Zwanzig Jahre Arbeit

Wie das Programm „Soziale Stadt” Wulsdorf verändert hat

Ulf Buschmann11. Dezember 2019
Auszeichnung für 20 Jahre Arbeit: Die Beteiligten des Programms „Soziale Stadt Wuhlsdorf” haben den Preis Soziale Stadt gewonnen.
Der Preis „Soziale Stadt 2019” ist nach Bremerhaven gegangen. Dort ist seit 1999 ein ganzer Stadtteil umgekrempelt worden.

Der Bremerhavener Stadtteil Wulsdorf hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Grund auf verändert. Aus Schmuddelecken und abgängigen Schlichtbauten sind schmucke Häuser geworden. Hinzu kommen Begegnungs- und Spielmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene. Das alles haben die Bewohnerinnen und Bewohner, soziale Einrichtungen, kommunale Unternehmen, Politik und Verwaltung gemeinsam entwickelt und umgesetzt. Die Fäden dafür sind bei der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Stäwog zusammengelaufen. Dafür ist sie mit dem Preis Soziale Stadt 2019 ausgezeichnet worden.

Den Stadtteil umgekrempelt

„Dürfen wir auch mal?“ Marina Norkwest hält an diesem Herbsttag den Preis hoch wie einen Pokal. Ihre Kollegin Martina Gelhausen steht daneben und lächelt zufrieden. Kein Wunder, denn die beiden Frauen haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass Bremerhaven den Preis Soziale Stadt 2019 hat nach Hause tragen dürfen. Die kleinere der beiden Kommunen des Landes Bremen ist dafür ausgezeichnet worden, dass viele Akteure gemeinsam den Stadtteil Wulsdorf umgekrempelt und somit die soziale Situation verbessert haben. Norkwest und Gelhausen arbeiten bei der Bremerhavener AWO und gehören zum Arbeitskreis Wulsdorf.

Aus einstigen heruntergekommenen Schlichtbauten sind schmucke, teilweise futuristisch anmutende Wohnhäuser geworden. Und wo es früher das sogenannte Abstandsgrün zwischen den Häusern gab, sind Spiel- und Gemeinschaftsflächen, ein Gemeinschaftsgarten und kleine Terrassen entstanden. Und dann sind da noch zahlreiche soziale Projekte. Für diesen Mix ist genau genommen nicht die Bremerhaven selbst, sondern die kommunale Wohnungsbau Stäwog ausgezeichnet worden. Der Preis Soziale Stadt 2019 ist immerhin mit 10.000 Euro dotiert.

Verwahrlosung, Leerstand, Vandalismus

Rückblick: Ende der 1990er Jahre sieht es schlimm aus im Quartier. Die eilig in den 1950er-Jahren errichteten schlichten Blocks zur Beseitigung der akuten Wohnungsnot verfallen mehr und mehr. Ein Foto zeigt einen ungepflegten Hauseingang mit abgewetzten Stühlen davor. Ein anderes Bild verdeutlicht die Trostlosigkeit in den Straßen. An einer Ecke steht ein Bau, der wohl mal ein Supermarkt war. Stäwog-Geschäftsführer Sieghard Lückehe erinnert sich an eine unheilvolle Mischung aus hohem Wohnungsleerstand, Verwahrlosung und Vandalismus. „Es war ein stark sozial benachteiligtes Quartier“, sagt er. Dort lebten Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen zu einem Großteil von Sozialhilfe.

Bremerhavens Verantwortliche, allen voran die Stäwog mit dem damaligen Geschäftsführer Christian Bruns, suchen nach einem Ausweg. Die Entscheidung: Statt die Schlichtbauten abzureißen und die Grundstücke zu verkaufen, soll das Quartier auf neue Beine gestellt werden. Bruns und Co. müssen sich gegen teilweise große Widerstände durchsetzen. Doch es bleibt dabei: Neuanfang statt Abriss. Den gibt es zwar in den kommenden Jahren auch. Aber nur dort, wo es notwendig ist.

„Gegen den Strom“

Entsprechend ihrem Weg gibt es bald einen Namen, der auch Programm ist: „Gegen den Strom – Soziale Stadt Wulsdorf“. Für das Vorhaben gibt es sogar Geld vom Bund – ausgerechnet aus dem 1999 gerade neu geschaffenen Programm „Soziale Stadt“. Das Wulsdorfer Quartier sei als erstes in ganz Deutschland gefördert worden, meint Lückehe. Er freut sich: „Nach 20 Jahren ist unsere Arbeit belohnt worden.“ Der Stäwog-Chef hat die gleichen Erfahrungen gemacht wie sein Vorgänger: „Man braucht für solch ein Projekt starke Partner und die politischen Mehrheiten.“ Und noch eines hält Lückehe für unersetzlich: „An den entscheidenden Stellen die richtigen Personen.“

Zwei dieser Menschen, die für eine Aufgabe brennen, sind Hans-Joachim Ewert und Manfred Klenner. Ewert ist als junger Architekt gerade zur Stäwog nach Bremerhaven gekommen. Heute leitet er die Planungsabteilung. Klenner arbeitet damals als Sozialarbeiter im Quartier. In seinem Beruf ist Klenner inzwischen pensioniert. Aber Ruhe gibt es trotzdem nicht. „Ich habe noch einen kleinen Job im Sozialmanagement der Stäwog“, stellt er sich vor.

