Starkregen in Berlin

„Die Pumpwerke haben geackert wie Galeeren-Sträflinge”

Carl-Friedrich Höck30. Juni 2017
Stephan Natz
Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, neben einer Pumpanlage, die überschüssiges Wasser aus Regenrückhaltebecken wieder zurück in die Kanalisation befördert. (Archivbild von 2016)
Teile von Berlin standen in der Nacht zu Freitag unter Wasser. Was bedeuten extreme Starkregen-Ereignisse für einen kommunalen Wasserbetrieb? Warum können die Kanäle solche Wassermassen nicht aufnehmen? Und was können Kommunen tun? Die DEMO hat bei dem Sprecher der Berliner Wasserbetriebe Stephan Natz nachgefragt.

DEMO: Heftige Regenfälle haben der Stadt Berlin heute Nacht zu schaffen gemacht. Was passiert, wenn die Kanäle das Wasser nicht mehr aufnehmen können? Wohin fließt es und welche Folgen hat das?

Stephan Natz: Der gigantische Regen hat große Wassermassen in Sekundenschnelle auf die Straße gekippt, so als würde jemand einen Eimer ausgießen. Dadurch ist der Unrat auf den Straßen in Richtung des nächsten Gullis mitgeschwemmt worden. Dort haben wir Fangkörbe und Gullideckel, aber die waren innerhalb kurzer Zeit verstopft.

An anderen Stellen ist das Wasser aus den Gullis herausgequollen. Die Kanäle sind wie ein unter die Straße gelegter Bach, der ins nächste Tal fließt. Das Tal ist hier ein Pumpwerk. Wenn ein Bach von allen Seiten immer mehr Wasser bekommt, tritt er über die Ufer. In der Kanalisation kommt das Wasser stattdessen irgendwo an einem Gulli raus. Aber all diese Ereignisse waren temporär, beinahe überall ist es ja auch schnell wieder abgeflossen.

Im Stadtzentrum haben wir eine Mischkanalisation. Dort kann es bei solchen Regenfällen auch passieren, dass verschmutztes Wasser in die Spree fließt. Am Stadtrand haben wir getrennte Kanäle, dort fließt das Regenwasser ohnehin in die Gewässer und kommt nicht mit anderem Abwasser in Berührung.

Wie oft passiert es, dass die Kanalisation an ihre Grenzen kommt?

So etwas wie gestern passiert statistisch betrachtet einmal in hundert Jahren. Vor einem Jahr hatten wir schon einmal ein seltenes Starkregenereignis, aber dort war der Weltuntergang lokal auf wenige Stadtteile begrenzt und der Regen hörte nach zwei Stunden wieder auf. Trotzdem war der Gleimtunnel überschwemmt. Aber dass so etwas über viele Stunden in sämtlichen Bezirken passiert, habe ich noch nicht erlebt.

Dennoch sprachen Sie auch vor einem Jahr schon davon, dass so ein Ereignis nur alle 50 Jahre vorkomme. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass extreme Wetterereignisse in Zukunft häufiger eintreten?

Starkregen in Berlin
Land unter: Die Berliner Yorckstraße am 29. Juni 2017. Foto: Florian Nimis

Möglicherweise. Aber die Jährlichkeiten bemessen sich nicht nach Bundesländern, sondern nach einem bestimmten Punkt. In der Schönhäuser Allee, wo es vor einem Jahr stark geregnet hatte, stand das Wasser gestern nicht so hoch. Dafür strömten in Spandau 154 Liter pro Quadratmeter vom Himmel.

Können Sie nicht einfach mehr Regenrückhaltebecken bauen, um die Folgen von Starkregenereignissen abzufangen?

Dann müssen wir Berlin neu bauen, am besten an einem anderen Ort. Wir vergrößern gerade die Stauräume, aber dieses Parkplatzprogramm für Abwasser ist für die ganz normalen Weltuntergänge ausgelegt, die alle Sommer mal stattfinden.

Übrigens: Alle unsere Systeme haben funktioniert, sie konnten nur nicht in Echtzeit das tun, was sie sonst machen. Die Folgen waren zum Teil Rückstau, zum Teil Überläufe. Die Pumpwerke haben geackert wie Galeerensträflinge, die Klärwerke haben an der Leistungsgrenze gearbeitet. Die Kollegen in den Leitständen und beim Entstörungsdienst selbstredend auch. Aber sich baulich auf ein hundertjähriges Ereignis vorzubereiten wäre untreu.

