Nachhaltige Kommune

Leipzig will faire Hauptstadt werden

Martina Hahn 29. Juli 2019
Im Briefkasten: die Bewerbung der Stadt Leipzig als Hauptstadt des fairen Handels.
Die sächsische Metropole hat sich erneut um den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“ beworben – und tut hierfür einiges. Zum 9. Mal bewerben sich derzeit Städte und Gemeinden bei dem Wettbewerb, den die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt ausgerufen hat.

Fair erzeugt und beschafft wurde in Leipzig einiges: Die T-Shirts und Sweatshirts der lokalen Feuerwehr. Der Kaffee, den die Ratshauskantine und die Messe ausschenken. Fair sind auch die neuen Sportbälle an den Schulen, die Bananen in den Obstkörben bei Events, manche Mode Kollektionen zur Fashion Revolution Week sowie etliche Lebensmittel in den Leipziger Supermärkten und Geschäften. Kein Wunder: Was den Fairen Handel betrifft, gilt Leipzig als eine Vorreiterkommune. Wohl auch deswegen nimmt die sächsische Metropole mit ihren rund 590.000 Einwohnern derzeit selbstbewusst am Bundeswettbewerb um den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“ teil.

Wettbewerb zum 9. Mal 

Zum 9. Mal bewerben sich derzeit Städte und Gemeinden für den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“. Ausgerufen hat den Wettbewerb die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt; sie wird von Bund, Ländern, Kommunen und Nichtregierungsorganisationen getragen. Auch Leipzig hat sich erneut beworben. Beim letzten Mal landete die sächsische Metropole immerhin schon auf Platz 4 – in einem Bundesland, in dem soziale Kriterien im Vergaberecht nicht verankert sind.

Als achtgrößte Stadt Deutschlands und regiert von SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung hat Leipzig „auch auf oberster Ebene verstanden, welcher Druck sich durch die globale Ungerechtigkeit auftut“, sagt Rudolf Pohl, Referent im Dezernat Umwelt, Ordnung, Sport und Beauftragter für Nachhaltigkeit. Über die kommunale Einkaufspolitik, die Unterstützung fairer Initiativen, die Wertschätzung von Produkten und „die Suche nach tollen Fair-Ideen“ will Leipzig einen kleinen Ausgleich schaffen. „Diese Verantwortung haben die Kommunen“, sagt Pohl. „Alles, was wir tun, soll helfen, dass der Anteil fairer Produkte steigt – damit menschenwürdige Arbeitsbedingungen baldmöglichst Standard auf der ganzen Welt sind, wie es die ILO-Kernarbeitsnormen eigentlich längst vorschreiben.“

Öffentliche Ausschreibungen: ILO-Kernarbeitsnormen beachten

Das schlägt sich zunehmend in den öffentlichen Ausschreibungen nieder. Wer als Unternehmer und Dienstleister einen Auftrag ergattern möchte, muss beispielsweise belegen, dass er die ILO-Kernarbeitsnormen beachtet. Solche Nachweise werden in Leipzig „immer selbstverständlicher Teil  der Ausschreibungen“, sagt Pohl. „Auch in einigen städtischen Beteiligungsunternehmen gehen die ersten Beschaffungen auf den Weg, in denen faire Kriterien berücksichtigt sind – Tendenz stark steigend!“ Ziel sei, „dass Fair Trade ein Beschaffungskriterium bei allen relevanten Produktgruppen aus dem globalen Süden wird.“

Zuletzt gelang das in Leipzig bei der Oberbekleidung für dieBranddirektion. Das Angebot, das soziale Kriterien nachwies, war sogar das günstigste. Ohnehin sei Fair nicht zwingend teurer, sagt Pohl: „Die Preissteigerungen liegen im niedrigen einstelligen Prozentbereich.“ Die Lohnanteile seien „so gering, dass sich das bei uns auch dann kaum bemerkbar macht, wenn die Löhne in den Produzentenländern auf das dort gültige Mindestlohnniveau angehoben würden.“

„Beschaffer müssen umdenken“

Dennoch ist der Anteil des kommunalen Einkaufsvolumens in Leipzig noch immer gering. Denn die Umstellung auf eine öko-faire Beschaffung ist nicht einfach, sagt Pohl. Beschaffer müssten umdenken, Kriterien akribisch vorgeben, und gegebenenfalls mehr Anbieter ansprechen, weil weniger Anbieter die Kriterien erfüllen. „Das ist viel Arbeit, und das geht nicht mit Gewalt“, sagt Pohl. Hinzu kommt, dass es nicht für jedes Produkt ein faires oder ökologisches Siegelbeziehungsweise eine öko-faire Alternative gibt. Wie fair geht, zeigte den Beschaffern in Leipzig die zum BMZ gehörende Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW), dasEntwicklungspolitische Netzwerk Sachsen (ENS) und derörtliche Eine-Welt- Verein Leipzig. „Es muss aber immer eine individuelle Lösung vor Ort geben; man kann sie nicht fertig von außen importieren“, so Pohl.

