SPD-Parteitag

Martin straight outta Würselen

Karin Billanitsch19. März 2017
Zeit für Martin Schulz: Grosser Applaus für den Mann aus Würselen auf dem Parteitag.
Martin Schulz ist mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidat gewählt worden. Schulz zeichnet seinen politischen Weg vom Kommunalpolitiker bis heute nach und wirbt um Unterstützung bei seinem Kurs für mehr Gerechtigkeit. Sigmar Gabriel hob noch einmal die wichtige Rolle der kommunalen Politik hervor. Die Hoffnungen, dass diese Politik weiter geführt wird, richten sich nun auf Martin Schulz. Schlaglichter vom SPD-Parteitag in Berlin.

Es dauert nicht lange, bis auf dem außerordentlichen Bundesparteitag der SPD zur Wahl von Martin Schulz zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidat der Partei das Stichwort Würselen fällt: „Es ist überhaupt keine Frage: Würselen ist toll, aber Berlin ist auch ganz schön“, sagt Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin. Von Würselen über Brüssel nach Berlin ins Kanzleramt: Es bleiben keine Zweifel daran, was die anwesenden Parteigenossen von ihm erwarten. Hannelore Kraft, NRW-Ministerpräsidentin, fasst es in Worte bei ihrer Begrüßungsrede: „Wir und 10.000 neue Mitglieder glauben daran, dass Martin auf dem Weg ins Kanzleramt ist. Ihnen und uns ist eine klare Haltung wichtig: Flagge zu zeigen auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit. Für Demokratie, für Freiheit, für Solidarität, für Gerechtigkeit. Diese Werte vertritt Martin Schulz mit hoher Leidenschaft und Glaubwürdigkeit.“

Ein Mann aus Würselen“

Hannelore Kraft vergisst bei ihrer Begrüßung nicht, die vielen kommunalen Vertreter zu erwähnen, darunter Helmut Dedy, den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. Als Martin Schulz ans Rednerpult tritt, wird er mit minutenlangem Applaus empfangen. „Ich bin Teil einer Familie, die sich darum kümmert, dass sich die Dinge auf dem Land, in den Städten, in Deutschland, ja, auf dem Kontinent zum Besseren wenden. Ich stehe vor Euch: ein Mann aus Würselen.“

Er könne es kaum fassen, „was passiert, wenn ihr mich wählt“. „Ich bin das fünfte Kind einfacher, sehr anständiger Leute.“ Schulz' Vater war Polizeibeamter, die Mutter Hausfrau. Sein politischer Weg begann in der Kleinstadt Würselen bei Aachen. Hier in der rheinischen Provinz ist seine Heimat, hier hat er die ersten politischen Meriten erworben. Geboren wurde er 1955 in Hehlrath, das heute zu Eschweiler gehört. Aufgewachsen und in die Schule gegangen ist er in Würselen, der Heimatstadt seiner Mutter. Elf Jahre lang, bis 1998 war er ehrenamtlicher Bürgermeister von Würselen, bis er das Rathaus mit dem europäischen Parlament tauschte und es bis zum Präsidenten des EU-Parlaments brachte.

Eine zweite Chance für alle“

Dass er seine Heimat und Herkunft nicht vergessen hat, wird bei vielen Gelegenheiten deutlich. Er spricht oft davon, dass er als Bürgermeister in Würselen alles gelernt habe, worauf es in der Politik ankomme. Sein Vater Albert stammte aus dem Saarland aus einer sozialdemokratisch orientierten Bergarbeiterfamilie. Eine Karriere als Fußballprofi scheiterte, nach kurzer Arbeitslosigkeit machte Schulz eine Lehre als Buchhändler. „Ich habe eine zweite Chance bekommen, so wie alle eine zweite Chance bekommen sollen“, sagt Schulz. „Für mich waren das die Bücher.“ Er bekam seine Alkoholsucht in den Griff und machte sich 1982 mit einer Buchhandlung in Würselen selbstständig. Auch deshalb wirkt er glaubwürdig, wenn er immer wieder davon spricht, Politik für die hart arbeitenden Menschen machen zu wollen.

