ÖPNV in der Corona-Pandemie

Lauert die Infektionsgefahr im Schulbus?

Carl-Friedrich Höck24. Februar 2021
Ein Schulbus fährt über eine Landstraße
Seit dieser Woche kehren zahlreiche Schulen schrittweise zum Präsenzunterricht zurück. Viele Kinder nutzen für den Schulweg den Öffentlichen Nahverkehr. Ein erhöhtes Infektionsrisiko gebe es dort nicht, betonen die Verkehrsbetriebe. Sie plädieren aber für gestaffelte Schulanfangszeiten, um überfüllte Busse zu vermeiden.

Schluss mit reinem Homeschooling: In den meisten Bundesländern kehren die Schulen schrittweise wieder zum Präsenzunterricht zurück. Hygienekonzepte sollen verhindern, dass die Schulen zum Pandemietreiber werden. Dazu gehören etwa Abstandsregeln, Maskenpflicht, Lüftungskonzepte und Wechselunterricht. Aber zur Schule müssen die Kinder erst einmal hinkommen. In vollen Verkehrsmitteln lassen sich Abstandsregeln nicht immer einhalten. So berichtete „Der Spiegel“ kürzlich unter dem Titel „Enge und Gedränge“ von überfüllten Schulbussen in der Zeit vor dem Weihnachtslockdown.

„Planungen enden oft am Schultor”

Ingo Wortmann, Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), sieht hier bei der Politik eine Art blinden Fleck. Er kritisiert, dass sich die zuständigen Ministerien und Behörden viel zu selten ernsthaft mit dem wichtigen Thema der Schülerbeförderung auseinandersetzten. „Die Planungen enden dort zu oft am Schultor und scheitern an verschiedenen Zuständigkeiten.“

Eine gesteigerte Gefahr gehe vom aber ÖPNV nicht aus, betont Wortmann: „Die seit März 2020 geltende Maskenpflicht, die intensivere Reinigung der Fahrzeuge, das regelmäßige Lüften durch Klimaanlagen und Türöffnungen an den Haltestellen sowie die relativ kurze Aufenthaltsdauer in den Fahrzeugen führen dazu, dass Busse und Bahnen ohne erhöhtes Infektionsrisiko genutzt werden können“. Doch ganz von der Hand zu weisen ist das Risiko nicht. Gerade in Schulbussen im ländlichen Raum fahren Gruppen oft über einen längeren Zeitraum im selben Fahrzeug.

Zusätzliche Fahrten? Nur begrenzt möglich

Daher stellt sich die Frage: Was tun Kommunen und Verkehrsbetriebe, um überfüllte Schulbusse zu vermeiden? Der Landkreis Euskirchen teilt mit, man habe die Schulbusfahrten überprüft und gezählt. Wo Handlungsbedarf festgestellt wurde, seien Zusatzfahrten beauftragt worden. Finanziert hat der Kreis das mit Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen.

Pressesprecher Wolfgang Andres schreibt aber auch: Man könne die Buskapazitäten zwar für einen begrenzten Zeitraum partiell ausweiten. Busse und Fahrer*innen seien aber nur begrenzt verfügbar, man könne das Busangebot also nicht einfach verdoppeln. Von der Landesebene wünscht sich der Landkreis mehr Rücksicht auf die Belange des ländlichen Raumes. „Corona-Erlasse, die sich auf die Schülerbeförderung auswirken, müssen deutlich mehr Vorlauf als bisher haben.“ Denn der Transport der Schüler*innen sei ein komplexes und verzahntes System, das kommunenübergreifend mehrere Schulträger betreffe.

Auch im Landkreis Rostock hat sich das Schulverwaltungsamt mit dem Verkehrsunternehmen Rebus abgestimmt. Im Ergebnis seien unter anderem die An- und Abfahrtszeiten geändert worden und es werde ein zusätzlicher Schulbus eingesetzt, heißt es vonseiten der Pressestelle. Zudem seien die Fahrer*innen-Bereiche mit Schutzscheiben ausgestattet worden.

Noch sind viele Busse leer – das könnte sich bald ändern

Der Landkreis Rostock verweist darauf, dass im Moment noch nicht alle Jahrgangsstufen wieder an die Schule zurückkehren und der Unterricht als Wechselunterricht organisiert wird. „Gegenwärtig gibt es keine Kapazitätsprobleme“, schreibt die Pressestelle. Die Fahrzeuge der Rebus GmbH seien in der Regel leer, da viele Schüler*innen nicht täglich am Schulstandort beschult würden. Zwar hätten sich einzelne Eltern beschwert, die Beschwerden hätten sich aber bei Vor-Ort-Kontrollen nicht bestätigt. Dabei sei es vor allem um die 1,5-Meter-Abstandsregel gegangen – die gelte aber im Öffentlichen Nahverkehr gar nicht.

Auch anderenorts ist die Lage noch entspannt, bestätigt VDV-Präsident Ingo Wortmann: „Durch die Verminderung des derzeitigen Schulangebotes kommt es zu einer Verteilung der Nachfragespitzen im ÖPNV.“ Für die Zeit, wenn der Schulbetrieb wieder voll aufgenommen wird, fordere der Verband von Politik und den Schulen mehr Bewegung mit Blick auf die Schulanfangszeiten. Die Nachfrage im ÖPNV sei morgens zu Schulbeginn nicht nur wegen der Schüler*innen besonders hoch, sondern auch wegen des Berufsverkehrs. Wortmann stellt klar: „In den Hauptverkehrszeiten gibt es keine eigenen Reserven an Bussen oder Fahrern mehr: es fährt alles, was fahren kann.“ Vielerorts habe man noch Kapazitäten bei Reisebusanbietern eingekauft. Nun seien die Unternehmen betrieblich am Limit.

Zeitversetzter Schulbeginn könnte Kapazitäten freischaufeln

Zeitlich gestaffelte Schulanfangszeiten könnten die Busverkehre entzerren, ist Wortmann überzeugt. Darauf weise man die Kultusministerien und Schulämter bereits seit April 2020 hin. „Die Beeinträchtigung des Schulbetriebes wäre minimal, wenn die jüngeren Kinder gegen 8 Uhr starten würden und die älteren zeitversetzt später – doch der verkehrliche Effekt wäre enorm.“ Die Kapazität und damit der zur Verfügung stehende Platz in den Fahrzeugen würde sofort um mindestens 20 Prozent steigen. Das könne den morgendlichen Verkehr auch in der Zeit nach Corona entlasten. „Es müssten sich mal alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen und gemeinsame Lösungen beschließen“, fordert Wortmann.

Doch nicht überall lässt sich das Problem einfach mit einem zeitversetzen Schulstart lösen. Darauf weist der Landkreis Euskirchen ausdrücklich hin: „Eine Schulzeitstaffelung wäre im ländlichen Raum wegen der hohen Reiseweiten nur möglich, wenn der Zeitkorridor für den Schulbeginn mindestens 2,5 Stunden betragen würde“.

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