Tipps für den Wahlkampf

Der moderne Wa(h)lfang…

Annette Luckner20. April 2017
Schulz-Wahlkampf 2014
Wahlkampfveranstaltung mit Martin Schulz (Archivbild von 2014): Der „Schulzzug” zeigt, wie schnell sich Stimmungen ändern können. Das gilt auch für Kommunalwahlkämpfe.
… oder die anstrengende Suche nach dem Fisch für die Angel! Annette Luckner ist Kommunalpolitikerin und erfahrene Wahlkämpferin. In ihrem DEMO-Beitrag gibt sie wertvolle Tipps und schreibt, was Wahlkämpfer beachten sollten.

Eines gleich mal vorweg: Es lohnt sich immer, zu kämpfen! Manchmal reicht eine Begebenheit, die niemand voraussehen konnte und die Stimmung im Land ändert sich. Fliegt ein Atomreaktor in die Luft, kommt ein Hochwasser, streiten sich Parteichefs, kann das wahlentscheidend werden. Bestes Beispiel ist die Kandidatur von Martin Schulz, der den Schulz-Zug ins Rollen gebracht hat, viele Genossinnen und Genossen mitreißt und die Stimmung im Land gedreht hat.

Leitfaden für die Mobilisierung

Also heißt es kämpfen und die Wähler mobilisieren. Aber wie? Der Kampagnenleiter der BayernSPD, Rainer Glaab,  hat viel Erfahrung aus bayerischen Wahlkämpfen, hat sich mit erfolgreichen Wahlkämpfern aus anderen Bundesländern und der Parteizentrale unterhalten und einen Mobilisierungsleitfaden entwickelt, wie man heutzutage einen modernen Wahlkampf führt. In Augsburg war er als Referent für die Georg-von-Vollmar-Akademie und hat aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz, gespickt mit vielen Tricks und Tipps, berichtet. Die schöne Überschrift stammt übrigens auch von ihm.

Heutzutage ist landauf landab das Gejammer groß über die geringe Wahlbeteiligung. Ja, das ist zwar sehr bedauerlich, bedeutet aber gleichzeitig dank der aktuellen Unberechenbarkeit der Wählerinnen und Wähler, dass auch verhältnismäßig wenige Stimmen reichen können, um zu gewinnen. Das kann also auch für Sozialdemokraten ein angenehmer Nebeneffekt sein, um einen Wahlsieg zu schaffen. Der Wähler ist eine Diva (ich gebe zu, das ist nicht richtig gegendert, aber das würde beim Lesen zu kompliziert werden): ärgerliche Grundstimmung, leicht umzustimmen, bleibt vielleicht am Wahltag sogar zu Hause und sorgt dafür, dass die Partei der Nicht-Wähler inzwischen 30 bis 40 Prozent ausmacht. Er entscheidet sich erst kurz vor knapp, wen er wählt, oft erst am Wahlsonntag, ist untreu, geht fremd, ist kein Stammwähler, sondern Wechselwähler.

Konservative Briefwähler

Der Briefwähler entscheidet sich übrigens oft schon ein halbes Jahr vor der Wahl, wen er wählt und lässt sich davon nicht mehr so leicht abbringen. Gerade in Bayern ist es laut Rainer Glaab für uns Sozialdemokraten nicht ratsam, zur Briefwahl aufzufordern. Bei uns seien die Briefwähler eher konservativ, wählen tendenziell weniger SPD.

Im Moment sieht es so aus, als würden die Wahl von Donald Trump, der Brexit und auch die innenpolitische Lage in Deutschland zu einer Repolitisierung führen. Die Neueintritte sind neben dem Schulz-Effekt auch damit erklärbar. Dafür braucht man keine Experten, das hört man von denen, die neu eingetreten sind, wenn man sie nach ihrem Beweggrund fragt. Für andere Fragen zieht man gerne mal Experten zurate, zum Beispiel für Meinungsumfragen. Das Ergebnis kann mobilisierend wirken oder genau das Gegenteil. Seehofer ist dafür bekannt, Politik nach Umfragelage zu machen. Hat ihm auch den Spitznamen „Drehhofer“ eingebracht.

Marktforschung als Grundlage

Und was ist nun das beste Wahlkampfrezept? Wie sollen unsere Wahlkämpfe aussehen? Am Anfang steht die Marktforschung, sagt Rainer Glaab. Eine grundlegende Zielgruppenanalyse hilft enorm, um Energie vorwiegend da reinzustecken, wo am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit auch etwas Positives, sprich Wählerstimmen, herauskommen (können). Wir haben in Bayern 30 Prozent für die SPD erreichbare Leute. Und für diese 30 Prozent müssen wir Wahlkampf machen und es schaffen, dass sie dann auch zur Wahl gehen. Wenn wir dann noch freie Kapazitäten haben, können wir uns den anderen 70 Prozent zuwenden. Wo man die 30 Prozent findet? Da hilft der Mobilisierungsplaner der SPD, der Deutschland nach Wählerpotentialen einteilt und Wahlkämpfern straßengenau zeigt, wo sie hingehen sollen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. „Mobilisierung geht nur offline“, betont Glaab.

