Digitale Verwaltung

Schub für digitale Verwaltung nach Corona

Karin Billanitsch29. Juni 2020
Homeoffice ist derzeit ein Weg, die Krise zu bewältigen. Ohne schnelles Netz bringen allerdings die besten Konzepte wenig.
Die Arbeitskultur hat sich mit der Pandemie radikal verändert. Vieles ist auf Dauer angelegt.

Die öffentlichen Verwaltungen haben auf die Bewältigung der Corona-Krise sehr flexibel ­reagiert, um die besonderen Umstände zu meistern. Arbeitsabläufe, Kommunikation, Computerinfrastruktur – die ­Krise hat die Arbeitskultur in Ämtern und Behörden in unglaublicher Geschwindigkeit radikal verändert.

Heimarbeit, moderner Homeoffice genannt, musste überall eingeführt werden. So berichtet Bürgermeister Volker Weber aus Marpingen im Norden des Saarlandes: „Zum Glück hat unsere Gemeinde ein kleines, aber feines eigenes IT-Team, das sehr frühzeitig auf die Krise reagiert und eine große Zahl an Notebooks, Headsets, Webcams und Co. angeschafft und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult hat. So konnten vor allem Schlüsselpositionen in der Verwaltung ausgestattet werden.“ In der Krise wurde in Marpingen ein Rotationssystem eingeführt, bei dem rund 50 Prozent der Mitarbeiter nicht im Rathaus arbeiten konnten.

Schnelle Umstellung

Durch die Umstände und Zwänge der Krise sei diese Umstellung auf Homeoffice sehr unkompliziert und schnell vonstatten gegangen, so Weber. „Lange Debatten über Vor- und Nachteile der Heimarbeit in der Verwaltung wurden durch Corona obsolet, da es in dieser Zeit nur darum ging, die Arbeitsprozesse überhaupt am laufen zu halten.“

Wird sich dadurch nun die Arbeitskultur nachhaltig verändern? Was hat sich bewährt? Darauf angesprochen sagt der Marpinger Bürgermeister: „Nach der Krise werden wir uns aber auch den erwähnten Debatten wieder stellen müssen. Wir haben viele Erfahrungen sammeln können und daraus werden wir unsere Strategie ableiten.“ Aus Webers Sicht eignen sich tendenziell besonders Bereiche der Verwaltung ohne Besucher-/Bürgerverkehr für das Arbeiten im Homeoffice. Ausschlaggebend ist für ihn hier die technische Machbarkeit. „Eine gute Ausstattung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Endgeräten ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung für vernünftiges Arbeiten im Homeoffice.“

So müsse auf den Endgeräten Fachsoftware – zum Beispiel Finanz- und Haushalts- oder Geodatenprogramme – installierbar sein. Und vor allem, darauf weist Weber eigens hin, muss der Datenschutz im Homeoffice gewährleistet sein, da zum Teil sensible Daten der Bürgerinnen und Bürger verarbeitet werden. Nicht nur bei der sicheren Übertragung der Daten, sondern auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Heimarbeitsplatz, damit Daten dort nicht in die falschen Hände geraten. Das sei nur durch Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und klare Richtlinien möglich, betont Weber.

Beschleunigte Digitalisierung

Prozesse der Digitalisierung sind, wie sich gezeigt hat, während der Krise von besonderer Bedeutung. Und zwar nicht nur in großen Städten, sondern auch auf dem Land. Dabei hat die Bewältigung der Pandemie mancherorts als Katalysator gewirkt: Mitte April ist in der Einheits­gemeinde Stadt Tangerhütte im Landkreis Stendal das „digitale Rathaus“ früher als geplant gestartet, wie Bürgermeister Andreas Brohm twitterte. „Das neu entwickelte Angebot ist wegen der Corona-Krise vorzeitig gekommen“, so der Bürgermeister. Die 5.500 Bürgerinnen und Bürger, sowie auch Vereine und Unternehmen, haben nun einen kontaktlosen Online-Service, den sich viele Gemeinden nur wünschen können. Es gebe 10.000 potenzielle Nutzerinnen und Nutzer, erklärte Brohm zu Beginn des Projekts.

