Tourismus

„Wir wollen mehr Qualität und Nachhaltigkeit“

Karin Billanitsch24. Juni 2019
Mecklenburg-Vorpommern ist das beliebteste Tourismusziel der Deutschen. Davon profitiert der Landkreis Vorpommern-Rügen – doch Landrat Stefan Kerth (SPD) sieht noch ungenutztes Potenzial, das er nutzen will.

DEMO: Mecklenburg-Vorpommern hat Bayern als beliebtestes Reiseziel überholt. Welche touristischen Trends geben Ihrem Landkreis – Vorpommern-Rügen – ein besonderes Profil?

Stefan Kerth: Natürlich der Naturtourismus, weil bei uns zwei Drittel der Landkreisfläche unter Naturschutz stehen. Und auch der Gesundheitstourismus ist ein wichtiges Thema.

Und der maritime Tourismus? Man denkt an Sonne und Ostseesand …

… daran denken wir auch ständig. Aber im Ernst: Das ist für uns so selbstverständlich, dass wir das nicht jeden Tag präsent haben. Aber natürlich sind Wassersport und Wassertourismus bei uns auch Riesenthemen. Wir haben ein gut funktionierendes Netz kleinerer Häfen für die Sportschifffahrt. Und um die Insel Rügen haben wir grandiose Wasserlandschaften, innerhalb der Insel die Boddengewässer. Darüber könnte man stundenlang erzählen, das würde den Rahmen sprengen. Wir haben gerade vor kurzem gegenüber dem Seeheilbad Zingst, an der südlichen Boddenküste, einen weiteren Hafen in Betrieb genommen, diese Entwicklung geht auch noch weiter.

Ich würde gern zu den Zahlen hinter dem Status als beliebtestes Reiseland kommen. Wie wichtig ist der Tourismus als Wirtschaftsfaktor?

Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern sechs Landkreise und zwei kreisfreie Städte. Wir haben als Landkreis Vorpommern-Rügen mit 1.000 Kilometern Küstenlänge ein Drittel des gesamten Landestourismusaufkommens, wenn man den Maßstab Übernachtungen ansetzt. Was die Kur- und Erholungsstandorte angeht, liegt die Hälfte davon in unserem Landkreis. Man sieht schon, dass der Tourismus ein Schwerpunkt ist, wobei der Landkreis selbst so groß ist, dass die südlichen Gebiete nicht alle touristische Schwerpunkte sind.

Trägt der Tourismus zum Wirtschaftswachstum bei und sichert er Arbeitsplätze?

Auf jeden Fall. Es ist ein absolut wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Beschäftigung im Gastgewerbe ist zum Beispiel gestiegen. Aber natürlich sagen mir alle Bürgermeister – ich war bis vor kurzem selbst Bürgermeister in einer kleinen Stadt – man müsse auch andere Gewerbe entwickeln. Der Tourismus steht ja auch insgesamt nicht in dem Ruf, die größte Wertschöpfung zu erzielen. Wir sind sehr glücklich mit der tollen touristischen Entwicklung, sehen aber auch viel Potenzial in anderen wirtschaftlichen Bereichen, die wir gern heben würden, auch um die saisonalen Schwankungen zu verringern.

Zum Beispiel?

Beispielsweise gibt es viel Potenzial, touristische Angebote mit solchen aus dem Bereich Gesundheitswirtschaft zu kombinieren, ich denke an Vorsorge- und ­Rehakliniken. Auf Rügen sollen in Göhren südlich von Binz neue Kurkliniken ent­stehen.

Gibt es eine Förderstrategie für die Region?

Stumpfe Bettenförderung zur Ankurbelung der Branche, wie das Anfang der 90er Jahre war, gibt es seit vielen Jahren nicht mehr. Das war damals richtig. Mittlerweile wird man vom Land mit offenen Armen empfangen, wenn man tragfähige Ideen vorlegt, wenn man zum Beispiel glaubhaft machen kann, etwas Saisonverlängerndes hinzubekommen. Dann findet man im zuständigen Ministerium immer eine Unterstützung.

