Gasversorgung

Verflüssigte Energie

Ulf Buschmann23. Juli 2022
Die Animation zeigt schwimmendes LNG-Terminal am Liegeplatz in Wilhelmshaven.
Deutschlands Gasversorgung der näheren Zukunft liegt an der Küste – unter anderem in Wilhelmshaven. Dort soll Ende Dezember Deutschlands erstes schwimmendes Flüssiggasterminal den Betrieb aufnehmen.

Ein Polizeiboot läuft in den Außenhafen von Hooksiel ein. Auf der anderen Seite des Deiches verbringen Camper ihre Ferien. Sie erleben in diesem Jahr ein besonderes Schauspiel. Nur knapp zwei Kilometer Luftlinie entfernt können die Urlauber miterleben, wie der Liegeplatz für Deutschlands erstes Terminal zur Lagerung und sogenannten Regasifizierung von Erdgas entsteht – eine Floating Storage and Regasification Unit, kurz FSRU.

Damit sowie mit drei weiteren Anlagen in Lubmin, Brunsbüttel und Stade will die SPD-geführte Bundesregierung das Land unabhängiger von russischem Gas machen. Energieversorger wie RWE und EnBW haben hierzu bereits Lieferverträge abgeschlossen oder Absichtserklärungen unterzeichnet. Die gesteckten Ziele sind ehrgeizig, nach Ansicht unter anderem vom Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) aber absolut notwendig. Deshalb soll es etwa in Wilhelmshaven schnell gehen. „Wir planen, genehmigen und bauen mit der achtfachen Geschwindigkeit“, sagte Lies beim ersten Rammschlag Anfang Juni.

Erste Ladung am 21. Dezember

Bereits am 21. Dezember soll die erste Ladung Flüssiggas in das in Wilhelmshaven dauerhaft vertäute FSRU-Spezialschiff gepumpt, wieder in Gas umgewandelt und ins Pipelinenetz gepumpt werden. Aktuell aber ist das Planfeststellungsverfahren eingeleitet worden, das sich dank des von der Berliner Ampelkoalition auf den Weg gebrachten LNG-Beschleunigungsgesetzes nicht über Jahre hinzieht.

Das Pensum bis Dezember ist gewaltig. So haben die Urlauber auf dem Campingplatz in Hooksiel einen Logenplatz mit Blick auf die aktuell stattfindenden Rammarbeiten. Diese gehören zum neuen Anlegekopf, der im Auftrag der landeseigenen Gesellschaft Niedersachsen Ports (NPorts) für rund 40 Millionen Euro vor der seit 1982 bestehenden Umschlaganlage Voslapper Groden (UVP) entsteht. Fünf Millionen hat NPorts zudem bereits in die Planungen investiert.

Damit die FSRU dort festmachen kann, um das Flüssiggas oder auf Englisch das Liquified Natural Gas (LNG) zu verarbeiten, wird der Anlegekopf 370 Meter lang. Dafür müssen 150 Stahlpfähle von jeweils 50 Metern Länge in den Meeresboden getrieben werden. Außerdem muss laut NPorts eine Fläche von 70 Hektar zwischen dem Liegeplatz und der Fahrrinne von 12 auf 15,5 Meter ausgebaggert werden. Hierzu gehört die sogenannte Liegewanne am Anlegekopf. Es ist eine Vertiefung, in der ein Schiff wie in einer Wanne liegt.

Bau des LNG-Terminals in Wilhelmshaven
Nur von weitem zu sehen: Niedersachsen Ports lässt an der bestehen Umschlaganlage einen neuen Liegeplatz für Flüssiggas bauen.

30-Kilometer-Pipeline

Doch ein Anlegekopf macht noch keinen LNG-Import. Dafür kommt Deutschlands größter Erdgasimporteur Uniper ins Spiel. Zwar ist das Unternehmen wegen der unter anderem durch den Ukrainekrieg verursachten hohen Einkaufspreise am internationalen Gasmarkt in wirtschaftliche Schieflage geraten. Doch an seinem Wilhelmshavener Projekt soll sich nichts ändern. Uniper investiert 65 Millionen Euro.

Von Wilhelmshaven aus wird das aus seinem flüssigen Zustand zurückverwandelte Gas über eine knapp 30 Kilometer lange Pipeline mit dem beziehungsreichen Namen „Wilhelmshavener Anbindungsleitung“ (WAL) geführt. Diese verläuft bis zu einem Übergabepunkt in der Nähe des Erdgasspeichers Etzel im Landkreis Wittmund. Dort soll WAL an die „Norddeutsche Erdgas Transversale“ (NETRA) angebunden werden. Die Pipeline verläuft von einem bestehenden Importterminal bei Dornum bis nach Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

WAL und NETRA verbinden die Betreiber – erstere ist komplett im Besitz von Open Grid Europe, kurz OGE, einer Tochter von EON. Bis in die 2010er-Jahre hieß das Unternehmen EON Gastransport GmbH. Auch an NETRA ist OGE beteiligt, allerdings zusammen mit dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie. Wie hoch die Investitionen sind, war vom Unternehmen nicht zu erfahren.

Kurs Zukunft

Damit die LNG-Pläne umgesetzt werden können, hat die Bundesregierung vier Schwimmende Tanks für zehn Jahre von der norwegischen Hoëgh- sowie der griechischen Dynagas-Reederei gechartert. Dafür hat das Bundesfinanzministerium im April drei Milliarden Euro freigegeben. Die Norweger lassen ihr Schiff, die „Hoëgh-Esperanza“, in Wilhelmshaven festmachen. Die drei anderen Einheiten schwimmen in Brunsbüttel, Stade und Lubmin.

Allerdings soll das alles nur ein Zwischenschritt sein, denn längst haben sich die Kommunen daran gemacht, sich in Sachen Produktion von grünem Wasserstoff neu aufzustellen. Am Jadebusen etwa heißt das Projekt „Green Wilhelmshaven“. Auch in Stade wird kräftig investiert. Dort, so freute sich SPD-Umweltminister Lies, die Antragsunterlagen für das Planfeststellungsverfahren zur Erweiterung des Elbehafens einreichen zu können. Bis 2026 entsteht an der Elbe der Hanseatic Energy Hub.

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