Kinderbetreuung

Leiharbeit in Kitas: die schnelle Scheinlösung

Susanne Dohrn 28. Mai 2024
Umkleidebereich einer Kita: Weil Personal knapp ist, setzen viele Kitas auf Zeitarbeitsfirmen. Das führt zu neuen Problemen.
„Zeitarbeit – eine Option für Kitas?“, „Zeitarbeit – Weniger Stress für mehr Gehalt“, „Für mich hat die Zeitarbeit als Erzieher nur Vorteile“ – so lauten die Schlagzeigen in Fachmagazinen, Tageszeitungen oder im Radio. Für Kitas geht die Lösung nach hinten los.

Flächendeckend fehlen in Deutschland Erzieherinnen und Erzieher. Kitas verringern ihre Öffnungszeiten oder schließen Gruppen. Eltern zittern jeden Morgen, ob ihr Kind zu Hause bleiben muss, sie also nicht pünktlich oder überhaupt zur Arbeit kommen. „In vielen Bundesländern ist der Fachkräftemangel so groß, dass Kitas ihren Personalbedarf nur noch über teure Leiharbeitskräfte decken können“, sagt Sozialforscherin Nina Weimann-Sandig. Die Professorin an der Evangelischen Hochschule Dresden startet im Juli ein von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefördertes bundesweites Forschungsprojekt zu Beschäftigungsstrukturen in Kindertagesstätten.

Leiharbeit soll Betrieb aufrechterhalten

„Der Markt für Erzieherinnen und Erzieher ist leergefegt“, bestätigt Jürgen Otto. Der Vorstand des AWO Bezirksverbands Niederrhein e. V. ist aktuell auch Geschäftsführer der AWO-Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen. Die AWO betreibt 850 Kitas in dem Bundesland. Aus Personalmangel gehe mancherorts in neu eröffneten Kitas nur ein Teil der geplanten Gruppen in Betrieb, sagt er. Werde jemand längerfristig krank oder gehe in Mutterschutz, finde sich kein Ersatz für eine befristete Anstellung. Um den Betrieb aufrecht zu erhalten bleibe oftmals nur der Rückgriff auf Leiharbeitskräfte.

„Die Devise der Zeitarbeitsunternehmen ist: Wenn ich mehr zahle und bessere Bedingungen biete, bekomme ich auch Personal“, sagt Forscherin Weimann-Sandig. Jürgen Otto präzisiert: „Die kosten das 1,5fache bis das Doppelte. Das führt zu einer enormen finanziellen Belastung der Kitas und ihrer Träger.“ Hinzu kämen beispielsweise Vier-Tage-Woche, mehr Urlaubstage oder ein Dienstwagen. Das allen Festangestellten zu bieten sei für die Kita-Betreiber unerschwinglich.

Leiharbeitskräfte sind begehrt. „Die werden zum Teil am Ende ihrer Ausbildung direkt an Berufsfachschulen abgeworben“, hat Weimann-Sandig beobachtet. Leiharbeit sei gerade für Berufseinsteiger attraktiv. Sie können mehr verdienen, herausfinden, welche Einrichtung zu ihnen passt, welche Altersgruppe und welches pädagogische Konzept. Leiharbeit sei zudem eine Option für Menschen aus anderen Herkunftsländern mit entsprechender Ausbildung, die es aber schwer haben, ihre Qualifikationen in Deutschland anerkannt zu bekommen. Mit der Leiharbeit finden sie einen Einstieg in den Beruf. Auch für erfahrene Fachkräfte, die es etwas ruhiger angehen lassen wollen, könne Leiharbeit eine attraktive Alternative sein, so die Professorin.

Negativspirale aus Geldmangel

Die Kitas stecken in einer Zwickmühle. Sie müssen den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz erfüllen, obwohl sie wissen, dass die Leiharbeit das System weiter aushöhlt. „Die Bundesregierung hat mit dem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz suggeriert, dass Eltern arbeiten gehen können, aber sie hält den Rechtsanspruch nicht ein“, kritisiert Jürgen Otto.

Finanziert wird die Betreuung von den Bundesländern, den Landkreisen, den Kommunen und je nach Bundesland und Alter der Kinder mit oder ohne Elternbeiträge. Die Personalschlüssel sind jedoch so knapp kalkuliert, dass Krankheitsfälle kaum ausgeglichen werden können. Es beginnt eine Negativspirale. Andere Beschäftigte müssen die Arbeit von erkrankten Mitarbeitenden mit übernehmen, bis sie selbst aufgrund der Überbelastung ausfallen. Gleichzeitig erleben sie, dass die Leiharbeitskräfte bessere Bedingungen haben und mehr verdienen. Das erhöht den Frust.

Auch aus pädagogischer Sicht entwickelt sich die Leiharbeit zum Problem. „Kinder brauchen verlässliche Strukturen und Betreuungspersonen, die auch morgen wieder für sie da sind“, sagt Weimann-Sandig. Die Leiharbeit unterlaufe dieses System, weil die Mitarbeitenden nur wenige Wochen in der entsprechenden Einrichtung bleiben. Hinzu komme, dass Eltern ihre Kinder immer früher und für mehr Stunden in die Betreuung geben. Weimann-Sandig: „Die Kita ist zur primären Sozialisationsinstanz geworden.“

Die damit verbundenen Ansprüche an die Qualität der Betreuung und an das dazu notwendige teamorientierte Arbeiten sind mit einem knapp kalkulierten Personalschlüssel nicht zu leisten. Aus Sicht der Forscherin muss die Finanzierung der Kindertagesstätten dringend reformiert werden. Das bestätigt Jürgen Otto. „Den insgesamt 10.000 Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen fehlen in diesem Kindergartenjahr 400 Millionen Euro“, sagt er.

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