Sie haben eingangs auch den Naturtourismus genannt. Wie sieht es mit Förderung in diesem Bereich aus?

So detailliert kann ich das gar nicht sagen. Es gibt mit Blick auf den Natur- und Gesundheitstourismus Beispiele wie die Förderung der Radweg-Infrastruktur. Da sind Fördermittel geflossen. Beim Beispiel Bau von neuen Kliniken in Göhren habe ich nicht im Kopf, ob da auch Förderungen im Spiel sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass von der Infrastruktur, die für Tourismus entsteht, auch die Bevölkerung etwas hat.

Gibt es noch andere Infrastrukturprojekte, die die Lebensqualität der Bevölkerung verbessern?

Als ich in Göhren beim Spatenstich für eine Klinik war, da habe ich mit den Investoren zum Beispiel auch darüber gesprochen, inwieweit die Ärzte, die dort arbeiten werden, auch Leute in der Region versorgen könnten. Das sehe ich als Landrat als wichtige Aufgabe an, insofern haben Sie mit der Frage ins Schwarze getroffen. Auch im Bereich Verkehr hat uns das Thema in den vergangenen Jahren bewegt und wir haben schon einiges erreicht: Mit Gästekarten kann man auf Rügen oder Fischland-Darß den öffentlichen Nahverkehr nutzen, und bekommt so eine bessere Auslastung und Anbindung, von der auch Einheimische profitieren. Es ist die Königsdisziplin für Landkreise, das zu verbinden.

Denken Sie auch über mehr Einsatz von E-Mobilität nach?

Selbstverständlich. Wir haben als Landkreis für das Projekt „Land(auf)Schwung“ gerade einen Fördermittelbescheid des Bundes weiterleiten dürfen. Die Gemeinde Ummanz, eine Teilregion der Insel Rügen, ist E-Mobility-Modellregion. Es geht darum, die Mobilität der Bürger durch ergänzende Angebote zum ÖPNV zu ­erhöhen.

Wie steht es mit dem Internetausbau oder freiem WLAN? Touristen lieben zwar einen Urlaub in schöner Natur, wollen aber oft nicht vom ­Internet abgehängt sein.

Gemeindliche WLAN-Hotspots liegen in der Verantwortung der Kommunen, im Einzelnen kann ich Ihnen nicht sagen, wie es hier von Ahrenshoop bis Zingst aussieht. Ich vermute, wir werden nicht Vorreiter sein. Wo wir aber Vorreiter sind: Der Landkreis ist auf dem Wege, bis zum Jahr 2020 die engste Glasfaser-Breitbandanbindung Deutschlands – in ländlichen Regionen wohlgemerkt – zu haben. Die Glasfaser-Infrastruktur, die hier entsteht, macht unsere Region auch attraktiv für Zuzügler. Das ist ein Trend, den wir seit einigen Jahren im Kleinen sehen – und der stärker wird: Wir sehen uns ganz klar auch als Zuzugsregion. Das ist auch ein Synergieeffekt beim Ausbau dieser Infrastruktur.

Und wie sieht es mit dem Wohnungsmarkt aus?

Wer jetzt hofft, er kommt und findet 200 lieblos gemähte Ostseegrundstücke, die nur darauf warten, entdeckt zu werden, der wird enttäuscht sein. Der Immobilien-Run hat in den vergangenen Jahren schon stattgefunden. Aber in dem Bereich, wo es ein bisschen ruhiger wird – ich wohne selbst in der Stadt Barth, 12 km von der Ostsee entfernt – in der sogenannten zweiten Reihe, die eine sehr hohe Lebensqualität bietet, haben wir Angebote, wo man zugreifen kann.

Gibt es Probleme etwa wegen Wohnungsknappheit, weil reguläre Wohnungen dem Markt entzogen sind, wegen Ferienvermietung?