Was genau spricht gegen noch größere Kanäle?

Stellen Sie sich mal vor, wir hätten unter jeder Straße Kanäle gebaut, die die Wassermassen von gestern aufnehmen könnten. Dann hätten die Kanäle fast die Dimension von U-Bahn-Röhren. Das wäre zum einen eine irrsinnige Ausgabe für etwas, das Sie fast nie brauchen. Sie müssten es aber abschreiben und pflegen. Und es stinkt! Außerdem haben wir in dicht belegten Untergründen von Großstädten Nutzungskonkurrenzen. So eine Straße sieht aus wie ein Schweizer Käse, mit ganz viel Infrastruktur – Gas-, Strom-, Wasserleitungen, Telekommunikationsnetze und mehr.

Man legt die Kanalisation in Deutschland für Regenfälle mit ein- bis dreijährlicher Wahrscheinlichkeit aus. Das ist deutlich weniger als ein nur alle hundert Jahre eintretendes Unwetter. Es ist also durchaus einkalkuliert, dass Kanäle alle paar Jahre mal überlaufen können.

Müssen auch die Bürger – etwa Bauherren – sich für starke Regenfälle besser wappnen?

Gestern ist das Wasser in etliche Keller geflossen. Eigentlich sollte man dort eine Rückschlagklappe haben, die das verhindert. Die haben viele Leute nicht, oder sie wird nicht richtig gewartet. Und wer eine Dusche oder Toilette im Keller hat, braucht eigentlich eine Hebeanlage.

Ein vollgelaufender Keller ist immer sehr ärgerlich. Aber seltenst sind die Wasserbetriebe schuld. Meistens bin ich übrigens mit dem Vorwurf konfrontiert, unsere Kanäle seien viel zu groß. Wenn zu wenig Wasser durchfließt, fangen sie nämlich an zu stinken. Wir investieren jedes Jahr 100 Millionen Euro in die Berliner Kanalisation. Damit erneuern wir weniger als ein Prozent der Kanäle. Trotzdem nervt es viele Leute, dass wir so viele Baustellen aufmachen müssen. Jetzt zu denken: Ab morgen klappen wir alle Straßen um und bauen alles neu und größer, ist völlig unrealistisch und einfach Quatsch.

Über Berlin hinaus gedacht: Was kann denn die Kommunalpolitik tun, um Städte und Gemeinden für extreme Regenfälle zu wappnen?

Beim Thema Starkregen können die deutschen Abwasserentsorger Hinweise geben, aber wir können nicht alles alleine schaffen. Wir müssen die Städte so umbauen, dass sie Retentionsraum bieten. Nicht nur, um uns vor Überschwemmungen zu schützen. Große und enorm verdichtete Städte sind im Sommer ja auch wahre Brutkästen. Es ist stickig, heiß und oll.

Wenn ich die Stadt mit grünen Dächern, grünen Fassaden und Ähnlichem ausrüste, dann schaffe ich Speicher – eben Retentionsraum. Ich schaffe dann aber auch Verdunstungsflächen. Und die bringen Kühle an heißen Sommertagen.

Ich kann, wenn ich als Bauherr oder öffentliche Hand etwas anpacke, zum Beispiel einen Fußballplatz oder kleinen Stadtpark anders anlegen. Nämlich so, dass er nicht mehr ebenirdisch liegt, sondern 70 Zentimeter tiefer. Der Fußballplatz wäre dann einen temporären Polder, der bei Starkregen auch mal voll läuft – und zwar gewollt! Die Amerikaner machen es uns vor, die sind da schon weiter.

Und was tut sich in dieser Hinsicht in Deutschland?

In Berlin haben wir ein großes Forschungsprojekt, KURAS, zusammen mit verschiedenen Wissenschaftseinrichtungen. Da wird ein ganzer Baukasten an Maßnahmen zusammengestellt. Und die Landesregierung in Berlin hat gerade die Gründung einer Regenwasser-Agentur beschlossen, angesiedelt bei uns als Stadtwerken. Die soll eine Art Beratungsgesellschaft für Behörden, Bürger und Bauherren werden, die verschiedenen technischen Möglichkeiten bekannter machen und Normen erarbeiten. Ich meine: Das ist ein kluger Schachzug.

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