Tourismus-Umfrage

Lage des Tourismus im Norden

Ulf Buschmann18. Juli 2019
Sommer, Sonne und Wind: Die Seebrücke Ahlbeck auf Usedom. Die Reisewirtschaft im Norden Deutschlands ist unzufriedener als im Vorjahr. Gleichwohl sind die Ziele bei den Reisenden beliebt.
Eine Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern (IHK) Norddeutschlands offenbart Zweiteilung der Tourismusbranche: Dem Gastgewerbe geht‘s gut, die Reisewirtschaft hat Sorgen.

Sonnenschein hier, trübe Aussichten dort – dies sind die beiden Wetterzustände der Tourismusbranche im Norden Deutschlands. Während es dem Gastgewerbe – Hoteliers und Gastronomen – gut geht, klagen die Vertreter der Reisewirtschaft. So steht es im aktuellen gemeinsamen Konjunkturreport der Industrie- und Handelskammern (IHK) Norddeutschlands. Er erstreckt sich von November 2018 bis April 2019. An der Umfrage hatten sich rund 1100 Betriebe des Gastgewerbes und der Reisewirtschaft beteiligt.

Einbruch bei der Reisewirtschaft

Demnach bezeichneten 54,3 Prozent der Vertreter des Gastgewerbes ihre aktuelle geschäftliche Lage im April als gut. Im Herbst 2018 waren es 62,5, im Frühjahr 2018 rund 44 Prozent. „Befriedigend“ nannten ihre Lage im Frühjahr 38,4 Prozent. Im Herbst waren es 30,7 und im Frühjahr vergangenen Jahres 43,1 Prozent. Dem gegenüber ging der Anteil derer, die ihre geschäftliche Lage als schlecht bezeichneten von 13 Prozent im Frühjahr 2018 auf nur noch 7,3 Prozent in diesem Jahr zurück.

Genau das Gegenteil ergab die Umfrage für den Bereich der Reisewirtschaft, zu der unter anderem Reiseveranstalter gehören. In diesem Sektor waren im Frühjahr 2018 noch 54,2 Prozent mit ihrer geschäftlichen Lage zufrieden. Auch die Abnahme bei der nächsten Befragung hielt sich in Grenzen. Im Herbst 2018 nannten 50 Prozent ihre Situation als gut. Der Einbruch kam in diesem Frühjahr: Nur noch 33,5 Prozent waren zufrieden.

Forschung nach den Ursachen

Wie dieser tiefe Fall zustande kommen kann, ist selbst den Fachleuten ein Rätsel. „Wir gehen jetzt in die Ursachenforschung“, sagte Denise Ring, bei der IHK Nord mit Sitz in Hamburg zuständig für den Bereich Tourismuswirtschaft. Der Absturz sei überraschend gekommen. Mehr könne sie dazu derzeit noch nicht sagen.

Aus dem Konjunkturreport geht außerdem hervor, dass die Ziele in ganz Norddeutschland immer attraktiver werden. Selbst kleine und mittlere Städte weiter im Binnenland können mit den Hotspots an der Nord- und Ostseeküste locker mithalten. Dies bestätigt unter anderem Annekathrin Sommer von der Touristinfo Verden auf halbem Wege zwischen Bremen und Hannover. Sommer umschreibt die Einstellung der Touristen so: „Wir brauchen nicht mehr nach Schweden oder ans Mittelmeer, wir bleiben einfach hier.“

Höherer Beratungsaufwand

Sommer bestätigt ferner die Aussagen des IHK-Konjunkturreports: Die Gäste seien anspruchsvoller. Dies, so die Erkenntnis, ziehe für die Mitarbeiter der kommunalen Touristinfos einen höheren Beratungsaufwand nach sich – beispielsweise dann, wenn die Gäste auf der Suche nach den besten Geheimtipps sind. „Wo Google aufhört, da setzen die Gäste bei uns an“, sagt Sommer.

Was der gesamten Branche, insbesondere aber der Reisewirtschaft zu schaffen macht, sind die voranschreitende Digitalisierung, die Bürokratie, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Energie- und Rohstoffpreise sowie der Fachkräftemangel. Vor allem dieser würde die Branche schon seit längerem ausbremsen.

Fehlende Fachkräfte bremsen die Entwicklung

Fehlende Fachkräfte und fehlender Nachwuchs scheint jedoch zum großen Teil ein hausgemachtes Problem zu sein. Dies, kritisieren zum Beispiel die Gewerkschaften, liege daran, dass die Branche so geringe Löhne und Gehälter zahle. Vor allem aus Ostdeutschland wandern vor diesem Hintergrund Menschen ab. Und das nicht nur im Tourismus, auch in der Gesundheitswirtschaft.

Das niedrige Lohnniveau beispielsweise auf der Insel Usedom kritisierte schon zu Beginn des Jahres der Vorsitzendes des dortigen SPD-Ortsvereins, Günther Jikeli. Die Genossen machen unter anderem immer wieder mit öffentlichen Aktionen auf sich aufmerksam, bei denen sie für gute Arbeit gute Bezahlung einfordern. Selbst ein Vertreter einer der norddeutschen IHKen meinte, angesichts des Fachkräftemangels müsse sich die Branche selbstkritisch hinterfragen.

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen