Waldwirtschaft

„Unter dem Strich rechnet sich der Wald“

Harald Lachmann25. Oktober 2021
Stadtwaldförster Thoms vor einem Mammutbaum im Mühlhausener Stadtwald.
Der Stadtwald von Mühlhausen in Thüringen wird seiner Nutzfunktion, der Lieferung von Holz, ebenso gerecht wie dem Schutz der Natur und der Erholung.

Um einmal über die einzigartige faserigschwammige Borke eines Mammutbaumes zu streichen, muss man nicht in die kalifornische Sierra Nevada fliegen. Ein Besuch im Stadtwald von Mühlhausen tut es auch. Gleich drei Mammutbäume ragen hier in den Thüringer Himmel. Dabei sind das noch Jünglinge gegenüber der knorrigen Korpusbuche, die mit ihren starken seilartigen Wucherungen wie einem Märchenfilm entsprungen scheint. „Diese 18 Meter hohe Hainbuche stand hier schon fast 100 Jahre, als Johann Sebastian Bach noch in Thüringen lebte“, schmunzelt Peter Thoms. Für den Förster des Mühlhäuser Stadtwaldes zählt sie damit zu den Attraktionen seines ausgedehnten Reviers.

Wald erfüllt viele Funktionen

Mit 3.093 Hektar Fläche zählt dieser Kommunalforst zu den größten Stadtwäldern in Deutschland. Im Grunde trägt ihn die Kreisstadt des Unstrut-Hainich-Kreises auch schon im Namen. Denn die Fläche befindet sich im Hainich, einem ausgedehnten Waldrücken, der in Teilen sogar als Nationalpark ausgezeichnet ist. Fragt man Förster Thoms, ob sich dieser Besitz für eine 36.000-Einwohner-Stadt rechnet, zögert er mit der Antwort. „Betrachtet man den Wald allein aus dem Blickwinkel des Holzertrags, lohnt er für die Kommune sicher“, betont er. „Wir arbeiten stets wirtschaftlich, bisher blieb immer noch etwas übrig.“

Doch seine Entgegnung bezieht bereits ein „Aber“ mit ein: Rechne man alles ein, was die Gesellschaft von einem Wald kostenlos erwarte, „also Natur- und Landschaftspflege, Artenschutz, größter Wasserspeicher für das Trinkwasser, dazu die Erholungsfunktionen für Jogger, Jäger, Wanderer, Hundebesitzer, Reiter oder Radler“, sei das eben mitzufinanzieren, so Thoms. Denn da müssten auch Wege gepflegt oder Bänke und Schutzhütten gebaut und unterhalten werden. „Das geht nur über gute Holzpreise.“ Aus diesem Grund agiere man bei der Holzvermarktung meist „knapp an der Grenze, bei der wir beim Einschlag noch nachhaltig wirtschaften“.

Doch selbst in Zeiten schlechter Holzpreise – wie den zuletzt „zwei katastrophalen Jahren“ – sei für den städtischen Forstbetrieb am Ende „immer ein leichtes Plus herausgekommen“, merkt der Forstingenieur an. „Unsere Rechnungen sind absolut real. Mögliche verwaltungsinterne Leistungen und Ausgaben, etwa durch den städtischen Bauhof, beziehen wir sauber ein.“ Dazu kommen noch die Ausgaben für externe Dienstleister für Forstarbeiten.

Zuschüsse für Naturschutz

Entsprechende Zuschüsse für den Naturschutz helfen im Kommunalwald der SPD-regierten Stadt zusätzlich beim Wirtschaften. Für besondere Bäume, die aus der Bewirtschaftung genommen werden, gibt es etwa EU-Prämien. Deren Beantragungsprozess sei aber „so aufwendig und bürokratisch, dass er wohl andere kommunale Forstbetriebe eher abschreckt“, meint der Förster. Zum Glück sei sein Chef Jörg Willner – Fachdienstleiter Forst- und Landschaftspflege im Rathaus – diesbezüglich „ein Fuchs“.

Um ihre sechs eigenen Waldarbeiter und zwei weitere, dringend benötigte Kollegen aufzustocken, reichen die Erlöse jedoch nicht. Aber immerhin schwört Thoms auf seine Truppe: „Eigene Leute im Wald sind unbezahlbar!“ Sie sind besonders motiviert, kennen jede Ecke im Revier und hegen die Pflanzen, die sie einst gesetzt haben, viel besonnener als externe Dienstleister: „Ich kann jedem Stadtförster nur dringend dazu raten!“

Das Beste an der Arbeit in einem Kommunalwald besteht für Peter Thoms darin, „nur einem Herren zu dienen: der Stadt“. Wäre er für eine Laubgenossenschaft tätig, müsste er dagegen Interessen vieler verschiedener Waldbesitzer berücksichtigen.

Weltnaturerbe der Unesco

Der Stadtwald Mühlhausen hat inzwischen auch international einen guten Ruf, zählt seit dem Jahr 2011 sogar zum Weltnaturerbe der Unesco und wurde für seine naturnahe Waldbewirtschaftung schon mit Gütesiegeln geehrt. Dafür nimmt Förster Thoms manchmal auch höhere Kosten in Kauf, etwa um die Rückearbeiten – das Herausziehen eingeschlagener Bäume hin zu den Abfahrtswegen – zu bewältigen.

Hier kommen wie auch anderenorts Rückepferde zum Einsatz. Weil die Rösser wendiger sind als schwere Forsttechnik, muss er damit nur alle 40 Meter eine Rückegasse anlegen lassen. Bei einem schweren Harvester wären es dagegen alle 20 Meter. „Das sieht viel besser aus, gerade in einem Wander- und Erholungswald, und entlastet auch spürbar den Boden“, betont er. Denn durch den geringeren Druck könnten sich auch die Wurzeln der Bäume besser ausbreiten, blieben auch bei Sturm standhafter.

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