Pilotprojekt

Lichtstrahl am Ende des Glas-Tunnels

Michael Kniess11. April 2017
Das bayrische Dorf Frauenau will die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen.
Das bayernweite Projekt „Digitales Dorf“ will die Attraktivität des ländlichen Lebensraums steigern. Die Dörfer Frauenau und Spiegelau in Südbayern konnten sich als Modelldörfer durchsetzen.

Eine stolze Glashüttentradition und traditionelles Glasmacher-Handwerk – dafür wurde ­Frauenau einst europaweit bekannt. Doch der Glanz vergangener Tage ist verblichen. Das gläserne Herz, es bröckelt: Von den 1400 Arbeitsplätzen in der Glasproduktion, die es in Frauenau noch vor 40 Jahren gab, sind heute noch 200 übrig geblieben. Die Berufspendler, die jeden Wochentag zu Hunderten an ihren Arbeitsplatz in den staatlich an­erkannten Erholungsort im Landkreis Regen strömten, sind Vergangenheit.

Das Bild hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die Frauenauer sind selbst zu Pendlern geworden, um ihren Lebensunterhalt anderswo zu verdienen. Wenn überhaupt: Gab es vor 20 Jahren noch 3300 Einwohner, sind es derzeit noch 2700 Menschen, die in Frauenau leben. Deren Durchschnittsalter liegt bei über 50 Jahren. Die Folgen: eine Industrie­brache im Ortskern, wenige Arbeitsplätze, wenige Abnehmer für die örtlichen Bäcker, Metzger und Einzelhändler. Kurzum: schwierige Zeiten für Frauenau und den Bürgermeister Herbert Schreiner.

Bürgermeister Schreiner will den demografischen Trend stoppen

Das wenig optimistische Bild von darbenden Randregionen in ländlichen Gebieten, will der 57-jährige SPD-Politiker dennoch nicht nachzeichnen: „Dem Trend, dass kleine Dörfer immer weiter schrumpfen und große Städte stetig wachsen, möchte ich nicht einfach zusehen.“ Herbert Schreiner ist deshalb äußerst umtriebig, wenn es darum geht, der demografischen Entwicklung in Frauenau Einhalt zu gebieten und seine Gemeinde auch für junge Menschen ­attraktiv zu gestalten.

 

Im Rahmen der Städtebauförderung wurden bereits der Rathausplatz und das Schulumfeld umgestaltet, die Erneuerung der Gehwege an der Hauptstraße und die Gestaltung des Bahnhofsumfeldes sind in Planung. Zudem stellt die Gemeinde günstiges Bauland zur Verfügung. Obendrauf erhalten zuziehende Familien 3000 Euro als Prämie für jedes Kind unter 18 Jahren. Mit Erfolg: „In den vergangenen  drei Jahren konnten wir so 17 Bauplätze verkaufen. Zudem sind wir gerade dabei, zwei neue Baugebiete auszuweisen“, sagt Herbert Schreiner.

Projekt „Digitales Dorf“ soll Vorbilder schaffen

Ein weiterer, wichtiger Lichtstrahl am Ende des Glas-Tunnels könnte das bayern­weite Projekt „Digitales Dorf“ sein. Es soll ländliche Regionen attrakiver machen und die Lebensqualität ihrer Einwohner steigern. In einem zweistufigen Wettbewerb konnte sich Frauenau in einer gemeinsamen Bewerbung mit der Nachbargemeinde Spiegelau durchsetzen. Zusammen stehen sie seit Dezember als Gewinner für Südbayern fest. Die Voraus­setzungen dafür waren im wahrsten Sinne des Wortes gelegt: Die Dörfer sind bereits mit schnellem Internet versorgt. Nun geht es darum, mit guten Ideen darauf aufzubauen.

