Kirche und Kommunen

Neues Leben für alte Gotteshäuser

Hannah Rüdiger23. Dezember 2021
Die St. Marienkirche ist zugleich Foyer und Herzstück des 2016 eingeweihten Gebäudekomplexes des Anneliese Brost Musikforums Ruhr in Bochum.
Immer mehr Kirchen werden entwidmet oder profaniert. So bleiben die wertvollen Gebäude der Gesellschaft erhalten. Zwei besonders gelungene Beispiele aus dem Ruhrgebiet stellen wir vor.

Wegen des anhaltenden Mitgliederschwunds der Kirchen haben in den vergangenen Jahren hunderte Gotteshäuser in Nordrhein-Westfalen schließen müssen. Vielerorts haben sich jedoch Kommunen, Bürgerinnen und Bürger dafür stark gemacht, ihre Kirchengebäude nicht nur zu erhalten, sondern ihnen einen neuen Sinn zu geben. Zwei besonders gelungene Beispiele aus dem Ruhrgebiet stellen wir hier vor

St. Marienkirche: Herzstück des Anneliese Brost Musikforums Ruhr

Eine einzige Glocke hängt noch, darüber spannt sich das strahlend weiße Gewölbe wie eine Wolkendecke: Wer das Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum betritt, findet sich zunächst in einer Kirche wieder. Die frühere St. Marienkirche ist zugleich Foyer und Herzstück des 2016 eingeweihten Gebäudekomplexes, der das Bochumer Symphonieorchester und die städtische Musikschule beheimatet. Nach links geht es vom Kirchenschiff in den Großen Saal, nach rechts in den Kleinen Saal sowie den Multifunktionsraum. „Eine schönere Vorbereitung auf Musik gibt es eigentlich nicht“, sagt Christiane Peters, Leiterin für Marketing und Kommunikation der Symphoniker.

Beim Anblick des renovierten Kirchenschiffs fällt es schwer, zu glauben, dass hier Anfang des Jahrtausends das Wasser von den Wänden lief und dem Gotteshaus der Abriss drohte. Bemühungen eines Fördervereins, die im Jahr 2002 profanierte Kirche zu erhalten, schienen zunächst zu scheitern. Genauso vergeblich verlief damals die Suche der Bochumer Symphoniker nach einem eigenen Haus. Pläne zum Neubau eines städtischen Konzerthauses scheiterten immer wieder aus finanziellen Gründen. Dann kam die Idee auf, das Kirchengebäude in ein Musikzentrum zu integrieren. Damit war sowohl die Zukunft der Kirche als auch des Orchesters gesichert.

Eiskirch: „Kirchen haben starke emotionale Bedeutung“

„Kirchen haben für viele Einwohnerinnen und Einwohner einer Stadt eine starke emotionale Bedeutung“, erklärt Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD). „Die Architektur ist oft stadtbildprägend und Abriss bedeutet immer auch, dass ein Stück Heimat zerstört würde.“ Umso wichtiger sei es der Stadt, profanierte Kirchen zu erhalten.

Bis das Musikforum um die Marienkirche eröffnet werden konnte, vergingen jedoch insgesamt fast 15 Jahre, in denen das Projekt und seine Finanzierung immer wieder auf der Kippe standen. „Phoenix ist ein Witz gegen uns“, sagt Christiane Peters in Anspielung auf den mythischen Vogel Phoenix, der immer wieder totgeglaubt und schließlich doch wiedergeboren wird. „Zu verdanken sei der Erfolg neben zahlreichen Unterstützern, Förderern und rund 20.000 Spendern am Ende vor allem dem Engagement des früheren Intendanten Steven Sloane. „Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Orchester eine neue Heimat zu finden“, erzählt sie.

Die Deusenkirche: ein Begegnungszentrum für Dortmund

Erst schloss die Post, dann die Sparkasse. Der ländlich geprägte Stadtteil Deusen im Dortmunder Nordwesten drohte zu zerbröckeln. Als im Jahr 2004 auch die evangelische Gustav-Adolf-Kirche aufgegeben werden sollte, beschloss eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger, für ihre Kirche zu kämpfen und sie zu einem sozialen Mittelpunkt umzugestalten. Gemeinsam gründeten sie den „Förderverein Begegnungszentrum Deusen – Wir lassen die Kirche im Dorf e. V.“. „Diejenigen, die hier aufgewachsen sind, wissen die Kirche zu schätzen“, sagt Ulrich Küpper, Gründungsmitglied und Vereinsvorsitzender. Gerade den älteren Deusenerinnen und Deusenern sei es wichtig gewesen, das Gebäude zu erhalten.

Für den symbolischen Preis von einem Euro kaufte der Verein die Kirche dem vereinigten Kirchenkreis Dortmund ab.

Jahre der Planung

Danach folgten Jahre der Planung, bürokratischer Hürden und vor allem harter Arbeit. Geplant war der Umbau und die Erweiterung der Kirche zu einem Begegnungszentrum mit Gastronomie. Bei einem Architekturwettbewerb gewann ein Entwurf, den die Deusener größtenteils selbst baulich umsetzen konnten. „Die Menschen hier sind es gewohnt, selbst anzupacken“, erzählt Ulrich Küpper. Fast jeder im Bezirk habe sein Haus zu großen Teilen selbst gebaut.

An den Bauarbeiten an der Deusenkirche beteiligten sich mehr als 120 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die zusammengerechnet mehr als 12.000 Arbeitsstunden leisteten. Die Stadt unterstützte und begleitete den Umbau, etwa bei der Koordination von Anträgen sowie der Weiterleitung der Fördermittel. „Es ist großartig, wenn sich Menschen für die Kirchengebäude in ihrem Umfeld engagieren“, erklärt Planungsdezernent Ludger Wilde. „Nachbarschaften in der Großstadt wachsen durch solche Initiativen vor Ort zusammen.“

Im Jahr 2010 wurde am neuen Anbau Richtfest gefeiert. Heute ist die Deusenkirche ein Ort des Zusammenkommens und des Austauschs. Genutzt wird sie für größere Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Theateraufführungen, aber auch Gymnastikkurse oder Tanzstunden. Gottesdienste finden ebenfalls noch regelmäßig statt, da die Kirche auf Wunsch des Vereins nicht entwidmet wurde. Die Menschen in Deusen wissen ihr Begegnungszentrum zu schätzen: Die Kirche ist fast jeden Tag ausgebucht.

 

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