Rezension „Zwangsgeräumt“

Wenn der Sheriff den Mieter aus der Wohnung wirft

Carl-Friedrich Höck08. Juni 2018
Wohnungsübergabe
Wohnungsübergabe (Symbolbild): Dass Auszüge erzwungen werden, ist für viele Menschen in Milwaukee und anderen US-Städten Alltag.
Das lesenswerte Buch „Zwangsgeräumt“ schildert die Wohnungsnot in der amerikanischen Stadt Milwaukee. Der Autor Matthew Desmond liefert einen Erfahrungsbericht und eine soziologische Studie zugleich. Für deutsche Kommunalpolitiker ist dies eine Warnung.

Steigende Mieten und Immobilienpreise rücken in Deutschland immer mehr in den Fokus der Politik. „Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit“, sagt die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles. Großstädte sind besonders betroffen, die Mietkosten entwickeln sich teilweise rasant.

Feldstudie über die Wohnungsnot

Doch was bedeutet es, wenn Menschen sich die Miete nicht mehr leisten können? Diese Frage beantwortet der amerikanische Soziologieprofessor Matthew Desmond. Für sein Buch „Zwangsgeräumt – Armut und Profit in der Stadt“ wurde er im vergangenen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Desmond bezeichnet sein Werk als ethnografische Feldstudie. Man könnte genauso gut von einer eindrücklichen Reportage sprechen. Denn der Autor hat zwischen Mai 2008 und Dezember 2009 acht Familien in Milwaukee, Wisconsin begleitet, die von Zwangsräumungen betroffen waren – Schwarze, Weiße, Familien mit und ohne Kindern. Desmond schildert, wie Menschen in einen Teufelskreis geraten aus Armut, Mietrückstand, erzwungenem Auszug und Neuanfang, der oft wieder zum Scheitern verurteilt ist.

Zwangsräumungen sind ein Massenphänomen

Cover „Zwangsgeräumt”
Cover „Zwangsgeräumt”

Was Desmond erlebt hat – er wohnte für das Buch selbst mehrere Monate in einem Trailerpark – ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung. Die soziale Ungleichheit ist gestiegen. Die Folgen in den USA schildert der Soziologe so: „Heute gibt die Mehrheit der einkommensschwachen, zur Miete lebenden Familien über die Hälfte ihres Einkommens dafür aus. Mindestens eine von vier Familien benötigt sogar mehr als 70 Prozent ihres Einkommens für Miete und Stromkosten. Millionen US-Bürger werden jedes Jahr zwangsgeräumt, weil sie ihre Miete nicht zahlen können.“ Sherrifbüros beschäftigten mittlerweile ganze Teams, deren einzige Aufgabe es sei, Zwangsräumungen zu vollstrecken.

Desmond zufolge haben die Wohnumstände einen großen Einfluss auf das Entstehen von Armut. Dennoch, so hat er herausgefunden, gibt es in der Forschung blinde Flecken. Die amerikanische Soziologie habe sich bei der Erforschung von Armut zu sehr auf den sozialen Wohnungsbau und andere Bereiche der Wohnraumpolitik konzentriert, sofern sie das Thema nicht gleich ganz übersehen habe. Die Rolle des privaten Mietmarktes sei ignoriert worden. Und wer über Armut schreibe, dürfe nicht nur auf die armen Menschen schauen, ist Desmond überzeugt. „Armut beschreibt die Beziehung zwischen armen und reichen Menschen.“

Deshalb begleitete der Autor auch eine Vermieterin namens Sherrena. Er hat aufgeschrieben, mit welchen Problemen sie kämpft, wie sie ihren Arbeitsalltag meistert und manchmal auch mit ihrem Gewissen ringt. „Wohnungsbesitzer bekamen Gewinne und Verluste direkt zu spüren und sahen das Elend aus nächster Nähe“, schreibt Desmond. Er war aber auch dabei, wenn sich die Vermieterbranche auf einem Kongress getroffen hat. Dort wurde über Mieter gesprochen, als seien sie nur lästige Störenfriede, die einem das Geldverdienen erschweren. Der Weg vom mitfühlenden Menschen zum Zyniker ist in der Branche offenbar nicht weit.

Was Desmond deutsche Kommunalpolitiker lehrt

Das Buch „Zwangsgeräumt“ ist lesenswert, weil es einen Alltag beschreibt, den viele Mittelschichtsangehörige – auch Politiker – nicht kennen. Es schildert die Zustände in den USA kurz nach Ausbruch der Finanzkrise, also in einem anderen Sozialsystem. Trotzdem muss es auch für deutsche Politiker Warnung und Ansporn sein.

Denn auch hierzulande fehlt es an Sozial- und anderen bezahlbaren Wohnungen. Auch hier entstehen neue Armutsquartiere. Viele Menschen müssen einen wachsenden Anteil ihrer Einnahmen für die Miete ausgeben. Laut einer Studie des Deutschen Wirtschaftsinstituts sind es in den großen Städten schon rund eine Million Haushalte, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aufwenden müssen. Das sind zwar noch keine amerikanischen Verhältnisse, doch es sind Alarmsignale. Noch lässt sich diese Entwicklung stoppen.

Matthew Desmond:
Zwangsgeräumt.
Armut und Profit in der Stadt
Ullstein-Verlag 2018, 544 Seiten, 26,00 Euro,
ISBN: 13 9783550050275

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