Der Demografiekongress 2017

Wie der Saarpfalz-Kreis auf den demografischen Wandel reagiert

Carl-Friedrich Höck31. August 2017
Mark Herzog (l.) und Theophil Gallo auf dem Demografiekongress
Mark Herzog (l.) und Theophil Gallo auf dem Demografiekongress
Mit einem Demografie-Pakt versucht der Landkreis Saarpfalz, sich auf die abnehmende und älter werdende Bevölkerung einzustellen. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, schilderten Vertreter des Kreises auf einem Demografiekongress in Berlin.

Der Demografiekongress 2017 in Berlin begann mit einer Provokation. Denn der Hamburger Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar nahm mit seinem Eröffnungsvortrag gleich mal einige gängige Thesen zum demografischen Wandel aufs Korn. Die Bevölkerung entwickele sich zumeist anders als von den Experten vorhergesagt, erklärte er. Früher hätten Kriege oder das Wirtschaftswunder alle berechneten Szenarien durchkreuzt. Derzeit sei es die Migration: „Die Bevölkerung nimmt zu, nicht ab“, kommentierte Straubhaar die neuesten Zahlen aus dem Statistischen Bundesamt. Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup hielt anschließend dagegen: Er spreche lieber von einer „demografischen Pause.“

Weniger Menschen im Saarpfalz-Kreis

Unstrittig ist: Die Gesellschaft wird im Durchschnitt älter und die Menschen zieht es in die großen Städte. Das verändert viele Kommunen. Zum Beispiel im Saarpfalz-Kreis. „Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten zehn bis 15 Jahren bis zu 20.000 Menschen im Kreis verlieren“, schildert Landrat Theophil Gallo die Situation. Und der Demografiebeauftragte des Saarpfalz-Kreises Mark Herzog ergänzt: Im Saarland sei man, was den demografischen Wandel betrifft, „den anderen Bundesländern um sechs Jahre voraus.“ Gemeinsam legten sie am Donnerstag in einem Forum dar, wie der Landkreis auf die Veränderungen reagiert.

Der SPD-Politiker Theophil Gallo ist seit 2015 im Amt. Zu Beginn seiner Amtszeit gründete er gemeinsam mit den Kommunen des Kreises einen Demografiepakt. Die Idee: Man vernetzt sich und hilft sich gegenseitig, den Wandel zu gestalten. „Es ist ein zweiseitiges Papier, mit dem wir uns verpflichten, stärker als bisher zusammenzuarbeiten“, sagt Gallo.

Es fehlt an Geld und Personal

Diese noch recht abstrakte Vereinbarung wird nach und nach mit Leben gefüllt. Zum Beispiel, so Gallo, bereise er mit seinen Mitarbeitern die Kommunen und diskutiere dort mit den Verantwortlichen, wie sie ihre Profile weiterentwickeln können, was sie dafür brauchen und wie der Kreis sie unterstützen kann. Konkrete Schritte legt ein kürzlich vorgestelltes und gemeinsam entwickeltes Kreisentwicklungskonzept fest. Es soll eine Vision für die kommenden 10 bis 15 Jahre umreißen.

„Wir wollen den Kommunen helfen, die an Atemnot leiden“, sagt Gallo. Ihnen mangele es an Geld, aber oft auch an Personal, um bereitgestellte Fördermittel abzurufen. Also hilft der Landkreis aus. Er wirbt gemeinsam mit den Kommunen Projektmittel ein oder stellt den eigenen Bauamtsleiter zeitweise zur Verfügung, um kommunale Projekte mit zu betreuen. Ehrenamtliche sollen mehr Unterstützung und bessere Strukturen erhalten. So will der Kreis hauptamtliche Feuerwehrleute einstellen, um die weniger werdenden Freiwilligen zu unterstützen. Im Gegenzug machen auch die Bürgermeister Zusagen, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen – etwa, für einen bestimmten Zeitraum auf Kürzungen im Kulturbereich zu verzichten.

Von der Bildungs-Fachstelle bis zum sozialen Netzwerk

Nicht nur die Kommunen will der Landkreis besser vernetzen, sondern auch die Unternehmer und zivilgesellschaftlichen Akteure. Der Landkreis soll attraktiv und lebenswert bleiben, damit die Menschen nicht wegziehen. Eine Säule hierfür ist die Bildung: Eine neu gegründete „Leitstelle lebenslanges Lernen“ soll die vielfältigen Bildungsangebote im Kreis fördern, koordinieren und auf Basis von Daten weiterentwickeln – angefangen von schulischen Angebote über Weiterbildungsmaßnahmen bis hin zur Integration der Zuwanderer. Eine weiterer Schwerpunkt ist der Bereich Pflege und Gesundheit. „Wir haben den Luxus, ein Kreiskrankenhaus zu haben“, sagt Gallo. Es habe eine vernetzende Funktion für die Region und damit eine Rendite, die sich nicht nur in roten oder schwarzen Zahlen berechnen lasse.

Um es älteren Menschen zu erleichtern, länger im eigenen Zuhause zu leben, kooperiert der Landkreis mit einem saarländischen Softwareunternehmen. Dieses baut ein lokales Kommunikationsnetzwerk auf, Hakisa genannt. Die Daten bleiben im Eigentum der Nutzer, betont der Demografiebeauftragte Mark Herzog. Ein Grundgedanke des Projektes: Die Hemmschwelle, Kontakt zu Menschen aus der Nachbarschaft aufzunehmen, ist online niedriger als an der Haustürklingel. Ein weiterer: Indem sich die Nachbarn in Gruppen organisieren, können sie einander besser unterstützen. Wenn beispielsweise ein Sensor einen möglichen Einbruch meldet, genügt es, wenn einer aus der Gruppe nachschauen geht.

„Wir versuchen, die veränderten Bedürfnisse der Menschen zu gestalten“, fasst Mark Herzog zusammen. Es ist eine vielschichtige Aufgabe.

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