Müllvermeidung

Leben ohne Müll – geht das?

Susanne Dohrn 02. Dezember 2019
Marie Delaperrière in ihrem Unverpackt-Laden in Kiel: Bei ihr bringt man seine Gefäße selbst mit.
Ein Geschäft, ein Café, ein Kaufhaus, eine ganze Stadt – Kiel hat dem Abfall den Kampf angesagt. Die Stadt will Teil der Zero-Waste-Bewegung sein. Projekte zum Nachahmen

Das Weckglas ist gefüllt mit Kunststoff-Schnipseln, vor allem Preisschilder. Unter dem Foto steht: „Der Müll meiner Familie 2018.“ Es ist der Abfall eines Vier-Personen-Haushalts bestehend aus Bea Johnson, ihrem Mann und zwei Söhnen. 2008 begann sie mit ihrer Familie Abfall zu reduzieren und schrieb darüber das Buch „Glücklich leben ohne Müll“. Es wurde zum Weltbestseller und die in Kalifornien lebende Autorin zur Ikone der Zero-Waste-Bewegung.

Eine der ersten Null-Müll-Städte

Null Müll hat auch die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel erfasst. 2018 beschloss der Rat der Stadt einstimmig, dass Kiel „die erste oder zumindest eine der ersten Zero-Waste-Cities in Deutschland“ werden soll. Kiel hat sich beim Netzwerk Zero Waste Europe registriert, das sich europaweit für eine ressourcenschonende, abfallvermeidende Lebensweise einsetzt. Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer: „Kiel liegt an der Ostsee. Wir alle wissen, wie schädlich Plastikmüll für die Meere ist.“ Seit Jahren sammelt er zusammen mit vielen Kielerinnen und Kielern Plastikmüll am Strand ein und sagt: „Es ist bitter zu sehen, dass nach zwei oder drei Stunden regelrechte Müllberge entstehen.“ So dürfe es nicht weitergehen. Deshalb sei Zero Waste ein wichtiger Lösungsansatz für den Schutz unserer Umwelt.

In Deutschland entstehen jedes Jahr 220 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf, so das Umweltbundesamt, ein Spitzenwert in Europa. Ein Kulturwandel ist nötig, wie Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie es in seinem Buch „Die Große Transformation“ fordert. Der begann in Kiel mit einem Unverpackt-Laden. Gegründet hat ihn Marie Delaperrière 2014, nachdem sie Bea Johnsons Buch gelesen hatte. Bei ihr nimmt man keine Kilo-Tüte Mehl aus dem Regal, sondern bringt ein Behältnis mit, in das man das Mehl selbst einfüllt, Stoffbeutel für Gemüse, Gläser für Reis, Linsen, Getreide, Müsli und was sonst noch benötigt wird. „Es ist eine ganz andere Art einzukaufen“, erklärt sie.

Vorbild San Francisco

Inzwischen ist sie mit „Unverpackt-Kiel“ zweimal umgezogen, Ladenfläche und Angebotsvielfalt haben sich verdoppelt. Marie Delaperrière gibt Workshops und hält Vorträge über Zero Waste. Die Zahl der Unverpackt-Läden in Deutschland ist auf 140 angewachsen, weitere 70 sind in Planung. 2016 folgte die Gründung des Vereins Zero Waste Kiel e.V. Er hat das Ziel, „die Vermeidung von unnötigen Verpackungen und Abfällen im privaten, gewerblichen und öffentlichen Bereich zu fördern“. Der Beschluss der Stadt, Zero-Waste-City zu werden, geht vor allem auf dessen Initiative zurück.

Zudem hat die Stadt sich, inspiriert von ihrer Partnerstadt San Francisco, vorgenommen, erste müllfreie Stadt Deutschlands zu werden. Marie Delaperrière: „Das war unsere Chance als Verein, Kiels Verwaltung vorzuschlagen, es der Twin-City nachzumachen.“ Ein Volltreffer, wie der Ratsbeschluss von 2018 zeigt. Die wirkliche Arbeit hat damit erst begonnen, denn nun muss die Verwaltung den Beschluss der Politik umsetzen.

Neue Stelle als Bindeglied zwischen den Akteuren

„Es ist ein Riesenarbeitsfeld und ein wahnsinnig wichtiges Thema“, sagt der Leiter des Umweltschutzamtes Kiel, Andreas von der Heydt. Zum Glück trägt die Nationale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums 70 Prozent der Projektkosten von maximal 116.257 Euro für den Zeitraum vom 1. Mai 2019 bis 30. April 2020. Mit dem Geld soll ein Zero-Waste-Konzept erstellt und die Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden. Den verbleibenden Eigenanteil trägt die Stadt. Zudem hat die Stadt Tatjana Allers eingestellt, als Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Stadt, zwischen Wirtschaft, der Kommunikationsagentur und dem Wuppertal Institut, das das Konzept erstellt: Wo kommt der Abfall her? Wo sind Einsparpotentiale? Wie hoch ist das CO2-Aufkommen? Aber vor allem: Wie können die Abfallmengen in Kiel reduziert werden? Dies sind nur einige Fragen, denen das Wuppertal Institut nachgeht.