Begeisterte Freiwilligen-Armeen müssten ausschwärmen und Tür-zu-Tür-Wahlkampf machen. Dafür hat die SPD inzwischen auch eine App entwickelt, die die Wahlkämpfer unterstützen kann und mit deren Hilfe am Ende auch die Datenlage verfeinert werden kann. Außerdem mag es sein, dass die Menschen Institutionen und Parteien nicht mehr besonders vertrauen, doch sie vertrauen noch immer den Menschen in ihrer Nachbarschaft, auch dem SPD-Mitglied, das sie persönlich kennen und das an ihrer Haustür klingelt. Und den Wahlkämpfern sei als Motivation noch Folgendes gesagt: Wenn Menschen gefragt werden, welche Partei sie wählen würden, wenn ihre erste Wahl nicht zum Zuge kommt, dann liegt die SPD mit großem Abstand auf dem zweiten Platz. Die SPD ist also kein Schreckgespenst, sondern allemal eine gute Alternative. Obama hat übrigens nicht online gewonnen, sondern mit acht Millionen Hausbesuchen, die er zwar nicht alle selber gemacht hat, die aber seine Freiwilligen-Armee für ihn übernommen hat.

Eine verständliche Sprache finden

Dass vor allem Glaubwürdigkeit und Vertrauen zählen, dürfte allen klar sein. Und dazu gehört auch, dass Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller den Politiker, den sie wählen sollen, auch verstehen. Keine Politikersprache, sondern reden wie mit Freunden, einfache Sätze ohne Fremdwörter und Fachbegriffe. Da kann man sich ruhig Martin Schulz zum Vorbild nehmen. Kampagnen sollen sich übrigens nicht an den Wahlrhythmen orientieren, sondern über Wahlperioden hinaus Bestand haben. „Parteien müssen Bewegungen werden“, formuliert es Rainer Glaab. Dahin müssen wir kommen und dazu passt das Bild des Schulz-Zuges wunderbar.

Und Bewegungen brauchen schnelle und unkomplizierte Nachrichten- und Informationsflüsse. Dafür eignet sich das Internet. Ob eine Pressemeldung erscheint, hängt von vielen Faktoren ab, die kaum zu beeinflussen sind. Deshalb ist Social Media wichtig: zum Informieren für diejenigen, die über klassische Medien nicht mehr erreichbar sind, um bei Journalisten die eigene Meinung zu platzieren (Journalisten bewegen sich inzwischen fast alle auf Facebook und Twitter und holen sich dort Zitate von Politikern statt sie anzurufen), um eigene Inhalte zu setzen mit Videos, O-Tönen und eigenen Recherchen, für die Motivation von Wahlkämpfern und Unterstützern und zur schnellen Weitergabe von Informationen. Twitter wird immer mehr zum Ersatz für teure Nachrichtenagenturen in den Redaktionen.

Online regelmäßig schreiben

Bei Twitter muss man sich kurz fassen, 140 Zeichen sind nicht viel, da müssen selbst Politiker sich auf das Wichtigste beschränken, dafür aber sollten sie täglich Tweets absetzen, absolutes Minimum ist einmal pro Woche. Man kann sich schnell als Experte für ein Thema auf Twitter einen Namen machen und Journalisten wissen dann, wen sie zu einem bestimmten Thema ansprechen können. Auf Facebook ist es empfehlenswert, Videos hochzuladen. Die werden bevorzugt und eher wahrgenommen als Fotos. Auch hier gilt: regelmäßig posten.

Aber: Präsenz im Internet ersetzt nicht den direkten Kontakt zu Menschen, das Zusammenspiel allerdings ist optimal und etwas Übung braucht man für beides. Wer an der Haustür jemanden ansprechen soll, tut sich am Anfang sicher genauso schwer wie jemand, der zum ersten Mal twittert oder postet. Und wie man nun einen Wal fängt oder auch einen kleineren Fisch, das kommt ja bekanntlich auf den Wurm an und der muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Wal-Fisch.

Viel Glück bei der Suche, vielleicht helfen diese Zeilen dabei!

 

Dieser Text ist zuerst im Bayern-Split der DEMO erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der SGK Bayern veröffentlicht.

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