Kulturpolitik

Auf der roten Liste

Bert Gerhards11. August 2017
Der Fortbestand ist bedroht: Museum Morsbroich
Das Leverkusener Museum Morsbroich muss sein Defizit verringern. Die Stadt sucht nach Wegen, die Institution zu retten.

Bei seiner Eröffnung im Jahr 1951 war das Museum Morsbroich in Leverkusen das erste Museum für moderne Kunst in ganz Deutschland. Seither war der Betrieb im mehr als 200 Jahre alten Barockschloss immer ein Symbol für künstlerische Avant­garde. Große Namen gehörten dazu, Gerhard Richter und Georg Baselitz voran. Auch Joseph Beuys, dessen Kunstwerk „Badewanne“ 1973 in Leverkusen Schaden nahm, als die planvoll verunreinigte Wanne zum Zwecke der Bierkühlung
für ein Sommerfest geschrubbt wurde. Heute ist der Fortbestand des Museums infrage gestellt.

Kassensturz in Morsbroich

Avantgarde kostet, und Kosten kann sich die rheinische Industriestadt im Norden Kölns nicht mehr leisten. In den Nachkriegsjahrzehnten durchaus wohlhabend – der Chemiekonzern Bayer sorgte für beständig sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen – ist die Stadt heute im Grunde pleite und wird mit Sonderzahlungen des Landes Nordrhein-Westfalen über Wasser gehalten. Bayer hat die Töchterkonzerne Lanxess und Covestro abgenabelt, Unternehmensgewinne werden kunstvoll andernorts versteuert.

Weil aber das Land die Stadt finanziell retten muss, hat dieses auch das Gemeindeprüfungsamt auf Leverkusen angesetzt, um nachzuschauen, wo das seit Jahren enorme Haushaltsdefizit entsteht. Dabei fiel der Blick der Prüfer auf den erwartungsgemäß defizitären Kulturbetrieb der Stadt, der mit einem jährlichen Minus von rund zehn Millionen Euro abschließt. Die beauftragte Düsseldorfer Prüfungsfirma KPMG schaute in die Bücher des Eigenbetriebes „Kulturstadt Leverkusen“ und kam Anfang 2016 zu drastischen Empfehlungen. Neben Gebührenerhöhungen bei der Musikschule und Zuschusskürzungen bei freien Trägern galt der gravierendste Vorschlag dem Museum Morsbroich: Schließung bis spätestens 2018, Auflösung des Depots mit 400 Gemälden und Skulpturen sowie über 5000 grafischen Druckwerken und Übergabe der Kunstwerke als Dauerleihgaben an Museen im Rheinland. So ließen sich jährlich 800.000 Euro sparen. Der Deutsche Kulturrat setzte daraufhin das Museum auf die Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen.

Arbeitsgruppe lotet Rettungsmöglichkeiten aus

Leverkusens schockierte Kommunalpolitiker reagierten mit Empörung und hinhaltendem Widerstand, sprachen von drohendem kulturellem Kahlschlag und berieten ergebnislos über die unlieb­samen Sparvorschläge. Eine Petition für den Fortbestand des Museums fand im Internet 15.000 Unterstützer. Die örtliche Kulturszene protestierte farbenfroh. Aber, wie hatten es die Betriebswirtschaftler der KPMG so schön formuliert: Mit seinen marginalen Besucherzahlen erreiche das Museum maximal 3,6 Prozent der Leverkusener Bevölkerung. So bleibe der kulturelle Bildungsauftrag „weitgehend abstrakt“. Im 1. Quartal 2017 kamen nur 5634 Besucher, von denen wiederum 2537 überhaupt Eintritt zahlten. Und die Besucherzahlen sind weiter rückläufig.

Nun hat sich mit dem Segen des Stadtrates mit Oberbürgermeister Uwe Richrath (SPD) an der Spitze eine Arbeitsgruppe von Leverkusener Honoratioren aus dem Förderverein des Museums gebildet, um bis Anfang 2018 Rettungsmöglichkeiten auszuloten. Ziel ist es, das Museum als Kulturort zu erhalten, dabei aber das Defizit deutlich zu verringern. Angedacht wird die kommerzielle Nutzung von nicht museal genutzten Räumen und des Parkgeländes des Schlosses für Veranstaltungen. Überlegt wird zudem, den Schlosspark für Ausflügler aufzuwerten und besser zu erschließen. Allein der Museumsbetrieb soll nicht gestört, die Würde von „Leverkusens guter Stube“ gewahrt werden.

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