Entstehen sollen Vorbild-Kommunen, in denen mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnologien neue Services und Anwendungen geschaffen werden, die die Lebensbedingungen im ländlichen Raum verbessern. Im Blick stehen dabei insbesondere Se­nioren und Familien. Das Projekt „Digitales Dorf“, dessen erste Umsetzungsphase bis Ende 2018 läuft, versteht sich als Maßnahme gegen die zunehmende Verstädterung und Alterung und die ­daraus resultierenden Konsequenzen für den ländlichen Raum.

Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten

Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, ist Schreiner überzeugt. Dank Internethandel und neuen Liefermodellen sind Waren vor Ort besser verfügbar. Medizinische Versorgung ist über mobile und digitalisierte Angebote verbesserbar. Die Bewohner können Bildungsangebote wahrnehmen, ohne persönlich anwesend sein zu müssen. Nachbarschaftshilfe, Pflege- und sonstige Dienstleistungen sind über Internetplattformen besser koordinierbar – dies sind nur einige Ansatzpunkte, die Chancen bieten, den ländlichen Raum zu stärken. Gemeinsam mit seinem Amtskollegen Karlheinz Roth (CSU), dem Bürgermeister der Gemeinde Spiegelau, will Herbert Schreiner die Chancen, die sich durch das Projekt ergeben, nutzen. Parteigrenzen spielen dabei keine Rolle, dies ist Herbert Schreiner wichtig, zu betonen: „Die Herausforderungen sind hier wie dort dieselben, da ist es doch nur konsequent, wenn wir diesen Weg gemeinsam beschreiten, da wir ohnehin schon lange vertrauensvoll und eng zusammenarbeiten.“

Dieser Schulterschluss ist unter anderem ein Grund, weshalb sich der Ministerrat auf Empfehlung einer sechsköpfigen Jury aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunalpolitik für Frauenau und Spiegelau als Modelldörfer entschieden hat. Einen anderen unterstreicht Rainer Bomeisl, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Hochschule Deggendorf, die in Form des Technologie Campus Grafenau (TC Grafenau) das Projekt begleitet: „Die Bewerbung war sehr detailliert und zeugte von viel Engagement. Ebenso überzeugten die aufgeführten Ideen hinsichtlich des Modell-Charakters und der ‚Leuchtturm-Wirkung‘.“

Digitales Rathaus und Dorfshuttle

Derer gibt es bereits einige: Das Vorhaben des Gemeindeverbundes verfolgt seit März einen umfassenden Ansatz aus insgesamt sieben Themenfeldern. Die Bürger werden bei alledem von Beginn an bei der anstehenden Umsetzung beteiligt. Neben Telemedizin sind auch Maßnahmen wie das digitale Rathaus, ein Dorfshuttle, die Nahversorgung durch ein Bestell- und Liefersystem im Lebensmitteleinzelhandel oder Wohnwelten für unterschiedliche pflegebedürftige Zielgruppen geplant. Letztere zielen darauf ab, Menschen durch modernste Technik ein eigenständiges Leben im gewohnten Lebensumfeld so lange wie möglich zu ermöglichen. Ein Beispiel: Wenn die Hausarztpraxis mittels Telemedizin eine adäquate Diagnostik und Fernkonsultationen mit Spezialisten und Fachärzten anbietet, können weite Fahrten und unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden.

Das Dorfshuttle soll insbesondere auch ältere Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, aus entlegenen Dorfteilen zum Arzt, in die Apotheke oder zum Einkaufen fahren. Bürgermeister Schreiner verbindet damit eine weitere Vision: „Denkbar ist auch ein Lieferservice für Medikamente genauso wie für Lebensmittel.“ Für ihn ein Standortvorteil, denn auf diese Weise sei man nicht nur attraktiv für Ärzte und Apotheker, sondern auch für lokale Einzelhändler, die dadurch in der Lage wären, neue Kunden in größeren Verkaufgebieten zu gewinnen. Berufstätige könnten auf diese Weise beispielsweise Eier, Gemüse oder Obst vom regionalen Hofladen bestellen, was aufgrund der Öffnungszeiten vorher nicht möglich war.

