finanzierte den Wettbewerb – das Bezirksamt Mitte die Realisierung des Werkes mit Geldern der Deutschen Klassenlotterie in Höhe von 150.000 Euro.

Das Büro sorgt seit dem Jahr 1977 dafür, dass bei öffentlichen Bauvorhaben im Land Berlin Kunst ihren Platz findet. Per Richtlinie ist vorgeschrieben, ein bis zwei Prozent der Bausumme für Kunst auszugeben. Egal, um welche Neubauten es sich handelt: Schulen, Sporthallen, Verwaltungsgebäude oder Universitätsbauten. Einige Städte wie München (Programm QUIVID) oder auch Dresden haben ähnliche Kunst-am-Bau-Programme. Der deutsche Städtetag hat in einer Handreichung die Bedeutung der Kunst im öffentlichen Raum als einen „seit Jahrhunderten festen und herausragenden Bestandteil von Stadtkultur“ betont. Jede Stadt bzw. Gemeinde sollte einen kompetenten Verantwortlichen benennen, der sich um Kunst im öffentlichen Raum kümmert, heißt es dort.

Begleitung der Künstler bei Wettbewerben

Das Berliner Büro betreut auch Kunstprojekte im öffentlichen Raum, die nicht an einen Bau gebunden sind. „Wir begleiten die Auslober, Künstlerinnen und Künstler von der Auslobung bis zur Auftragsvergabe und Realisierung“, erklärt Martin Schönfeld. Das Büro sieht sich als Anwalt der Künstlerinnen und Künstler. So wird durch ein Rotationsverfahren bei den Einladungen zu Wettbewerben für Fairness und Chancengleichheit gesorgt.

Die meisten Ausschreibungen der öffentlichen Hand sind auf eine Auswahl unter einer bestimmten Anzahl von Entwürfen beschränkt, erläutert Schönfeld. Am Wettbewerb für den Gedenkort ­Moabit hatten neun Künstler teilgenommen. Solch abgespecktes Verfahren ist für öffentliche Verwaltungen – nicht nur in Berlin – besser zu leisten, weil es weniger finanziellen und personellen Aufwand erfordert als etwa ein deutschlandweit offen ausgeschriebener  Wettbewerb. „Öffentliche Bauverwaltungen sind vielerorts personell ausgedünnt und überlastet“, sagt Schönfeld. Der öffentliche Raum ist belagert von vielfältigen Interessen: Mehr Straßenverkehr, Konsum und Bauvorhaben verändern unsere Stadtbilder, Konstellationen ergeben sich stets neu. Hier greift der Künstler ein. Skulpturen, Installationen, Wandbilder, Denk- und Mahnmale prägen das Stadtbild und können öffentliche Diskurse auslösen. „Die Aufgabenstellung für ein Projekt ergibt sich aus der konkreten räumlichen Situation, also der Architektur, aber auch aus der konkreten sozialen und gesellschaftlichen Spezifik“, erklärt Schönfeld.

Fassadenarbeit an der Grundschule Karlshorst

Im Berliner Bezirk Lichtenberg hat der Künstler Erik Göngrich etwa die renovierungsbedürftige Fassade der Grundschule Karlshorst gestaltet: So wurde das Haus Träger eines Kunstwerkes. „Räuber und Gendarm – Vornamen 2015“ heißt Göngrichs Fassadenskulptur. In einer Momentaufnahme wurden alle Vornamen der Schulkinder in signalroter Farbe auf die Fassade gemalt. 452 Namen, die zeigen: Hier sind wir! „Die Jungen und Mädchen konnten selbst bestimmen, wo genau auf der Fassade ihre Namen stehen sollen – oder sich verstecken“, erläutert Göngrich.  Aaron und Vincent, Frauke oder Laura: Jeder der 452 Schriftzüge ist gleich groß mit gleicher Typografie – und macht den Querschnitt der umliegenden Bevölkerung ohne Unterschiede sichtbar. So kann Kunst zum Identitätsfaktor werden. „Alle Kinder des Jahrganges 2015 sind auch in einem Fotobuch porträtiert“, das war mir wichtig“ erzählt der Künstler. Ein Beispiel von vielen, das im Kleinen zeigt, dass es immer mehr um soziale Aspekte der Beteiligung und Kommunikation geht. Im Interview mit der DEMO betont Göngrich: „Es geht bei Kunst am Bau darum, sich an den sozialen und örtlichen Gegebenheiten vor Ort zu orientieren. Fehlt es, dass sie mit den Menschen verbunden ist, dann wirkt die Kunst oft aufgesetzt.“

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