Zusammenhalt in den Kommunen

Spielen ohne Hindernisse

07. April 2020
Die „Achim Lions“ in Aktion: Rollstuhl-Basketball in einer der Hallen des TSV Achim.
Die Corona-Krise hat zwar viele Freizeitangebote im Moment zum Erliegen gebracht. Doch Sport spielt grundsätzlich bei der Inklusion eine wichtige Rolle. Viele Hallen und Plätze sind indes noch nicht barrierefrei.

Nico Röger beobachtet das Geschehen zunächst vom Platzrand aus: „Und abgeben!“, ruft er. Der Trainer fixiert jeden Einzelnen. Nach wenigen Minuten ist er selbst auf dem Feld und spielt mit. Schnelle Ball- und Richtungswechsel, Blocken, Sperren – alles das findet da gerade auf dem Basketballfeld einer Halle in der niedersächsischen Stadt Achim statt. Es ist ein typischer Trainingsabend beim TSV Achim: Die Spielerinnen und Spieler sind engagiert, treiben sich an. Wenn etwas nicht klappt, darf es auch mal ein kleiner Wutausbruch sein.

Menschen mit und ohne Beeinträchtigung spielen zusammen

Und doch ist es anders als gewöhnlich. Die Spielerinnen und Spieler des TSV Achim, die „Achim Lions“, laufen nicht zwischen den Körben, sie rollen. Rollstuhlbasketball heißt die Sportart. Menschen mit und ohne Handicap sind gemeinsam auf der Jagd nach Punkten. Für die Mitglieder und Vorstände des Vereins kurz hinter der südlichen Stadtgrenze Bremens ist es die beste Form von Inklusion – und das nicht nur in einer Sportart. Auf seiner Internetseite bietet der TSV Achim gleich mehrere Sportarten an: Neben Basketball sind es Fußball und Rollstuhlrugby.

Wie Rollstuhlbasketball ist auch Rollstuhlrugby eine sehr dynamische Sportart. Sie wird in Achim ebenfalls von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung betrieben. Einer, der schon in den oberen Ligen gespielt hat, ist Achims Trainer Nacer Menezla. „Rollstuhlrugby ist ein sehr taktischer Sport. Behinderte sind gegenüber Nicht-Behinderten im Vorteil“, sagt er. Denn wer auf einen Rollstuhl angewiesen sei, habe mehr Kraft im Oberkörper. Rollstuhlrugby können zudem Jugendliche und Erwachsene gemeinsam spielen – wie der 13-jährige Henry Fischer aus Bremen. Er sei der der jüngste Spieler Deutschlands, so Trainer Menezla.

Gehende passen sich an

Inklusion, da sind sich viele Kenner ­einig, klappt beim Rollstuhlbasketball am besten. „Die Gehenden passen sich den Rollstuhlsportlern an“, sagt Cem Seker, Spieler der „Achim Lions“. Roland Christian, Pressesprecher des Teams und Spieler ohne Beeinträchtigung, ergänzt: „Rollstuhlbasketball ist der inklusivste Sport überhaupt.“ Unterstützung bekommt er von Friedhelm Julius ­Beucher. Der ist Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Ihm zufolge gehören auch Sitzvolleyball, Sportschießen und Bogensport zu den bekanntesten inklusivsten Sportarten.

Häufig gibt es noch Barrieren

„Der Sport ist der Inklusionsmotor schlechthin“, sagt der DBS-Präsident. Doch leider sei dies „noch nicht in allen Köpfen angekommen“. Beucher macht keinen Hehl daraus, dass es um die Inklusion schlecht bestellt wäre, wenn nicht neben den DBS-Vereinen auch noch viele sogenannte Regelsportvereine Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung machen würden. Der gleichen Meinung ist Dagmar Freitag. Die SPD-Abgeordnete ist Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages: „Bedauerlicherweise wird der Inklusionsgedanke noch längst nicht überall miteinbezogen, so dass es häufig genug eben doch noch Barrieren gibt, die Menschen ausschließen.“

Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag bezeichnet das Thema Inklusion als „sehr komplexe Aufgabe“. Es gehe um die Teilhabe von Menschen mit Handicap in allen Lebensbereichen. Um diese umzusetzen, sei „Barrierefreiheit in jeder Form“ notwendig. Hebborn erinnert daran, dass Inklusion ein Menschenrecht ist: Bei der Umsetzung „ist auf jeden Fall noch Luft nach oben“. Er ist überzeugt, dass Sport „eine ganz wichtige Rolle“ spiele, damit Teilhabe realisiert werde – Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen kämen auf niedrigschwelliger Ebene zusammen.

Doch bis es soweit ist, dass Inklusion im Sport und überall Teil des Alltags ist, dürfte es noch ein langer Weg sein – gerade im Bereich der Kommunen. So findet DBS-Präsident Beucher, dass die Kommunen nicht genügend unternehmen. Die wenigsten Sportanlagen, nämlich nur rund zehn Prozent, seien barrierefrei, sagt er. Es fehlten zum Beispiel abgesenkte Bordsteine, behindertengerechte Toiletten und entsprechende Türen. Und Sinnesgeschädigte finden ohne Assistenten so gut wie keine Möglichkeit, Sport zu betreiben. „Das alles umzusetzen, ist eine Riesenaufgabe“, sagt Beucher. Und: „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.“

Kritik: Zu wenig Angebote

Fehlende Barrierefreiheit ist aus Sicht des DBS die Hauptursache dafür, dass nur jeder zweite Mensch mit Behinderung überhaupt Sport macht und es noch viel zu wenige Angebote gibt. Vor diesem Hintergrund hat der Verband im Dezember 2019 einen „Goldenen Plan barrierefreie Sportstätten“ gefordert. Die Zugänglichkeit dürfe nicht ausschließlich unter baulichen Aspekten betrachtet werden, heißt es. Dies betreffe zumeist nur Menschen mit körperlichen Behinderungen. „Vielmehr müssten auch akustische, taktile und visuelle Informationsquellen sowie Informationen in leichter Sprache berücksichtigt werden“, schreibt der DBS in einer Mitteilung.

Doch das ist nur eine Seite. So könnten die Kommunen zwar die Rahmenbedingungen zugunsten der Vereine verschieben. Hierzu zählt Hebborn unter anderem, den Aktiven zusätzliche Zeiten in den kommunalen Sportstätten zuzugestehen. Die Inklusion mit Leben zu füllen, sei aber Aufgabe der Vereine – etwa durch die Ausbildung von Übungsleitern über die Bildungswerke der Landes- und Kreissportbünde.

Man hofft auf den Wandel

Obwohl noch viel zu tun ist, wird die Inklusion im Sport „weiter voranschreiten“, ist SPD-Frau Freitag überzeugt – „auch wenn ich natürlich nicht absehen kann, wie viel Gemeinsamkeit am Ende im sportlichen Alltag für jede Einzelne und jeden Einzelnen Realität werden wird“.

Das wünschen sich auch die Sportlerinnen und Sportler des TSV Achim, insbesondere in Sachen Nachwuchs. Rollstuhlrugby-Trainer Menezla: „Die Jugend weiß nicht, dass es diesen Sport gibt. ­Dabei bekommt man den Kopf frei.“

Hinweis: Der Text stammt aus der Ausgabe 01/02 der DEMO und ist vor der Corona-Krise entstanden.

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