In Sachsen kommt erschwerend hinzu, dass das Vergaberecht laut Kritikern wenig zeitgemäß ist. „Das sächsische Vergabegesetz, das CDU und FDP beschlossen haben, schreibt Kommunen und staatlichen Einrichtungen nur vor, dass das ´wirtschaftlichste Angebot´ den Zuschlag erhält - also in der Regel das billigste“, moniert Andreas Roth vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen. „Dabei ist auf Bundes- und EU-Ebene längst klar, dass die Einkäufer der öffentlichen Hand auch soziale und ökologische Kriterien bei Ausschreibungen berücksichtigen können und dürfen.“ In vielen Bundesländern, etwa Bremen oder Hamburg, ist das heute sogar Pflicht, sagt auch Leipzig-Vertreter Pohl. „In Sachsen hingegen gelten soziale Kriterien und Vorgaben als vergabefremd.“ Die Folge sieht auch Pohl: „Manch Beschaffer hat Angst, dass ein nicht berücksichtigter Anbieter klagt – und dass im schlimmsten Fall sogar der ganze Vergabeprozessaufgehoben wird.“

Ohne die Bürger geht es nicht

Ohne die Bürger geht auch in Leipzig beim Fairen Handel nichts. „Die Stadtverwaltung alleine schafft das nicht – da braucht es auch Leute, die sich engagieren“, sagt Pohl. Einbreites Bündnis aus Vereinen wie der Eine Welt e.V., Gastronomen, NGOs, der Uni, Wirtschaftsvertretern und Politikern sorgt dafür, dass sich künftig in Leipzigs Verwaltung, Gastronomie, Schulen, aber auch in Firmen und Geschäften mehr Produkte ohne Ausbeutung finden. Dieses „Netzwerk Leipzig handelt fair“ sorgt über Veranstaltungen und Infoabende zudem dafür, dass die Bewohner der Stadt immer mehr über den Fairen Handel erfahren. Denn auch in Leipzig klafft eine Lücke zwischen Sagen und Handeln, bedauert Pohl: „Zwar wissen mehr als 60 Prozent der Leipzigerinnen und Leipziger, was hinter dem Fairen Handel steht - doch der Marktanteil der fairen Produkte liegt trotz stetigem Anstieg noch immer im einstelligen Prozentbereich.“

Die Steuerungsgruppe wird auch koordiniert – das BMZ und Leipzig haben hierfür extra zwei Stellen geschaffen. „Das gibt dem fairen Anliegen der Stadt noch mehr Struktur“, lobt Detlef Knaack, Chef der Fairgourmet, eine Catering- und Eventagentur und hundertprozentige Tochter der Messe Leipzig. Auf der Messe etwa ist der Absatz von Kaffee nach der Umstellung auf Fairtrade nicht eingebrochen. Im Gegenteil: Dort verkauft Knaack seitdem jährlich an die vier Tonnen Kaffee – rund fünf Prozent  mehr als früher. Auchetliche Gastronomen hätten bei einzelnen Produkten auf Fair umgestellt, sagt Knaack, der auch der Dehoga Leipzig vorsteht: „Bei vielen stößt man auf offene Ohren.“

Letztendlich hilft das allen: den Produzenten in Afrika, Lateinamerika und Asien sowie den Bürgern Leipzigs. Städte und Firmen mit einem nachhaltigen Image ziehen nicht nur Familien und Studenten an, sondern auch Jobs und Arbeitskräfte, ist Nachhaltigkeitsbeauftragter Pohl überzeugt:„Städtische und private Unternehmen auf Höhe der Zeit – damit kann eine junge Stadt wie Leipzig punkten.“ Das findet auch Firmenchef Knaack: „Einer Stadt, die wächst, steht es gut, auf das Thema Nachhaltigkeit zu achten.“

Weitere Infos: www.leipzig-handelt-fair.de

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