Rezension „Bürgermeister und Krisenkommunikation“

Vorbereitet in die Krise

Carl-Friedrich Höck24. März 2020
Cover Bürgermeister und Krisenkommunikation
Nicht erst seit der Corona-Pandemie gilt: Quasi über Nacht können Bürgermeister*innen im Zentrum einer Krise stehen. Tipps für die richtige Vorbereitung und Reaktion gibt Pressereferent Johannes Latsch.

Noch vor einigen Wochen war der Landkreis Heinsberg wohl nur wenigen bekannt, die nicht in Nordrhein-Westfalen wohnen. Doch seit das neuartige Coronavirus den Kreis besonders schwer getroffen hat, tourt Landrat Stephan Pusch (CDU) durch die TV-Talkshows und ist ein gefragter Gesprächspartner. Das Beispiel zeigt, wie schnell eine Krise den politischen Alltag von Kommunalpolitiker*innen auf den Kopf stellen kann.

Vorbereitung ist das A&O

Dafür braucht es keine weltweite Pandemie. Der Einsturz der Eislaufhalle in Bad Reichenhall, die Duisburger Loveparade-Katastrophe oder die Vogelgrippe auf Rügen waren regionale Ereignisse. Auch sie haben die Verantwortlichen überrascht und vor eine besondere Herausforderung gestellt.

Unvorbereitet sollten Bürgermeister*innen und Landrät*innen trotzdem niemals sein. Das ist eine der Kernaussagen von Johannes Latsch. In seiner Handreichung „Bürgermeister und Krisenkommunikation“ schreibt der Pressereferent aus dem hessischen Main-Taunus-Kreis: „Die Krisenkommunikation beginnt nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen, also die Krise da ist.“

Grundlagen und Fallbeispiele

Latsch kennt beide Seiten, da er selbst früher als Journalist gearbeitet hat. Für sein Buch hat er sich mit Kolleg*innen, Politiker*innen, Katastrophenschützer*innen und weiteren Akteuren aus diversen Kommunen ausgetauscht. Aus den so gesammelten Erfahrungen entstand ein Buch, das kein Patentrezept für Krisenmanagement sein, aber den Betroffenen Rüstzeug an die Hand geben soll. Dies ist durchaus gelungen.

Das Buch ist in drei Komplexe unterteilt. Im ersten geht es um Grundlagen: Was für Arten von Krisen gibt es? Was gilt es beim Personal und den Arbeitsabläufen im Krisenfall zu beachten? Welche Rolle spielen die Sozialen Medien? Unter anderem rät Latsch dazu, rechtzeitig eine mit ausreichend Personal besetzte Pressestelle aufzubauen. Und zwar auch dann, wenn die argwöhnische Opposition im Stadt- oder Gemeinderat darin nur eine teure PR-Abteilung für den Amtsinhaber vermutet (was sich natürlich mit guten Argumenten entkräften lässt).

Im zweiten Buchabschnitt schildert der Autor kurz und knapp Fallbeispiele kommunaler Krisenlagen. Anhand konkreter Ereignisse zeichnet er nach, was gut und was schiefgelaufen ist. So ging nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg die Strategie des Bürgermeisters nach hinten los, jede Verantwortung zurückzuweisen, solange die Staatsanwaltschaft nicht das Gegenteil belegt hat. Was rechtlich vernünftig erschien, stellte sich politisch als verheerend heraus. Am Ende hatte sich in der Öffentlichkeit das Bild eines Politikers verfestigt, der an seinem Stuhl klebt.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Dass Fachämter und Öffentlichkeit eine Krisenlage unterschiedlich wahrnehmen können, zeigte sich auch, als an Schulen im Main-Taunus-Kreis die Masern ausbrachen. Ein nicht besonders ungewöhnlicher Vorfall, es waren auch nur wenige Schüler*innen erkrankt. Dennoch stieß das Ereignis auf breites Medienecho und elektrisierte die Eltern. Die Verwaltung tat gut daran, die Sorgen der Betroffenen ernst zu nehmen, meint Latsch. Immerhin habe die Krise auch eine gute Seite gehabt: Das Gesundheitsamt konnte die Lage medienwirksam zum Aufruf nutzen, Impfappelle von Behörden und Wissenschaftler*innen ernst zu nehmen.

Schließlich geht der Autor einzelne Elemente der Krisenkommunikation durch und gibt dazu praktische Tipps. So etwa zu Interviews im Fernsehen: Vorher festgelegte Kernbotschaften helfen ebenso, diese unfallfrei zu überstehen, wie eine aufrechte Körperhaltung. Natürlich gilt auch hier: Vieles muss bereits vor dem Ausbruch einer Krise passieren. Dazu gehört, kritische Infrastrukturen zu identifizieren und zu bewerten oder Abläufe für Krisenfälle zu trainieren. Latsch empfiehlt auch, ein Netzwerk an Unterstützer*innen aufzubauen, die einem öffentlichkeitswirksam zur Seite springen können, wenn es sprichwörtlich brennt.

Wer in einer Krisensituation Fehler macht, gefährdet schnell das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der Kommune. Latschs Buch hilft, zumindest die Fehler zu vermeiden, die anderen bereits unterlaufen sind.

Johannes Latsch
Bürgermeister und Krisenkommunikation.
Kommunal- und Schulverlag 2019, 240 Seiten,
19,80 Euro, ISBN 978-3-8293-1416-9

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen