Stadtentwicklung und -planung

Die übersehene Perspektive der Frauen

Carl-Friedrich Höck21. Juni 2024
Wo komme ich gut mit einem Kinderwagen voran? Oder mit Rollstuhl? Solche Fragen nimmt eine gendersensible Stadtplanung stärker in den Blick.
Forderungen nach einer gendergerechten Stadtentwicklung gewinnen auch auf Bundesebene an Kraft. Die junge SPD-Abgeordnete Emily Vontz verschafft im Bauausschuss der Sichtweise von Frauen mehr Gehör. Das Bundesbauministerium hat eine Arbeitsgruppe zum Thema eingerichtet.

Die Jusos drängen auf einen Paradigmenwechsel in der Stadt­entwicklung. Auf ihrem Bundeskongress im November 2023 hat die SPD-Jugendorganisation ein Muster-Kommunalprogramm beschlossen. Eine zentrale Forderung in dem Papier lautet: „Feministische Stadt- und Gemeindeentwicklung muss das Leitbild unserer Kommunalpolitik werden. Das übergeordnete Ziel hierbei ist immer die Schaffung einer fair geteilten Stadt/Gemeinde für alle.“ Was abstrakt klingt, geht auf einen einfachen Gedanken zurück: Städte seien lange Zeit von Männern für Männer entworfen worden. Die Perspektiven anderer Gruppen seien dabei zu kurz gekommen – mit Folgen, die bis heute anhalten.

Von Männern für Männer gemacht

So sieht es auch Emily Vontz. Bis zum Sommer vergangenen Jahres war sie selbst Juso-Landesvorsitzende im Saarland. Und mit 23 Jahren ist sie die jüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag. „Ich habe gemerkt, dass in meinem Bekanntenkreis sehr viele junge ­Frauen nicht den kürzesten, sondern den ­sichersten Weg nach Hause nehmen“, erzählt die Sozialdemokratin.

SPD-Abgeordnete Emily Vontz. Foto: Fionn Große

Auf der Suche nach Gründen, warum Frauen immer wieder in Situationen geraten, in denen sie sich unwohl fühlen, stieß sie auf das Konzept der Feministischen Stadtplanung. Städte seien noch in den 1990er Jahren auf die Bedürfnisse von Männern ausgerichtet worden, erklärt Vontz: Sie sollten morgens gut mit dem Auto zur Arbeit kommen und abends wieder nach Hause.

Vontz: „Menschenfreundlichere Stadt“

Der Alltag von Frauen sei aber häufig ein anderer: „Sie arbeiten öfter in Teilzeit, bringen das Kind in die Kita, gehen einkaufen und vielleicht noch zum Sport.“ Sie seien seltener mit dem Auto unterwegs, dafür öfter zu Fuß oder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Feministische Stadtplanung denke das mit, nehme aber nicht nur Frauen stärker in den Blick. „Im Endeffekt geht es darum, dass die Stadt menschenfreundlicher wird“, sagt Vontz.

Kommt man mit Rollstuhl oder Kinderwagen problemlos über die Straße? Und sind die Bürgersteige breit genug, damit man entgegenkommenden Menschen ausweichen kann, ohne ihnen unangenehm nahezukommen? Vontz sorgt dafür, dass die SPD-Bundestagsfraktion sich verstärkt mit solchen Fragen befasst. Sie rückte Anfang 2023 für Heiko Maas in den Bundestag nach und wurde Mitglied im Bauausschuss. Schon nach wenigen Wochen bemerkte sie, dass die Sichtweisen junger Frauen zu selten bedacht werden. Also suchte sie den Austausch mit Expert*innen aus der Wissenschaft. Für die Arbeitsgemeinschaft Kommunalpolitik der SPD-Fraktion organisierte die junge Abgeordnete ein Fachgespräch und lud die Stadtforscherin Mary Dellenbaugh-Losse ein, die Grundzüge der feministischen Stadtplanung zu erklären.

Die Expertin nutzt selbst lieber den Begriff „gendergerechte Stadtplanung“, wie Dellenbaugh-Losse kürzlich in einem Gespräch mit der DEMO erklärte. Im Kern gehe es darum, zu einer Planung für alle zu kommen. Der Weg dahin sei aber einfacher, wenn man konkrete Gruppen von Nutzerinnen und Nutzern identifiziere und überlege: Welche Anforderungen haben sie an den Raum, an Zugänglichkeit, Komfort und Sicherheit? „Und dann gehen wir mit dieser fiktiven Person neben uns durch die Stadt und versuchen, den Raum aus ihren Augen zu sehen. Die größte Gruppe, die in dieser Betrachtung bisher vernachlässigt wurde, sind eben die Frauen in all ihrer Vielfalt.“ Dellenbaugh-Losse bemängelt Bolzplätze und Skateparks, die von Mädchen kaum genutzt würden, weil sie „männlich codiert“ seien. Oder Carsharing-Angebote ohne Kindersitze und mit zu wenig Gepäckraum.

Arbeitsgruppe im Bauministerium

Auch im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist man auf das Thema aufmerksam geworden. Dort wurde im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich zu Fragestellungen feministischer Stadtentwicklungspolitik austauscht. Ihr gehören Fachleute unter anderem aus Wissenschaft, Behörden und Architektenkammer an. Die Arbeitsgruppe soll bis September 2024 Leitlinien erarbeiten. Damit schreibe man den Kommunen nichts vor, erklärt die Parlamentarische Staatssekretärin Elisabeth Kaiser (SPD). Die Leitlinien könnten aber den Planerinnen und Planern als Orientierungshilfe dienen.

Paramentarische Staatssekretärin Elisabeth Kaiser. Foto: photothek.net

Das Ministerium will auch den Austausch fördern und positive Beispiele bekannter machen. Eine vom Bauministerium und dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Auftrag gegebene Studie analysiert derzeit Praxisbeispiele, die Grundsätzen der gendergerechten Planung folgen: Was haben sie gebracht, was lässt sich daraus lernen?

Elisabeth Kaiser weiß, dass Begriffe wie feministische oder gendergerechte Stadtentwicklung bei manchen auf Vorbehalte stoßen: „Wir kennen ja die Debatte ums Gendern, das wird schnell in die Schublade gesteckt. Die Herausforderung ist jetzt, dass wir vermitteln: Das geht uns alle an und ist kein Nischenthema. Im Gegenteil: Wir wollen eine Betrachtung auf die Städte entwickeln, die wirklich alle gleichberechtigt in den Blick nimmt.“

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