Hetze im Internet

Wie SPD-Politiker mit Hass im Netz fertig werden

Paul Starzmann25. Februar 2017
Lokalpolitikerin Katharina Schenk ist SPD-Stadträtin in Leipzig. Wegen Drohungen gegen ihre Tochter schaltete sie die Polizei ein.
Morddrohungen, Rassismus, Frauenhass – der Umgang in den Sozialen Medien scheint völlig aus dem Ruder zu laufen. Auch SPD-Politiker auf Bundes- aber auch kommunaler Ebene, sind von den Anfeindungen betroffen. Doch es gibt ein Mittel gegen den Hass im Netz.

„Du Schlampe!“ schreibt ein Facebook-User in die Kommentarspalte. Ein anderer: „Euch sollte man an die Wand stellen!“ Wenn SPD-Politiker morgens Facebook öffnen, stellen sie häufig fest: Über Nacht hat sich im Netz jede Menge Frust aufgestaut – und in einer Welle von Hass-Kommentaren entladen.

„Rassisten und Verrückte“

Einer, der besonders im Fokus der Anfeindungen steht, ist Ralf Stegner, stellvertretender SPD-Vorsitzender. Stegner ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen – weder im realen Leben noch bei Twitter. Damit kommen viele nicht klar. Bei Facebook beschimpfen und beleidigen sie ihn, unterstellen dem Harvard-Absolventen mangelnde Intelligenz. Per E-Mail drohen sie: Er sei der „Untergang Deutschlands“ und gehöre in einer Jauchegrube ertränkt.

„Die große Anzahl an Hasskommentaren, die einige Rassisten oder Verrückte auf meiner Facebook-Seite hinterlassen oder mir per Mail schicken, trifft mich nicht persönlich“, sagt Ralf Stegner. „Ich habe eine klare Haltung und stehe zu meiner Überzeugung. Wenn ich damit den Unmut von Rechtspopulisten auf mich ziehe, kann ich damit gut leben.“

Mailbox voller Gewaltfantasien

Im Internet kennen die Hetzer allerdings oft keine Grenzen mehr. Was in Stegners Büro per E-Mail eingeht, ist nichts für schwache Nerven: „Verrecke elendig, Genosse“, steht da. Darunter: „MfG“. Die Zuschriften richten sich nicht nur gegen den SPD-Politiker, sondern auch gegen seine drei Söhne. Manche E-Mails sind voll mit Gewaltfantasien, von Kastration bis zum sexuellen Missbrauch. „Mit einzelnen Beleidigungen muss man rechnen“, sagt Stegner. „Bedrohungen allerdings bringe ich immer zur Anzeige.“

Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özoğuz kennt den Hass im Netz: Als Integrationsbeauftragte und erste Muslima in der Bundesregierung ist sie so etwas wie eine natürliche Hassfigur der Rechten. Auch türkische Nationalisten und AKP-Anhänger haben ein Problem mit der Hamburger Politikerin: Vor allem seit der Armenien-Resolution des Bundestags gingen immer wieder Hassbotschaften in türkischer Sprache ein, heißt es in ihrem Büro.

Christbaumkugel löst „Trollwettbewerb“ aus

„Ich versuche, den geballten Hass, der sich in den Mails und Postings offenbart, mit einer gewissen Distanz anzugehen und auch zu sortieren“, so Özoğuz gegenüber vorwärts.de. „Es ist ja deutlich, dass einige, die solche Hass-Kommentare schreiben, dies mit verschiedenen Accounts und Identitäten tun. Sie sprechen also nicht für die Mehrheit, ganz im Gegenteil. Sie sind aber lauter als die anderen.“

Dass der Hass im Netz nicht die Realität abbildet, davon ist auch die Lokalpolitikerin Katharina Schenk überzeugt. Sie ist SPD-Stadträtin in Leipzig und Vorsitzende der sächsischen Jusos. Kurz vor Weihnachten hatte sie bei Facebook das Foto einer Christbaumkugel gepostet. Darauf der Slogan „Refugees Welcome“, der in kürzester Zeit einen „typischen Trollwettbewerb“ auslöste, wie sich Schenk erinnert: Facebook-User versuchten, sich gegenseitig mit Hass-Nachrichten zu überbieten. Allerdings ließ sich die SPD-Politikerin davon nicht einschüchtern. Auch sei weiß, dass nicht alle Kommentare von echten Menschen stammen. Daher habe sie sich auch „nicht besonders angegriffen gefühlt“. Nach ein paar Tagen war der Spuk wieder vorbei.

Zehn Monate altes Kind als Zielscheibe

Einige der Hass-Botschaften waren jedoch nicht so harmlos, zum Beispiel Drohungen gegen Schenks zehn Monate alte Tochter. „Da war ich schon sauer“, sagt sie. Als sich jemand öffentlich wünschte, ihr Baby würde vergewaltigt werden, schaltete Schenk die Polizei ein. Das Verfahren läuft.

Zu diesem Mittel müssen SPD-Politiker ab und an greifen, wenn die „Hater“ völlig außer Kontrolle geraten. Bei harmloseren Beschimpfungen und den üblichen Kommentaren frustrierter Trolle helfe jedoch nur Distanz, sagen viele Aktive in der SPD. Facebook nicht so ernst nehmen, lautet die Devise. Auch kann es hilfreich sein, sich gegen die Hetzer zu vernetzen und gemeinsam gegen den Online-Hass anzureden, so wie in der Initiative „#ichbinhier“.

„Gemeinsam gegenhalten“

„Counterspeech“ hält auch Aydan Özoğuz für ein geeignetes Mittel: „Es geht dabei weniger darum die Hasserfüllten aufzuklären, als all die erfundenen und frei zusammengestellten angeblichen ‚Fakten’ auch mal wieder richtig zu stellen.“ Ihre Botschaft: „Wir müssen gemeinsam gegenhalten.“

Dieser Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von „vorwärts.de“

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