Investitionen in nachhaltigen Verkehr

So wollen fünf Modellstädte ihre Luft sauber bekommen

Carl-Friedrich Höck14. August 2018
Präsentation Luftreinhaltungs-Konzepte
Bürgermeister und Bundesminister präsentierten gemeinsam die Luftreinhaltungs-Konzepte: Tobias Meigel, Ulrike Hotz, Andreas Scheuer, Svenja Schulze, Thomas Kufen, Ashok-Alexander Sridharan und Christian Specht (v.l.n.r.)
Mit Millionenhilfe vom Bund erproben fünf Modellstädte neue Wege, um die Stadtluft sauber zu bekommen. Am Dienstag wurden die Konzepte vorgestellt. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) erwartet einen „Modernisierungsschub“. Was alle Kommunen eint: Sie wollen den ÖPNV billiger und besser machen.

Auf einen „Modernisierungsschub für nachhaltige Mobilität“ hofft die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Fünf Modellstädte sollen Sofortmaßnahmen erproben, um die Luft sauberer zu machen. Der Bund fördert das Vorhaben mit 130 Millionen Euro. Welche Maßnahmen konkret geplant sind, haben die Stadtoberhäupter der Modellstädte am Mittwoch erstmals gemeinsam vorgestellt.

Die Bürgermeister weilten für ein Arbeitstreffen in Berlin. An diesem nahm neben Schulze auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) teil, dessen Haus mit rund 125 Millionen Euro den Großteil der Fördermittel beisteuert. Er zeigte sich sichtlich zufrieden: Von dem Geld würden rund 1,3 Millionen Bürger direkt profitieren.

So wollen die Städte gegen die Luftbelastung vorgehen:

Mannheim

„Individualisierung durch Digitalisierung“ lautet der Leitspruch in der SPD-geführten Quadratestadt. Der Erste Bürgermeister Christian Specht (CDU) erklärt: „Wir setzen auf einen elektronischen Tarif.“ Eingeführt wurde das System bereits im Jahr 2017. Die Grundidee: Eine Handy-App macht den Fahrkartenautomaten überflüssig. Sie registriert, wo ein Fahrgast ein- und wo er aussteigt. Der Preis richtet sich dann nach der Luftlinie zwischen den beiden Stationen. Bisher gibt es allerdings erst 25.000 registrierte Nutzer – in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern ist da noch Luft nach oben. Dennoch sieht Specht in dem neuen Tarifangebot ein „riesengroßes Potenzial“. Sowohl der elektronische Tarif als auch die anderen Tickets werden künftig günstiger zu erwerben sein.

Das ÖPNV-Angebot soll zudem erweitert werden. Die sogenannten „Tangentiallinien“, die zu den Arbeitgebern außerhalb des Zentrums führen, sollen gestärkt werden. Um den Nahverkehr umweltfreundlicher zu gestalten, plant die Stadt neue Hybridbusse anzuschaffen. Auch den Güterverkehr will Mannheim modernisieren. Geplant ist ein neuer Umschlagplatz für die „letzte Meile“. Dort können Pakete auf Elektro-Lastenräder umgeladen werden, die sie dann emissionsfrei in die Stadt bringen.

Bonn

Die ehemalige Bundeshauptstadt setze auf einen Dreiklang, erklärt Oberbürgermeister Ashok-Alexander Shridharan (CDU). Zum einen soll die Tarifstruktur des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) an das sogenannte Wiener Modell angepasst werden. Das bedeutet: Künftig soll ein „Klima-Jahresticket“ für 365 Euro angeboten werden – also für nur einen Euro pro Passagier und Tag. Zudem sollen die Unternehmen leichter Zugang zu Jobtickets erhalten.

„Wir rechnen mit einem erhöhten Fahrgastaufkommen, deshalb wollen wir die Takte verdichten“, benennt Shridharan die zweite Maßnahme. Und drittens setzt die Stadt auf ein „Betriebliches Mobilitätsmanagement“. Ziel ist es, gemeinsam mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus der Region herauszufinden, „was wir tun können um die Menschen weg vom PKW zu bringen“, sagt der Bürgermeister. Angedacht sind neben attraktiveren ÖPNV-Angeboten auch neue Fahrgemeinschafts-Plattformen oder Testangebote für Elektro-Fahrräder.

