Jahrespressekonferenz

Verkehrsunternehmen wenden sich gegen 365-Euro-Ticket

Carl-Friedrich Höck28. Januar 2020
Fahrscheinentwerter an einem Berliner U-Bahnhof
Befürworter*innen sehen in einem ÖPNV-Jahresticket für 365 Euro einen Schritt, um Klimaschutz und Verkehrswende voranzutreiben. Doch die Verkehrsunternehmen warnen: Die Infrastruktur könne gar nicht schnell genug ausgebaut werden, um die zusätzlichen Fahrgäste aufzunehmen.

Das Wachstum des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) ist ins Stocken geraten. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat am Dienstag seine Jahresbilanz vorgestellt. Nach Hochrechnungen des VDV sind die Fahrgastzahlen zwar auch im zurückliegenden Jahr wieder gestiegen, zum insgesamt 22. Mal in Folge. Die Steigerung sei jedoch mit 0,3 Prozent deutlich geringer ausgefallen als in den Jahren zuvor.

ÖPNV-Angebot soll ausgebaut werden

Für den Verband ist das ein Zeichen dafür, dass die ÖPNV-Infrastruktur stark ausgelastet ist. 10,413 Milliarden Fahrgäste haben die Verkehrsunternehmen nach eigener Berechnung transportiert. „Unser System ist gerade in den Städten und Ballungsräumen voll“, sagt VDV-Präsident Ingo Wortmann. Deshalb müsse das Angebot nun dringend ausgebaut werden. Und zwar in zwei Schritten: Kurzfristig mit einem Ausbau der Busflotten und mittelfristig mit dem (zeitaufwendigen) Ausbau von Straßenbahn- und U-Bahn-Linien.

Wenig abgewinnen kann Wortmann dagegen einer viel diskutierten Idee, mit der mehr Menschen für den Umstieg auf den ÖPNV gewonnen werden sollen: dem Jahresticket für 365 Euro. In Wien gibt es das Billig-Abo bereits. In Deutschland will der Bund mehrere Modellprojekte fördern. Und auch die Berliner SPD hat sich auf ihrer Klausurtagung am Wochenende noch einmal explizit für das 365-Euro-Ticket ausgesprochen.

Vier Milliarden weniger Ticket-Einnahmen

Ingo Wortmann (2. v. r.) auf der Pressekonferenz des VDV

Die Verkehrsunternehmen wenden sich aus mehreren Gründen gegen die Pläne. Bei einer bundesweiten Einführung müssten Einnahmeausfälle von vier Milliarden Euro kompensiert werden, rechnet Wortmann vor. Das entspräche einem Drittel der heutigen Fahrgeldeinnahmen. Die Kommunen als Träger könnten das gar nicht leisten. Und auch von Zuschüssen des Bundes oder der Länder wollen sich die Verkehrsunternehmen nicht zu stark abhängig machen. Für ihre Infrastruktur-Projekte benötigen sie langfristige Planungssicherheit. Wenn in den Öffentlichen Haushalten später mal der Rotstift angesetzt werde, würden auch die Verkehrsunternehmen in finanzielle Schieflage geraten, argwöhnt Wortmann. Schon jetzt trägt die öffentliche Hand mit 9,4 Milliarden Euro erheblich zur ÖNVP-Finanzierung bei. 12,8 Milliarden Euro fließen über die Fahrgäste ins System.

Ein zweiter Kritikpunkt der Verkehrsunternehmen: Die Busse und Bahnen seien in den Spitzenzeiten bereits voll. Ohne vorher die Kapazitäten auszubauen, könne man auch mit einem 365-Euro-Ticket keine Neukunden für den ÖPNV begeistern. Dies würde das Gedränge in den Fahrzeugen nur erhöhen und letztlich abschreckend wirken, argumentiert der VDV. Ähnlich sieht es auch Timm Fuchs, Beigeordneter des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. „Bevor man vergünstigte Tickets anbietet, muss man sicherstellen, dass die Infrastruktur da ist um die Leute transportieren zu können“, meint er.

Große Ausbau-Projekte werden wohl erst nach 2030 umgesetzt

Das Problem: So ein Ausbau kostet Zeit. Zwar gibt es demnächst mehr Geld vom Bund – die Zuflüsse aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz und den Regionalisierungsmitteln werden in den kommenden Jahren schrittweise erhöht. Trotzdem glaubt VDV-Präsident Wortmann, dass die ganz großen Ausbauprojekte erst in den 2030er Jahren umgesetzt werden können. Und erst danach sei es sinnvoll, Ideen wie das 365-Euro-Ticket zu diskutieren.

Selbst unter den Berliner Sozialdemokrat*innen gibt es zurückhaltende Stimmen. „Das 365-Euro-Ticket ist eine tolle Vision, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Tino Schopf, Verkehrsexperte der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Man dürfe nicht den dritten Schritt vor dem ersten machen und müsse erstmal längere Züge, schnellere Takte und mehr Personal organisieren.

VDV lehnt 365-Euro-Ticket nicht grundsätzlich ab

Ein erster Schritt in Richtung günstige Umwelttickets sind auch Rabatte für Schüler*innen und Auszubildende. Mehrere Städte bieten für diese Zielgruppe bereits ein 365-Euro-Jahresabo an. Dagegen hat selbst der VDV nichts einzuwenden.

Ohnehin kritisiert Wortmann das 365-Euro-Ticket gar nicht grundsätzlich. In Wien sei man das Thema anders angegangen, erklärt der Verbandspräsident. Erst habe man 20 Jahre lang den ÖPNV massiv ausgebaut und dann erst das Billig-Abo eingeführt. Mit der Einführung einer U-Bahn-Steuer hätten die Wiener*innen einen dauerhaften Ausgleich für die fehlenden Ticketeinnahmen geschaffen. Und zugleich habe die Stadt die Parkgebühren nach oben geschraubt. „Dann kann man sicher auch ein solches Projekt machen“, resümiert Wortmann.

 

Mehr Infos
Jahresbilanz des VDV (vdv.de)

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