Während die Strategieentwicklung Geld kostet, kann die Vermeidung von Abfällen in der Umsetzungsphase Geld sparen. Zwei Zahlen gibt es schon: 330.000 Tonnen Gesamtmüll produziert die Stadt jährlich. Die Einsparmöglichkeiten sind riesig, und sie nutzen auch dem Klima. OB Dr. Kämpfer: „Die Produktion, Verarbeitung und Entsorgung von Verpackungen und sonstigen Abfällen setzt enorme Mengen an Treibhausgasen frei. Das begünstigt den Klimawandel. Hinzu kommt, dass Plastik zu 99 Prozent aus fossilen Rohstoffen besteht und damit besonders viele CO2-Emissionen frei setzt. Wenn gar nicht erst produziert wird, was anschließend weggeworfen wird, ist allen geholfen und am meisten unserem Klima.“

Gebrauchtes nutzen wird schick

Kiels Prioritäten sind klar. „Wir sollten den Vermeidungsgedanken ganz nach vorn stellen“, so von der Heydt. Das entspricht auch der Zero-Waste-Hierarchie: vermeiden, wiederverwenden, recyceln, verwerten, beseitigen. Um das Konzept in der Öffentlichkeit zu verankern, werden Teilbereiche wie Gewerbe, Haushalte, Abfallwirtschaft, Kommune in verschiedenen Workshops bearbeitet. Schon jetzt setzt Kiel flächendeckend auf ein Pfandsystem für Coffee-to-go-Becher. Eine Mehrwegauflage für Großveranstaltungen ist denkbar ebenso wie die Förderung von Second-Hand-Läden. Von der Heydt: „Wir müssen es schick machen, dass man gute gebrauchte Sachen weiter nutzt, statt sie zu entsorgen.“

Genau das ist das Konzept von Stilbruch in Hamburg. Es ist 9:45 Uhr. Vor dem Kaufhaus im Stadtteil Altona wartet eine Menschentraube, obwohl es erst um zehn Uhr öffnet. „Das sind Schnäppchenjäger“, erklärt Betriebsleiter Roman Hottgenroth, als er durch die Hallen führt. Hier gibt es alles, von Pferdesattel bis Fahrrad, Möbel, Geschirr, Kleidung, Kunst, Bücher. Hottgenroth: „Was Sie bei sich zu Hause haben, kann bei uns landen.“ Stilbruch ist kein Sozialkaufhaus, darauf legt der Betriebsleiter Wert. Hier kann und soll jeder einkaufen. Er sieht Stilbruch als Teil eines Wertewandels, als „best-case“ für Wiederverwendung. „Stilbruch ist ökologisch, denn wir vermeiden Müll, und es ist ökonomisch, denn wir machen sogar einen kleinen Gewinn.“

Was reparierbar ist, wird repariert

Das Tochterunternehmen der Hamburger Stadtreinigung wurde 2001 gegründet, hat 4.500 Quadratmeter Verkaufsfläche verteilt auf drei Stadtteile und 75 Beschäftigte, vom Tischler, Elektriker, Einzelhändler bis zum LKW-Fahrer. Die Adressen findet man in Hamburgs Zero-Waste-App, mit der die Stadtreinigung Hamburg (SRH) die Vermeidung von Müll unterstützt. 40 Prozent der Waren stammen von Recyclinghöfen, 12 Prozent von der schonenden Sperrmüllabfuhr, bei der geschaut wird, was wiederverwertbar ist, 40 Prozent werden privat angeliefert, der Rest kommt aus Haushaltsauflösungen und Gewerbebetrieben – 2018 alles in allem 1.500 LKW-Ladungen. Was reparierbar ist, wird repariert, die Preisgestaltung obliegt den Beschäftigten. „Es für den geforderten Preis verkaufen zu können, ist ein tolles Gefühl für die Mitarbeiter“, so Hottgenroth. Die sind „mit Herz und Leidenschaft“ dabei, wie der Betriebsleiter selbst. Die knapp eine Million Besucher pro Jahr wissen das zu schätzen.

Trotzdem bleibt der beste Müll der, der gar nicht erst entsteht. Das erste Zero-Waste-Café in Deutschland verfährt nach diesem Prinzip. Es heißt „In guter Gesellschaft“, liegt im angesagten Hamburger Schanzenviertel. Alana Zubritz, eine der beiden Gründerinnen, hat in Brighton/England „Sustainable Design“ (nachhaltiges Design) studiert. Beim Besuch des Zero-Waste-Restaurants „Silo“ in Brighton entstand die Idee mit dem Café. Milch, Yoghurt, Käse und Öl kommen bei ihr in Pfandbehältern, Getränke aus Mehrwegflaschen, Plastikverpacktes ist Tabu, Mandeln und Hafer für die selbst hergestellte Hafermilch in Jute-Beuteln, die Möbel sind vom Recycling, die Servietten aus Stoff. Im Angebot überwiegen Bioprodukte und Selbstgemachtes. Letzteres kostet Zeit, aber da die Grundstoffe günstiger seien als Fertigprodukte, komme es am Ende aufs Gleiche heraus, so Alana.

Wirtschaft ist gefordert

Und doch: Allein geändertes Verbraucherverhalten schafft keine „große Transformation“. Kunststoffe bestehen häufig aus vielen Komponenten und sind deshalb nicht recycelbar. Ein großer Schritt wäre es, Produkte so herzustellen, dass sie mit möglichst geringem Energieeinsatz wiederverwendet oder -verwertet werden können, sagt Reinhard Fiedler von der SRH. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Der im November wiedergewählte OB Kämpfer plädiert für „Precycling“, bei dem Verpackungsmüll gar nicht erst entsteht. Dafür werde die Wirtschaft verbraucherfreundliche Lösungen anbieten müssen. Kämpfer: „In sechs Jahren möchte ich bei Müllsammelaktionen am Strand nach drei Stunden möglichst keinen Plastikabfall mehr finden. Das wäre dann im wahrsten Sinne des Wortes Zero.Waste.“

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