Essen

„Unsere Achillesverse ist der ÖPNV-Bereich“, meint Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU). Deshalb will auch die Stadt im Ruhrgebiet ihre Bus- und Straßenbahnverbindungen attraktiver gestalten. Ihr Takt soll von zehn auf fünf Minuten verdichtet werden – dazu müsse sie 24 neue Fahrzeuge anschaffen und 80 Fahrer einstellen, rechnet Kufen vor. Mit Prämien will die Stadt ihre Bürger dazu animieren, sich eine Monatskarte oder ein Firmenticket anzuschaffen. Ergänzt wird diese Maßnahme mit Schnupper-Angeboten für den ÖPNV. Darüber hinaus will Essen neue Fahrradstraßen einrichten.

Herrenberg

Die Große Kreisstadt Herrenberg mit mehr als 31.000 Einwohnern im Zentrum Baden-Württembergs setzt auf drei Säulen: Erstens soll auch hier das ÖPNV-Angebot besser und günstiger werden. Zweitens plant Herrenberg eine Mobilitäts-App für alle Verkehrsmittel – vom ÖPNV über Mitfahrgelegenheiten bis zum Bike- oder Carsharing.

Die dritte Säule: Damit die Fahrzeuge auf den Straßen weniger Schadstoffe produzieren, will die Stadt den Verkehrsfluss verbessern. Denn beim Anfahren und Bremsen ist der Ausstoß besonders hoch. Im Herbst wird eine Messflotte auf die Herrenberger Straßen geschickt, um den Zusammenhang zwischen Schadstoffausstoß und Verkehrsverhalten genauer zu untersuchen. Eine Maßnahme könne dann sein, das Tempo auf Hauptverkehrsstraßen auf 20 bis 40 km/h zu reduzieren, kündigt der Erste Bürgermeister Tobias Meigel an. „Weniger Stop-and-go, mehr Lebensqualität“, lautet sein Credo. Bausteine, um dieses Ziel zu erreichen, sind bauliche Maßnahmen, eine optimierte Ampelschaltung sowie dynamische Tempolimits auf wichtigen Verkehrsachsen.

Reutlingen

In Reutlingen (115.000 Einwohner) sollen zehn neue Buslinien geschaffen werden. 100 zusätzliche Stationen sind geplant. Auf einer ehemaligen Bahntrasse plant die Stadt außerdem einen Radschnellweg. Und auch hier wird mit dem Fördergeld eine Tarifsenkung mitfinanziert. So soll das 365-Euro-Jahresticket künftig auch in Reutlingen erhältlich sein. Die Stadt wird durch die parteilose Oberbürgermeisterin Barbara Bosch geführt.

Fünf Städte sollen experimentieren

Die Vorschläge der Modellstädte seien „sehr innovativ“ und hätten ein breites Spektrum, lobt Bundesumweltministerin Schulze. Das Ziel sei es, mit dem Förderprogramm „Modellstädte zur Luftreinhaltung“ Dinge auszuprobieren, die in den klassischen Förderprogrammen nicht vorgesehen seien.

Verkehrsminister Scheuer betont, dass die Projekte künftig auch auf andere Städte ausgeweitet werden könnten. „Wir machen das, um aus den Erfahrungen zu lernen“ – es gehe also darum zu sehen, was gelingt und was nicht. Zurückhaltend äußert sich Scheuer jedoch auf die Frage, ob auch andere Kommunen künftig finanziell ähnlich unterstützt werden wie die Modellkommunen. „Ein völlig kostenfreier ÖPNV würde zum Beispiel zwölf Milliarden Euro kosten, das wird nur schwierig umzusetzen sein“, merkte der Minister an – wobei ein kompletter Gratis-ÖPNV auch in keiner Modellkommune mehr diskutiert wird.

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