Wald und Klimaschutz

Umbau heißt Umdenken

Svenja Schulze20. Oktober 2021
Mehr Waldflächen müssen der Natur überlassen werden“, fordert Bundesumweltministerin Svenja Schulze.
Wälder sind mehr als Holzfabriken – die Wald-Förderung muss angepasst werden, um den Waldumbau voranzubringen.

Viele Generationen sind von Wäldern geprägt und inspiriert worden. Aber es steht nicht gut um unseren Wald. In den vergangenen Jahren hat sich sein Zustand vielerorts verschlechtert, und er hält dem Klimawandel offensichtlich nicht stand. Dürre und Borkenkäfer haben fast 300.000 Hektar Wald geschädigt. Das ist ein deutliches Alarmsignal, denn der Wald wird im Kampf gegen den Klimawandel mehr denn je gebraucht. Seine Leistungen reichen von der Regulierung des Wasserhaushaltes über den Erhalt der Artenvielfalt bis zur Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid.

„Wald ist ein echtes Multitalent“

Außerdem haben viele Menschen während der Corona-Pandemie die Wälder wieder als Ruhepunkte und Erholungsorte neu schätzen gelernt. Unser Wald ist eben ein echtes Multitalent. Dabei ist es noch nicht lange her, als in der Waldpolitik die Vorstellung vorherrschte, dass „im Wald Holz gemacht“ würde. Dementsprechend wurden Wälder als Plantagen genutzt, als wachsende Holzlager. Diese Haltung ist heute Teil des Problems und muss dringend überwunden werden.

Ich habe mich als Umweltministerin dafür eingesetzt, unsere Wälder als strukturreiche, klimastabile und ökologisch hochwertige Ökosysteme dauerhaft zu sichern.

Drei Punkte halte ich für zentral:

1. Der Wald muss umgebaut und die Möglichkeit erhalten werden, sich selbst umzubauen. Das heißt vor allem Umdenken. Der aktuelle Waldbericht belegt, dass Wälder bessere Überlebenschancen haben, wenn sie sich über längere Zeiträume naturnah entwickeln können. Die Störungen und Schäden in Mischwäldern fallen in der Regel geringer aus als etwa in Fichtenmonokulturen. Deshalb ist der Aufbau eines klimastabilen Mischwalds mit heimischen Baumarten besonders wichtig.

2. Dazu müssen noch mehr Waldflächen der Natur überlassen werden. Fünf Prozent der Waldflächen sollen es insgesamt werden, zum Beispiel auch für Freiland-Labore, die Erkenntnisse darüber liefern, wie die Wälder sich im Klimawandel verhalten. Das 5-Prozent-Ziel ist im Rahmen der nationalen Biodiversitätsstrategie entstanden, in einem partizipativen Prozess. Trotzdem wird es immer wieder infrage gestellt, obwohl es heute wichtiger ist denn je.

3. Drittens muss die Wald-Förderung angepasst werden, um den Waldumbau voranzubringen. Es geht um eine echte Lenkungswirkung hin zu mehr Naturnähe und für die Vielfalt von Arten- und Lebensräumen.
Ökosystemleistungen fördern

Zum Ausgleich für Schäden in den Dürrejahren und in der Corona-Krise und zur Wiederherstellung der Waldflächen haben Waldbesitzende rund 1,5 Milliarden Euro aus Steuermitteln erhalten. Das war eine notwendige Sofortmaßnahme. Die Förderung muss aber grundsätzlich dafür sorgen, den Wald schneller so umzubauen, dass er klimastabiler wird. Die vielfältigen Funktionen des Waldes und seine Ökosystemleistungen stehen dabei im Mittelpunkt. Die Grundlage dieser Ökosystemleistungen ist die biologische Vielfalt. Nur mit ambitionierten Standards zum Schutz der biologischen Vielfalt verkommt die Waldförderung nicht zu einer reinen Flächenprämie. Das Bundesumweltministerium hat Eckpunkte für ein geeignetes Fördermodell erarbeitet und bringt diese in die Diskussion ein.

Waldschutz geht alle an

Waldschutz geht alle an und nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur aus der Forst- und Holzwissenschaft. Der „Waldgipfel“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums Anfang September war mit seinem beschränkten Fokus auf Waldbesitzerverbände und auf Forstund Holzwissenschaft eine vertane Chance. Genauso wenig hilfreich war der Versuch verschiedener europäischer, für die Forstpolitik zuständiger Ministerinnen und Minister, unabgestimmt den Entwurf der EU-Waldstrategie hinsichtlich der Biodiversitätsaspekte abzuschwächen. Das nützt unseren Wäldern nichts und steht auch im Widerspruch zum European Green Deal der EU-Kommission. Das Ergebnis der Bundestagswahl eröffnet dagegen neue Möglichkeiten, den Klimawandel endlich entschlossen aufzuhalten und den Wald durch klugen Umbau dabei mithelfen zu lassen. Die Tür zu einer breiten Verständigung über den Waldschutz, zur Nutzung und zur künftigen Gestaltung der Wälder steht weit offen. Dann können den Wald auch künftige Generationen nutzen und genießen.

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