Kleiner Quartierspaziergang

Spaziergang durch Wulsdorf

Die beiden Männer nehmen sich Zeit für einen kleinen Spaziergang durchs Quartier. Dabei erinnert sich Ewert an die Anfänge seiner ihm vor 20 Jahren gestellten Aufgabe. Er schlägt immer noch die Hände über dem Kopf zusammen. Wie das hier wohl alles gehen soll, habe er sich immer wieder gefragt. Architektonisch muss Ewert so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau erschaffen: Das Quartier mit schmalem Budget auf links drehen. Immerhin haben andere Fachleute ihn und seine Mitstreiter längst für ein bisschen verrückt erklärt: Schlichtbauten, und dann auch noch mit Klo im Treppenhaus, ließen sich nur abreißen.

Nicht jedoch in Bremerhaven. Ewert brennt für das Ungewöhnliche. So werden die ersten Wohnblocks saniert. Beim Rundgang bleibt er stehen und erklärt, wie die Häuser etwa ein neues Dach bekommen haben. Ewert zeigt nach oben: „Das sind Dachkonstruktionen, wie man sie zum Beispiel für Scheunen in der Landwirtschaft benutzt. Wir haben sie einfach gedreht. Es sieht jetzt ein bisschen aus wie eine Landebahn.“ Zum besseren Verständnis zeichnet Ewert das Prinzip auf.

Skizze von Hans-Joachim Ewert

Vision einer grünen Gartenstadt

Dahinter steht eine städtebauliche Vision. Ewert beschreibt sie so: „Wir wollen über die Architektur in den Köpfen der Menschen ändern.“ Und nicht nur das, der Planer träumt von einer „grünen Gartenstadt“. Dafür sind in den vergangenen 20 Jahren rund sechs Kilometer Hecken und über 100 Bäume gepflanzt worden. Ewert und Klenner zeigen den Effekt: Kleine grüne Oasen vor den neu gestalteten Hauseingängen.

Grün ist es indes nicht nur vorne an den Straßen. Insbesondere Klenner freut sich über Orte der Begegnung hinter den Häusern. „Wir wollten auch aus diesem üblichen Abstandsgrün etwas entwickeln.“ Klenner hält inne und erläutert das, was sich vor ihm und Ewert erhebt: Ein Spielplatz, der an die Filme und Serien über die Abenteuer von Sindbad den Seefahrer erinnern. „Dieser Spielplatz heißt 1000 und 1 Nacht“, sagt der Sozialarbeiter.

Menschen aus aller Herren Länder

An Orten wie diesen kommen die Menschen zusammen. Zu ihnen den Kontakt zu halten und sich immer wieder mit den Bewohnern über den richtigen Weg zu verständigen, sei bis heute eine große Aufgabe, weiß Klenner. Er und Ewert untermauern dies mit Zahlen. Ihren Angaben zufolge leben im Quartier Menschen, die 20 Nationalitäten angehören – darunter 27 Prozent Türken. Rund 60 Prozent seien Deutsche, von denen 40 Prozent Sinti und Roma sind. Dieser sozialen Mischung sei es unter anderem geschuldet, dass sämtliche Umbauten und Sanierungen ohne anschließende Mieterhöhungen über die Bühne gegangen sind.

Spielplatz in Wulsdorf

Dass Menschen unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten nebeneinander leben können, betonen Ewert und Klenner, als sie vor dem Gemeinschaftsgarten stehen. Hier haben die Bewohner aus dem Haus gleich davor die Möglichkeit, gemeinsam zu gärtnern. „Das ist unsere Form von urban gardening“, muss Architekt Ewert schmunzeln.

Das Spiralhaus

Der Gemeinschaftsgarten befindet sich vor dem Objekt, das nicht nur in Bremerhaven für Furore gesorgt hat: das Spiralhaus, eingeweiht 2017. Als die beiden Männer davor stehen, erklärt Ewert die Geschichte und Philosophie dahinter: Im Quartier werden die Menschen älter. Die 50er-Jahre Schlichtbauten indes lassen keinen barrierefreien Umbau in der Substanz zu. Also ist Ewert auf die Idee gekommen, die entsprechende bauliche Ergänzung einfach davor zu setzen.

Diverse Berechnungen später und den Urteilen von Fachleuten zum Trotz ist klar: Eine Rampenkonstruktion aus Metall mit einer Verkleidung aus Holz lässt sich barrierefrei realisieren. Und das sogar unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften wie einer maximalen Steigung von sechs Prozent. Diese ermöglicht auch Rollifahrern, problemlos in die oberen Geschosse zu gelangen.

Das Fazit

Ewert und Klenner könnten weitere Beispiele zeigen. Sie und die Bewohner sind an diesem Nachmittag stolz darauf, gemeinsam etwas geschaffen zu haben. Die Rechnung, über die Architektur in den Köpfen und somit menschlich etwas zu verändern, scheint aufgegangen zu sein. „Wenn ich sehen, wie man mir heute im Quartier begegnet, wie einfach wir ins Gespräch kommen, dann denke ich, dass ich vielleicht auch einiges richtig gemacht habe“, wird Sozialarbeiter Klenner in der Broschüre zum Wulsdorfer Projekt zitiert.

Doch ausruhen kommt für die Beteiligten nicht infrage. „Die soziale Stadt ist nicht fertig“, begründet Stäwog-Geschäftsführer die Sichtweise. Müll und Gewalt der Vergangenheit seien ja nicht verschwunden. Aber der tägliche Umgang damit sei nach 20 Jahren ein anderer.

Kommentar hinzufügen