Auch damalige Kontrahenten würdigen seine Leistungen, zum Beispiel die Erschließung eines Gewerbegebietes und die Schaffung von Arbeitsplätzen. „Natürlich habe ich ihn damals bekämpft, sagte der Kommunalpolitiker Harald Gerling (CDU) im Januar der Berliner Zeitung. „Aber wenn ich ihn heute reden höre, denke ich: Hast gut geredet, Jung. Da kann Würselen stoz drauf sein.“ Allerdings glückte Schulz als Bürgermeister nicht jedes Vorhaben. Die Übernahme eines Spassbades durch einen privaten Investor ging schief.

Licht und Schatten im Leben von Martin Schulz

Auf Licht und Schatten in seiner Biografie spielt auch Schulz Vorgänger, Außenminister Sigmar Gabriel, an: „Du kennst das Leben, auch die Schattenseiten. Du weißt wie sich Menschen fühlen, bringst nicht nur den Verstand, auch das Herz ein.“ Sigmar Gabriel erinnert an Willy Brandt, der „wusste, wie wichtig die Fähigkeit ist, sich berühren zu lassen vom Schicksal anderer Menschen“. Der Aufbruch der SPD habe einen neuen Namen, der heiße Martin Schulz, sagt Sigmar Gabriel, der alle, die eine melancholische Abschiedsrede erwartet haben, enttäuscht.

Aber er schreibt Martin Schulz ins Stammbuch, dass die SPD während seiner, Gabriels Amtszeit „eine Partei der Kommunen“ geworden ist. „Wo das Große wichtig ist, etwa die politische Situation in Europa, wird auch das Kleine wichtiger.“ Die Unsicherheit in der globalen Welt führe dazu, dass die Menschen wieder Wurzeln haben wollen. „Verwahrloste Städte und Gemeinden produzieren verwahrloste Seelen. Das ist der Grund, warum wir für gut ausgestattete Städte und Gemeinden kämpfen müssen.“ In 20 Prozent der deutschen Gemeinden gebe es keine Schulen, in manchen nicht einmal mehr eine Bushaltestelle. „Wir sind auch die Heimatpartei“, sagt Gabriel unter Beifall der Genossen. Mit Schulz verbinden die Kommunalpolitiker viele Hoffnungen.

In seiner Rede kündigte Martin Schulz an, dafür zu sorgen, Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte, die vor Ort jeden Tag im Einsatz seien, besser zu unterstützen und zu schützen. Auch Vereine und gesellschaftlich Engagierte, egal ob in der Gemeinde, in den Schulen, im Stadtteil, sollen unterstützt werden und verdienten Respekt. „Ich habe unzählige Begegnungen gehabt, in Bildungsstätten und Betrieben, mit Menschen“, sagte Schulz. Vor allem im ländlichen Raum brauche es Unterstützung bei der Digitalisierung. Es gebe viel zu verbessern: „Ich habe Schulen gesehen, die mehr an Baustellen als an Orte der Lehre erinnern.“ Er sprach sich für Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Universität, die berufliche Bildung eingeschlossen, aus. „Wir wollen, dass der Bund sich an der Schulsanierung und der Schulsozialarbeit beteiligt“, bekräftigte er. „Ich brauche Euch alle, die ihr im Parlament, in den Gemeinden und in den Ortsvereinen arbeitet“. Dann wird abgestimmt. Martin Schulz wird einstimmig zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.

Erinnerung an Willy Brandt

Manche sagen, das letzte Mal, als es eine solche Euphorie gegeben hat, sei unter Willy Brandt gewesen. Johanna Ueckermann, streitbare Juso-Vorsitzende, sagte, sie habe immer gehört, wie die Stimmung in der Partei unter Willy Brandt gewesen sei. Nun könne sie in 30 Jahren erzählen: „Ich bin dabei gewesen, als Martin Schulz gewählt wurde. Die Jusos stehen hinter Dir, Martin!“ Die Jusos verteilten ein begehrtes Utensil, das schnell vergriffen war: eine schwarze Jutetasche mit dem Aufdruck „Straight outta Würselen.“

Übrigens: Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Schulz und Brandt gibt es auch noch: ein Bürgermeisteramt. Brand sammelte kommunalpolitische Erfahrung in (West-)Berlin, bevor er sich aufmachte, das gespaltene Europa zu versöhnen.

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