Was das Thema Wohnraum angeht, sind natürlich auch die Kommunen in der Verantwortung. Das spezielle Thema, dass in und nahe der Ostseebäder diese Verknappung stattfindet, ist mit der Niedrigzinsphase verknüpft. Die Menschen investieren derzeit viel in Betongold. Das führt dazu, dass viele Immobilien vom Wohnungsmarkt gehen und nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Landesregierung plant, hier etwas anzuschieben und neue Anreize für sozialen Wohnungsbau zu setzen. Die Umsetzung wird sicher zu Entlastungen führen.

Sehen Sie Akzeptanzprobleme bei der Bevölkerung wegen des Tourismusbooms?

Grundsätzlich Nein. Aber es sagen uns alle: Wir wollen nicht mehr Betten, nicht unbedingt mehr Gäste, sondern mehr Qualität, Saisonverlängerung und Nachhaltigkeit.

Welche Rahmenbedingungen für den Tourismus könnten seitens der Landesregierung noch verbessert werden?

Weil mein fachlicher Querschnitt als Landrat weit über den Tourismus hinausgeht, weiß ich nicht, wie andere Bundesländer das handhaben. Ich nehme aber zur Kenntnis, wenn Touristiker mir sagen, dass andere Bundesländer Ministerien haben, die ausschließlich mit Tourismus beschäftigt sind oder stärkere Tourismus-Abteilungen haben. Da teile ich die Einschätzung, man müsse, weil wir auf Platz 1 in Deutschland sind, das Thema landesseitig weiter unterfüttern.

Mit meiner eigenen Meinungsbildung dazu bin ich noch nicht fertig: Wenn wir zum Beispiel einen gut finanzierten Landestourismusverband haben, der möglicherweise viel Personal vorhält, das in anderen Bundesländern an anderer Stelle in Ministerialabteilungen angesiedelt ist – wäre das auch ein Weg. Insgesamt aber denke ich, sind wir nicht schlecht aufgestellt.

Wie sieht die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure aus?

Wir haben die Besonderheit, dass es 2011 eine Kreisgebietsreform gab. Vorher war die Insel Rügen ein Landkreis, ebenso der Landkreis Nord-Vorpommern, und die Hansestadt Stralsund war kreisfrei. Nicht alle Strukturen, die es gab, haben fusioniert. Wir haben den Touristikverband auf der Insel Rügen mit sehr vielen Kommunen. Es gibt den Tourismusverband Fischland-Darß-Zingst, die Vogelparkregion Recknitztal, und noch weitere regionale Verbände. Wir kooperieren natürlich, etwa beim Marketing. Ich hole regelmäßig die Touristiker an einen Tisch, und es gibt noch den Landestourismusverband. Wir sprechen nicht nur, sondern wir geben auch finanzielle ­Unterstützung für die Verbände, damit sie ihre Arbeit machen können.

Mehr Informationen zum Landkreis
lk-vr.de/Kreisportrait/Tourismus

Zur Person: Stefan Kerth

Stefan Kerth wurde 1973 in Parchim geboren. Aufgewachsen ist er in Schwerin. Nach der mittleren Reife begann Kerth 1989 eine Ausbildung als Augenoptiker und schloss diese mit dem Gesellenbrief ab. Nach der Wende holte er das Abitur nach und begann, Rechtswissenschaften in Rostock zu studieren. Er promovierte und legte das 2. Staatsexamen ab.

Kerth arbeitete im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern als Referent sowie als Lehrbeauftragter im Bereich Öffentliches Recht an der Hochschule in Wismar. Seit März 2007 war er bis 2018 Bürgermeister der Stadt Barth. Seit Oktober 2018 ist er gewählter Landrat des Landkreises Vorpommern-Rügen.

Seit 2009 sitzt er im Kreistag, seit 2011 ist er Fraktionsvorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. Schon als Student trat er in die SPD ein. Er ist bis heute langjähriges Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen ­Gemeinschaft für Kommunalpolitik e.V. (SGK). Kerth hat zwei Töchter und einen Sohn. Er ist leidenschaftlicher Wassersportler. (KB)

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