Sicherer Schulweg

Laufbus statt Elterntaxi

Susanne Dohrn 14. Dezember 2018
Schulkinder wollen die Straße überqueren. Wenn Eltern die Wege vor der Schule morgens zuparken, wird die Lage schnell unübersichtlich.
Zu Fuß zur Schule – das ist nicht nur gesund, sondern auch sicherer. Schwer ist es aber, Eltern davon zu überzeugen

Ein Küsschen zum Abschied, ­Autotür öffnen und das Kind direkt vor der Schule aussteigen lassen – viele Eltern können sich den Schulweg gar nicht anders vorstellen. Alles andere sei viel zu gefährlich, glauben sie und liegen damit völlig falsch. „Kinder verunglücken viel häufiger, wenn sie mit dem Auto gebracht werden“, sagt ­Sabine Foßhag, Schulleiterin der Moorweg­schule in ­Wedel. Das „Elterntaxi“, da sind sich Untersuchungen einig, ist die gefährlichste Art, den Schulweg zurückzulegen.

Kein guter Start in den Schultag

Zwar hat der Verkehr zugenommen, aber es gibt auch mehr geschützte Zonen wie Fußwege, Ampeln, Zebrastreifen. „Laut Statistischem Bundesamt kamen allein im vergangenen Jahr 10.363 Kinder unter 15 Jahren im Auto ihrer Eltern zu Schaden – deutlich mehr als Kinder, die zu Fuß unterwegs waren“, so der ADAC. Umgekehrt gelte: „Je weniger ‚Elterntaxis’ vor Schulen haltmachen, desto weniger werden die Kinder gefährdet.“

Die 32.000-Einwohner-Stadt Wedel liegt im Süden von Schleswig-Holstein, an der Stadtgrenze zu Hamburg. 403 Grundschüler im Alter von sechs bis zehn Jahren besuchen die Schule, und morgens geht es hier zu, wie vor fast allen Grundschulen in Deutschland. Besonders bei schlechtem Wetter halten die Autos im Sekundentakt. Viele Eltern haben es eilig, parken, wenn es nicht anders geht, in zweiter Reihe, Autotüren werden ohne den Blick in den Rückspiegel geöffnet, der Weg zu den Lehrerparkplätzen wird zugestellt. Stress und Eile der Eltern übertragen sich auf die Kinder. „Das ist kein guter Start in den Schultag“, ist Schul­leiterin Foßhag überzeugt.

Von Anfang an zu Fuß zur Schule

Seit Jahren wirbt sie deshalb dafür, ihre Kinder möglichst von der ersten Klasse an zu Fuß gehen lassen. „Der Schulweg spricht alle Sinne an: Sehen, Fühlen, Hören, Riechen“, sagt die Schulleiterin, die selbst mit dem Fahrrad kommt. Den Schulweg und was die Kinder dabei erleben, machen die Lehrerinnen und Lehrer immer wieder zum Thema im Unterricht: „Die Kinder erzählen, dass sie ein Eichhörnchen gesehen haben, das spiralförmig um den Baum nach oben lief. Sie erzählen, wie das Laub unter ihren Füßen geraschelt hat oder wie sich die Rinde eines Baumes anfühlt, den sie unterwegs angefasst haben.“ Sabine Foßhag hat die Kinder malen lassen, was sie auf dem Schulweg gesehen haben. „Ein Kind hat einen Strich gezeichnet. Ich habe gefragt, was das ist. Es hat geantwortet: „Das ist die Straße auf der ich gekommen bin.“

Den Weg eigenständig zurückzulegen, mache sie zudem selbstständiger, sozial und emotional stärker. „Die Kinder lernen Eigenverantwortlichkeit. Sie wachsen mit ihren Aufgaben und lernen, auch unbekannte Situationen mit Mut und Zuversicht zu bewältigen.“ Selbstbewusste Kinder, die ihre Grenzen kennen, leben sicherer als Kinder, die sehr behütet aufwachsen, ist sie überzeugt. Auch deshalb beteiligt sich die Moorwegschule an den Aktionstagen „Zu-Fuß-zur-Schule“, die jedes Jahr im September stattfinden. In der Moorwegschule führt dann jedes Kind ein „Lauftagebuch“. In diesem Jahr seien die Kinder rund 5.100 Kilometer gelaufen, bis nach Kairo. Das war sogar noch weiter als im vergangenen Jahr. Damals schafften sie es „nur“ bis in die Türkei. Die Strecke wird, damit alle sich die Entfernung vorstellen können, auf einer Landkarte mit einem langen Faden visualisiert.

Für sichere Wege sorgen

Aus der staatlichen Pflicht, dass Kinder die Schule besuchen müssen, ergibt sich die Verpflichtung für Städte, Gemeinden und Schulträger, für sichere Wege zu sorgen, so der Fachverband Fußverkehr Deutschland. Kommunen können insbesondere Schulwegpläne aufstellen und sichere Schulwege empfehlen.

Die Kinder der Moorwegschule kommen aus einem Umkreis von 2,5 Kilometern. Bei weiten Schulwegen oder für Eltern, denen es schwerfällt, ihre Kinder loszulassen, bietet die Schule deshalb für Erstklässler „Laufbusse“ an, auch „Pedibus“ genannt. An vier Sammelpunkten im Einzugsgebiet der Schule warten im Winterhalbjahr morgens zwischen 8 und 8.15 Uhr Mütter und Väter mit einem Laufbus-Schild, auf dem zwei große farbige Schuhe prangen, um die Erstklässler zu Fuß zu begleiten. Dort können die Eltern ihre Kleinen mit dem Auto abliefern, den Rest des Weges gehen sie zu Fuß. „So können sie sich unterwegs viel erzählen, sind in Bewegung und starten wach und munter in den Schultag“, sagt Sabine Foßhag, die das Projekt vor neun Jahren startete.

Erfolgsmodell „Laufbus“

Der „Laufbus“ hat sich inzwischen zu ­einem Erfolgsmodell entwickelt. Gelaufen wird bei jedem Wind und Wetter, und die ­Eltern organisieren den „Laufbus“ weitgehend selbst. Er ist aber offiziell bei der Schule angemeldet, damit die Begleitung auf dem Weg versichert ist.

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