Älter werden

Das vergessene Feld

Ulf Buschmann25. Juli 2019
Alte Menschen mit Demenzerkrankung spielen in der Pflege eine immer größere Rolle. Auf der 3. Gesundheitskonferenz des Landkreises Rotenburg war das auch ein Thema.
Der Landkreis Rotenburg will seine Angebote zur Versorgung von an Demenz erkrankten Menschen verbessern. Das war auch Thema bei der 3. Gesundheitskonferenz des Landkreises im Juni.

Harald M. ist verzweifelt. Vor einigen Wochen bekam der 76-Jährige aus dem kleinen Ort Kirchwalsede im Landkreis Rotenburg den eindeutigen Bescheid, dass seine zwei Jahre jüngere Frau Edith an Demenz erkrankt sei. Seitdem versuchen Harald M., seine beiden erwachsenen Kinder und die Mitarbeiter der Diakonie-Sozialstation, einen stationären Pflegeplatz zu finden – bislang vergeblich. „Es gibt einfach nichts“, fasst Harald M. seine Erfahrungen und die seiner Mitmenschen zusammen. Doch nicht nur bei der stationären, auch bei der ambulanten Versorgung hapert es.

Ist es in der Stadt schon schwierig, an Demenz erkrankte Menschen zu versorgen, sind die Schwierigkeiten in ländlich geprägten Regionen noch schlimmer. Der Landkreis Rotenburg bildet da keine Ausnahme. Doch das möchten Angehörige aus den Pflegeberufen, ambulante und stationäre Einrichtungen sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung nicht hinnehmen. Sie streben eine Vernetzung im Bereich der Gerontopsychiatrie an. Darunter fallen auch die an unterschiedlichen Formen der Demenz erkrankten Menschen. Ziel der Vernetzung soll es sein, sich auszutauschen, sich gegenseitig weiterzubilden und mittel- bis langfristig einen Beitrag zur Verbesserung des Angebots zu leisten.

Gesundheitsregion Rotenburg

Die ersten Schritte machten die Interessierten bei der 3. Gesundheitskonferenz des Landkreises Rotenburg kürzlich im Juni. Im Mittelpunkt der ein Mal im Jahr im Rahmen der Gesundheitsregion stattfindenden Zusammenkunft stand das Thema „Pflege“. Die rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die unterschiedlichen Facetten, unter anderem in mehreren sogenannten Themeninseln und Foren. Insbesondere das Forum „Gerontopsychiatrische Versorgung“ stieß auf großes Interesse.

Hintergrund: Alte Menschen mit einer Demenzerkrankung spielen in der Pflege eine immer größere Rolle. Doch Netzwerke für Angehörige, Pflegende und selbst Pflegeeinrichtungen sind erst im Aufbau.

Rotenburger DemenzNetz

Eines davon ist das „Rotenburger ­DemenzNetz“. Dessen Ziel ist es, Erkrankten und Angehörigen erst einmal einen Pool an Wissen zu bieten. „Das Netzwerk funktioniert auch schon“, sagte die Geronthotherapeutin Heike Schwabe, eine der Initiatorinnen, bei der Gesundheitskonferenz im Gerontopsychiatrie-Forum. Rund 15 Mitglieder beziehungsweise unterschiedliche Einrichtungen bieten laut Schwabe Hilfesuchenden zumindest schon mal ein bescheidenes Angebot. Zum Beispiel werden Begegnungen für Betroffene und ihre Angehörigen organisiert. Ein Manko umschrieb Schwabe so: „Es ist funktioniert alles nur ehrenamtlich.“ Vor diesem Hintergrund sei das ­Demenznetz eher so etwas wie der Tropfen auf den heißen Stein.

Wie hoch seine Temperatur ist und vor allem, wie groß der Stein ist, wurde im Forum „Gerontopsychiatrische Versorgung“ klar. Mit welchen Problemen gerade Angehörige der Pflegeberufe, aber auch Psychiater, Psychologen und Ärzte in ihrem Alltag konfrontiert werden, ließen sie in ihren Wortbeiträgen durchblicken. Die Bandbreite reicht von der „Anspruchshaltung in der Versorgung“ etwa von Angehörigen über den allgegenwärtigen Pflegefachkraftmangel bis hin zu (fehlenden) Angeboten für alt gewordene psychisch Erkrankte. Ein Suchtberater wies beispielsweise darauf hin, dass es ja auch Drogen- und Medikamentenabhängige in Altenheimen gebe. „Wir haben da ein großes Suchtpotenzial bei den alten Menschen“, sagte er, „das alles ist bei ihnen sehr schambesetzt“.

Neue Sichtweisen einbringen

Doch nur zu jammern, war nicht die Sache der Forum-Teilnehmer. Sie machten auch Vorschläge, wie sich die Situation innerhalb des Netzwerks verbessern lässt. Fallbesprechungen und Super­visionen gehören als klassische Instrumente genauso dazu wie ganz neue Sichtweisen. Die Angehörigen der medizinischen Disziplinen, von Pflegeberufen und Sozialpädagogen sollten zusammengebracht werden, um ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Kenntnisse in dieses weitgehend noch unbestellte Feld der Pflege einzubringen. Und nicht zuletzt müssten Politik und Gesellschaft für die Anforderungen in der Geronto­psychiatrie im ländlichen Raum sensibilisiert werden.

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