Jugendgerechte Kommunen

So bleibt der Ort für junge Menschen attraktiv

Carl-Friedrich Höck21. April 2017
Wohnzimmerkonzert in Bad Segeberg
Konzert der Band Lichtwerk in Bad Segeberg
Die Interessen junger Menschen sind in den lokalen Debatten oft unterrepräsentiert. Das gefährdet die Zukunft mancher ländlicher Kommunen. Doch es gibt Gegenmittel.

Thomas Minnerop, 52 Jahre alt, sieht sich als Anwalt der Jugendlichen in Bad Segeberg. Und als solcher hat er viel zu tun. „Das Jugendzentrum sollte geschlossen werden, das haben wir verhindert. Es gab ein Jugendtreff und eine Skateranlage in der Stadtmitte – da wurden Parkplätze draus gemacht“, klagt er. Und dann seien Stellen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit gestrichen worden. „Bad Segeberg ist Konsolidierungskommune, also megablank“.

Bad Segeberg wird jugendgerecht

Einen Wendepunkt bewirkte das Programm „Jugendgerechte Kommune“: Die Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums arbeitet, hat aus jedem Bundesland eine Referenzkommune ausgewählt. Gemeinsam will man Wege erproben, wie Jugendpolitik neu ausgerichtet werden kann. Geld gibt es für die Kommunen nicht, dafür begleitet die Koordinierungsstelle die ­einzelnen Projekte und organisiert den Austausch untereinander. Schleswig-Holstein wird seit Anfang 2016 von der Kleinstadt Bad Segeberg vertreten. Damit, so empfindet es Minnerop, veränderte sich der Umgang mit dem Thema im Ort.

Der Theaterpädagoge, bis dahin Leiter des Jugendzentrums, ist jetzt Koordinator für die „Jugendgerechte Kommune Bad Segeberg“. Als Erstes zog er durch die Schulen und fragte die Jugendlichen selbst: Was braucht ihr? Dann half Minnerop ihnen dabei, sich zu organisieren. Eine Konzert-AG gründete sich, die Auftritte von Bands organisiert. Eine Medien-AG produziert Videoclips zu jugendrelevanten Themen und lädt sie ins Internet. Andere veranstalten Poetry Slams. ­Minnerop leistet den jungen Bad Segebergern Hilfe zur Selbsthilfe. Und er versucht, ihnen in der Lokalpolitik mehr Gehör zu verschaffen. „Wir haben Politik, Verwaltung und Jugendliche in einen Dialog gebracht, deshalb ist es so gut gelaufen“, ist ­Minnerop überzeugt.

Jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen

Ein Dialog auf Augenhöhe, das ist es auch, was Nadine Paffhausen und Nils Rusche einfordern. Als Mitarbeiter der Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ sollen sie die Jugendstrategie der Bundesregierung umsetzen – in Zusammenarbeit mit zahlreichen Organisationen, darunter auch den kommunalen Spitzenverbänden. Das Leitbild lautet „eigenständige Jugendpolitik“, was unter anderem bedeutet, dass nicht nur für Jugendliche Politik gemacht werden soll, sondern auch von und mit ihnen.

Gerade für Kleinstädte und ländliche Kommunen, die mit Abwanderung zu kämpfen haben, ist das Thema Jugendgerechtigkeit existenziell. Wenn die Jugend geht, stirbt der Ort auf Dauer aus. Viele verlassen ihren Heimatort für ein Studium oder eine Ausbildung. „Die entscheidende Frage ist: Gehe ich zurück oder nicht?“, bringt es Nils Rusche auf den Punkt. Und Nadine Paffhausen ergänzt: Maßgeblich seien die beruflichen Perspektiven, aber auch die Lebensqualität. „Wer sich in der Schulzeit wohlgefühlt hat, mit einer guten sozialen Anbindung und kulturellen Angeboten, der kommt auch eher wieder.“ Ein Vereinsleben und ehrenamtliche Strukturen könnten viel dazu beitragen.

Junge Menschen wollen Mitsprache ohne „Ochsentour”

Nils Rusche Nadine Paffhausen
Nils Rusche und Nadine Paffhausen (© Isabel Kiesewetter)

Aber wer auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingehen will, darf nicht abwarten, bis diese Vereinsposten oder Ratsmandate besetzen, um sich Gehör zu verschaffen. Sich langfristig zu binden passt nicht in die Lebensplanung vieler junger Menschen, und Verwaltungssprache ist alles andere als jugendgerecht. Rusche und Paffhausen haben beobachtet: Jugendrelevante Themen kommen in den öffentlichen Debatten mancher Kommunen überhaupt nicht vor. Angebote der Jugendarbeit könnten dem entgegenwirken und Fachkräfte als Ansprechpartner dienen, ist Nadine Paffhausen überzeugt. Nur werde gerade in diesem Bereich oft gespart. Noch wichtiger als Geld sei oft etwas anderes, ergänzt Nils Rusche. „Es fängt damit an, wie die Kommunalpolitik gegenüber den Jugendlichen auftritt: Werden sie ernst genommen?“

Bei allen weiteren Schritten leistet die Koordinierungsstelle Hilfe. Im Februar ist die Seite werkzeugbox.jugendgerecht.de online gegangen. Dort finden Interessierte Informationen zum Thema, Best-Practice-Beispiele und Empfehlungen. ­Eine dort verlinkte Studie des Deutschen Jugendinstitutes rät dazu, kostenlose WLAN-Hotspots in jedem Dorf einzurichten. Kommunen könnten duale Ausbildungsberufe stärken und mobile Angebote der Jugendarbeit aufbauen, heißt es weiter. Oder Räumlichkeiten so teilen, dass Jugendliche sie mitnutzen können.

Die Kommune muss Antworten geben

Doch das direkte Gespräch bleibe die Basis, betont Nils Rusche. Etwa, wenn sich Anwohner von Jugendlichen gestört fühlen, weil diese abends ein Bier auf dem Bahnhofsplatz trinken. „Meistens sind sie nicht dort, weil es ihnen da so gut gefällt“, weiß Rusche. Auf die Frage „Wo sollen wir sonst hingehen?“ müsse die Kommune immer mehrere Antworten finden.

 

Weitere Informationen
­werkzeugbox.jugendgerecht.de
jugendgerechte-kommune-segeberg.de

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