Annette Karl (SPD): Projekt als ergebnisoffenes Experimentierlabor“

Überhaupt soll durch das Projekt auch das Kernproblem, die Schaffung von Arbeitsplätzen für Hochqualifizierte, in den Fokus gerückt werden. „Wir arbeiten an einem Konzept für Telearbeitsplätze, wo Mitarbeitende die Voraussetzungen vorfinden, vom Bayerischen Wald aus für Weltfirmen tätig zu sein und sich gleichzeitig mit Angestellten anderer Unternehmen vernetzen können“, sagt Rainer Bomeisl. Ein anspruchsvolles Ziel, denn schon bis Mitte 2018 sollen wesentliche Projekt­inhalte umgesetzt werden, für die pro Modellregion in jedem Jahr 500.000 Euro zur Verfügung stehen. Bis dahin müssen vorzeigbare und modellhafte Ergebnisse vorliegen. Denn vom Projekt „Digitales Dorf“ sollen alle Gemeinden in einer ähnlichen Situation profitieren. „Wir werden eine Plattform ins Leben rufen. Allen interessierten Gemeinden steht die Teilnahme an dieser offen, die dem Erfahrungsaustausch, der Kontaktanbahnung und der Vermittlung von Best Practices dient“, sagt Rainer Bomeisl.

Für Annette Karl, SPD-Landtagsabgeordnete und Sprecherin ihrer Fraktion für Fragen des ländlichen Raumes, ist dies ein wesentliches Element: „Es ist nötig, dass das Projekt auch als ein ergebnisoffenes Experimentierlabor genutzt wird. Nur so lässt sich herausfinden, welche Möglichkeiten die Digitalisierung dem ländlichen Raum bietet.“ Außerdem müsse nach Abschluss des Modellvorhabens, im Rahmen der Best-Practice-Beispiele, auch die Frage einer möglichen Finanzierung beziehungsweise Förderung weiterer solcher Projekte für andere Kommunen geklärt sein, falls dies nötig werden sollte. Ihre Forderung: „Die erfolgreichen Projekte sollten umgewandelt werden in Dauereinrichtungen, um die Lebensqualität im ländlichen Raum nachhaltig zu verbessern.“

Darauf hofft Herbert Schreiner. Für ihn und seine Gemeinde ist ein erfolgreicher Ausgang des Projektes „Digitales Dorf“ überlebenswichtig: „Wir brauchen in unseren Kommunen insbesondere auch diejenigen, die uns leider allzu oft den Rücken kehren: gut ausgebildete junge Menschen und deren Wissen, Kreativität und Ideen.“ Dafür tut der umtriebige SPD-Politiker alles. Am Ende steht für ihn ein Ziel: Die Menschen davon zu überzeugen, dass sich das Leben auf dem Land vor dem in der Stadt nicht zu verstecken braucht.

Das Projekt „Digitales Dorf“

Ziel des Projektes „Digitales Dorf“ ist es, Erfolgsrezepte zu schaffen, die die Attraktivität des ländlichen Lebensraumes steigern können. Die Erkenntnisse aus dem Projekt sollen die Entwicklung weiterer Digitalisierungsansätze in Bayern und ganz Deutschland vorantreiben. Neben dem Gemeindeverbund Spiegelau-Frauenau (Landkreise Freyung-Grafenau und Regen) für Südbayern, konnte sich in Nordbayern die Steinwald-Allianz, ein Zusammenschluss von 16 Gemeinden in der Oberpfalz (Landkreis Tirschenreuth), durchsetzen. Das Projekt ist vom  Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie initiiert und koor­diniert.

Angelegt ist das Projekt auf zwei zweijährige Umsetzungsphasen. Durchführende Partner sind der Technologiecampus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf (Südbayern) und die Fraunhofer
Gesellschaft mit dem Fraunhofer IIS in Nürnberg und dem Fraunhofer IESE in Kaiserslautern (Nordbayern). Diese übernehmen die Koordination des ­Projektablaufes, die Projektplanung und -leitung sowie die wissenschaft­liche Begleitung.

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