Seit dem Start wurde das Angebot wöchentlich vergrößert: Ob es sich um Kita-und Auto-Anmeldungen, Hundesteuer-Fragen, Anmeldung von Veranstaltungen oder eine der anderen Leistungen dreht: „Es führt zu Zeitersparnis, geht schneller und unkomplizierter von zu Hause aus“, sagt Brohm. Ein solches Angebot soll es im gesamten Land Sachsen-Anhalt geben, und es soll vom Finanzministerium verwaltet werden. Im Juni 2019 hat das Bundesland das E-Government-Gesetz beschlossen, wonach viele Behördengänge ab 2022 online statt auf dem Amt abgewickelt werden können. Die Corona-Krise hat hier einen Schub gebracht.

So auch in der Gemeinde Pattensen in Niedersachsen. Sie war unter Bürgermeisterin Ramona Schumann auch vor der Krise digital gut aufgestellt. „Wir konnten uns aber noch einmal steigern“, sagt sie. Ein großes Thema ist für sie, wie für viele Bürgermeister im ländlichen Raum, eine Grundausstattung mit kontinuierlich schnellem Internet. „Wenn es scheitert, dann nicht an der Leistungsfähigkeit der Verwaltung, sondern tatsächlich an den vor Ort bei den Beschäftigten vorliegenden Bedingungen“, erklärt die Bürgermeisterin. „Wenn der Breitbandausbau nicht jetzt bis zur letzten Milchkanne passiert, werden all die guten Entwicklungsschritte verpuffen. Homeoffice, Videokonferenzen und digitaler Unterricht brauchen Infrastruktur. Jetzt“, fordert Schumann.

Das Rathaus in Marpingen wurde – zum Glück – wenige Wochen vor der Corona-Krise an das Glasfasernetz angeschlossen. „Videokonferenzen, Datenübertragungen und das beste Homeoffice-Konzept bringen herzlich wenig, wenn nicht auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Hause schnelles Netz zur Verfügung steht“, sagt Bürgermeister Weber. Hier sieht er auch die Kommunikationsunternehmen gefordert, die Ihre Glasfasernetze oder zumindest das 4G-Netz ertüchtigen und auch die 5G-Technologie im ländlichen Raum aus­bauen müssten.

Dirk Neubauer: „Brauchen Standardsetup“

Was die Beschleunigung der Diditalisierung angeht, ist Dirk Neubauer, Bürgermeister von Augustusburg, skeptisch: „Viele kleine Kommunen haben auch in dieser Zeit diese Wege nicht genutzt. Das sollten wir bei aller Euphorie nicht ausser acht lassen. Denn Know How und auch das Wollen eines solchen Vorgehens sind nicht automatisch abrufbar, wenn man es dann überraschend braucht. Wir müssen deshalb diese Chance jetzt nutzen, breite Qualifizierung von Verwaltungen, breite Diskussionen zu den Möglichkeiten und eine Diskussion über ein systematisches gemeinsames Vorgehen bei der Erarbeitung von digitalen Wegen anzustoßen“, fordert Neubauer.

Das passiere zumindest im Freistaat Sachsen nicht. „Seit Jahren bemühen wir uns hier um ein gemeinsames Vorgehen.“ Neubauer fügt hinzu: „Das aber ist beinahe hoffnungslos und Lichtblicke sind zumeist Eigeninitiativen oder wenige Modellprojekte. Wir brauchen aber schon wegen der äußerst unterschiedlichen Ausgangsbasis zumindest ein Standardsetup, das man denen als Dienst zur Verfügung stellen kann, die selber nicht die Kraft haben, Digitalisierung selbst zu konzipieren.“

Weber: „Persönlichen Kontakt nicht vernachlässigen“

Nach der Corona-Krise wird das Rad nicht ganz zurückgedreht werden, glaubt jedenfalls Weber:  „Die Geräte und die Kommunikationssoftware, die in der Krise angeschafft wurden, sind jetzt vorhanden. Also werden wir sie auch weiter nutzen“, gibt sich Weber überzeugt. Gerade bei Terminen, die eine längere Anreise erfordern, machen Video- oder Telefonkonferenzen auch unter Klimaschutzaspekten mehr Sinn. Vernachlässigen sollte man aber auch nicht den persönlichen direkten Kontakt, findet der Bürgermeister. „Gerade bei größeren Treffen arbeitet und netzwerkt man ja auch viel abseits des Konferenz­tisches.“ Darauf möchte er nicht vollständig verzichten. „Ich bin für ein Mehr an Videokonferenzen. Aber nach Maß. Ganz ohne den persönlichen direkten Kontakt geht es in unserer Arbeit nicht.“

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