Tafel

Wie eine Potsdamer Lokalpolitikerin gegen Armut kämpft

Paul Starzmann08. Mai 2018
Tafel-Chefin Imke Eisenblätter: „Scheinbar bin ich nicht schlecht in diesem Job.“
Imke Eisenblätter leitet die Tafel Potsdam. Zusätzlich ist sie Vorstandsmitglied im Dachverband der deutschen Tafeln und macht Lokalpolitik für die SPD. All diese Aufgaben seien nicht voneinander zu trennen, sagt sie.
Imke Eisenblätter leitet die Tafel Potsdam. Zusätzlich ist sie Vorstandsmitglied im Dachverband der deutschen Tafeln und macht Lokalpolitik für die SPD. All diese Aufgaben seien nicht voneinander zu trennen, sagt sie.

Die Stimmung unter den Helfern ist bestens. Als der weiße Laster mit der Aufschrift „Glücksbringer“ auf den Hof hinter dem bunt bemalten Flachbau im Südwesten Potsdams rollt, legen sie los. Sie öffnen die Türen des Lieferwagens und laden Kisten mit Obst und Gemüse, Brot, Milch und Joghurt aus. Eine freudige Hektik breitet sich aus, Stimmen wirbeln durch­einander, es wird gescherzt und gelacht. Beinahe wirkt es so, als bereiteten die gut gelaunten Männer und Frauen ein Grillfest vor. Doch die Lebensmittel, die sie verladen, sind nicht für Partygäste bestimmt – sondern für Menschen, die wirklich Hunger haben.

Kein „Aufnahmestopp“ für Ausländer

Zwischen den Paletten steht Imke Eisenblätter. Sie lächelt die Kolleginnen und Kollegen an, wechselt mit jedem ein paar freundliche Worte. Unter den 100 Mitarbeitern der Tafel Potsdam ist sie als Leiterin die einzige Hauptamtliche. Da gilt es, die Freiwilligen zu motivieren, ihnen Wertschätzung zu zeigen. Denn die haben sich keine leichte Aufgabe ausgesucht: Rund 1.200 Menschen versorgt die Tafel Potsdam jede Woche, Tendenz steigend. Seitdem viele aus ­Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak in der Stadt leben, ist der Andrang gestiegen – doch einen „Aufnahmestopp“ für Ausländer, wie ihn die Tafel in Essen für einige Wochen verhängt hat, gibt es hier nicht.

Ihre Hauptaufgabe als Tafel-Chefin sei nun einmal, Lösungen zu finden – anstatt nur Probleme aufzuzeigen, sagt Eisenblätter. So meisterte sie mit ihren Helferinnen und Helfern auch den Zuwachs an Bedürftigen. Sie suchte den Kontakt zu den Flüchtlingsheimen in der Gegend. Die Tafel weitete ihr Angebot um 30 Anmeldungen pro Woche aus. Die langjährigen „Kunden“ wurden dabei einbezogen. „Wollt ihr einen Aufnahmestopp?“, wurden sie gefragt. Sie verneinten das – nachdem Eisenblätter und ihr Team einiges an Überzeugungsarbeit geleistet hatten. Heute sind auch Flüchtlinge unter den Helfern der Essenausgabe. „Da sind hier auch alle stolz drauf“, freut sie sich.

Anschluss an die Politik

Das Suchen nach Lösungen, das Vermitteln und geschickte Verwalten – ­Eisenblätter, einer gelernten Steuerfachgehilfin, scheint das zu liegen. Nicht nur in ihrem Job als Tafel-Chefin muss sie gut organisieren und Konflikte lösen können. Auch in der Politik, als Mitglied der SPD-Fraktion in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, suche sie immer den Ausgleich, sagt sie. Dort leitet sie den Ausschuss für Gesundheit, Soziales und Inklusion. Dabei setze sie nie auf Konfrontation, sondern auf fraktionsübergreifende Kompromisse. „Sonst wäre ich ja auch eine schlechte Ausschussvorsitzende.“

Neben ihrem Job bei der Tafel und der politischen Arbeit für die SPD ist Eisenblätter ehrenamtliches Mitglied im Bundesvorstand des Tafel-Dach­verbands. Das alles sei nicht voneinander zu trennen, sagt sie. Überall gehe es ihr um Eines: „Etwas zu verbessern, das reizt mich.“

So erklärt sie auch ihren Weg in die Lokalpolitik: Irgendwann merkte sie, dass sie „Anschluss an die Politik“ brauche, um ihren Job als Tafel-Chefin gut machen zu können. Sie wollte die Hilfe der Stadt, um mehr für die Bedürftigen tun zu können. „Es gab zu wenig Unterstützung für die Tafel“, sagt sie. Deshalb kandidierte sie 2014 beim „Bürgerbündnis Potsdam“ für die Stadtverordnetenversammlung – und gewann zur eigenen Überraschung ein Mandat. „Aber Opposition, das funktionierte nicht“, erinnert sie sich. Zwar lernte sie damals viel über die Mechanismen der Lokalpolitik, wie Fraktionsdisziplin und Haushaltsplanung. Doch für die Tafel etwas politisch zu bewegen, das habe aus der Opposition heraus nicht geklappt. Deshalb wechselte Eisenblätter im Sommer 2015 in die SPD-Fraktion. Ein halbes Jahr später trat sie auch in die Partei ein. Heute unternimmt sie nicht nur jeden Tag ganz praktisch etwas gegen den Hunger. Als Vorsitzende des Sozial­ausschusses kämpft sie auch politisch gegen die Armut in ihrer Stadt.

„Bildung, Bildung, Bildung“

Eine Parteikarriere kann sie sich aber nicht vorstellen. „Grundsätzlich: Nein!“, sagt sie entschieden. Als Quereinsteigerin gefalle es ihr gut in der Partei und der sozialdemokratischen Kultur. „Ich fühle mich dort total zugehörig“, sagt sie über Parteiabende und SPD-Feste. „Nur das Bier schmeckt mir nicht“, wendet sie ein und lacht.

Auf die große Bühne aber will sie nicht. „Für mich funktioniert das sehr gut hier im Kleinen“, meint sie. Trotzdem spricht Eisenblätter ab und an wie ein politischer Profi, wenn sie etwa „Bildung, Bildung, Bildung“ als Rezept gegen Armut vorschlägt. Und dass es in der Politik nicht schadet, die eigenen Erfolge zu betonen , weiß sie auch. „Alle sind zufrieden“, sagt sie über die Tafel Potsdam. „Scheinbar bin ich nicht so schlecht in diesem Job.“

Der Text ist zuerst im „Vorwaerts und auf vorwaerts.de veröffentlicht worden und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Berliner vorwärts Verlags.

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