Studie zur Zukunftsfähigkeit

Die Zukunft der Regionen in Deutschland

Karin Billanitsch09. August 2019
Einige Regionen in Ostdeutschland sind verstärkt von Abwanderung betroffen. Dort wird es immer weniger Erwerbstätige geben, wenn dieser Trend nicht aufgealten werden kann.
19 von 96 Regionen Deutschlands sind nicht gut für die Zukunft aufgestellt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht für diese abgehängten Regionen akuten Handlungsbedarf. In einer neuen Studie wurden die wirtschaftliche Entwicklung, Demografie und Infrastruktur untersucht.

Jede 5. deutsche Region ist nicht gut für die Zukunft gerüstet. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie „Deutschlands Regionen im Vergleich“. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die drei Bereiche Wirtschaft, Demografie und Infrastruktur untersucht. „Dabei kommt heraus, dass es doch sehr große Unterschiede in Deutschland gibt und auch kein einheitliches Bild vorhanden ist“, stellt einer der Mitautoren, Michael Voigtländer, bei der Vorstellung der Studie in Berlin fest. Es gebe boomende Metropolregionen. Aber auch viele Regionen mit akutem Handlungsbedarf im Osten, aber auch im Westen und Norden Deutschlands, stellte Voigtländer klar.

Dazu gehören laut Studie elf Regionen in den neuen Bundesländern, vier Regionen in Nordrhein-Westfalen entlang der Ruhr sowie Bremerhaven, das Saarland, Schleswig-Holstein Ost und die Westpfalz. Die Probleme reichen von hoher Verschuldung, Arbeitslosigkeit und schlechter Infrastruktur bis hin zu demografischen Problemen.

Wirtschaftlich abgehängt im Westen

Mit Blick auf die Wirtschaft liegen die Schlusslichter in Westdeutschland: Besonders düster sieht es in drei städtisch geprägten Raumordnungsregionen aus – Duisburg/Essen, Emscher-Lippe und Bremerhaven aus, lautet ein Ergebnis der Studie. „In den beiden Ruhrgebietsregionen lag die Arbeitslosenquote auch 2017 noch bei über 10 Prozent.“ Die Quote sei auch deutlich weniger stark gesunken als im gesamtwirtschaftlichen Trend. „In Bremerhaven fällt dagegen vor allem die hohe Verschuldung der privaten Haushalte ins Gewicht“, erläutert Professor Michael Hüther, Direktor der Institus der deutschen Wirtschaft.

IW-Direktor Michael Hüther Foto: IW / Uta Wagner

Auf diese drei Regionen mit den größten wirtschaftlichen Problemen folgt mit Dortmund eine weitere Ruhrgebietsregion gemeinsam mit der ostdeutschen Altmark. Untersucht werden Raumordnungsregionen, nicht kreisfreie Städte und Landkreise. So könnten bei der Regionen-Abgrenzung wirtschaftliche Verflechtungen und Nachbarschaftseffekte berücksichtigt werden, heißt es.

Demografieprobleme im Osten

Regionen wie Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, Lausitz-Spreewald, Oberlausitz-Niederschlesien sowie Ostthüringen und Südthüringen weisen allesamt sowohl ein hohes Durchschnittsalter der Bevölkerung als auch einen überproportionalen Anstieg des Durchschnittsalters auf, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Hüther befürchtet deshalb, dass es dort „in Zukunft erheblich weniger Steuereinnahmen“ geben wird, da das Potenzial an Erwerbstätigen besonders schnell sinke.

Auch Altmark, die Mecklenburgische Seenplatte und Nordthüringen zählen demnach zu den besonders belasteten Regionen – allerdings weil die Bevölkerung überaltert, sondern weil hier so viele Menschen abwandern.

Infrastrukturprobleme gibt es deutschlandweit

Schulen, Straßen, Brücken oder öffentlicher Nahverkehr Infrastrukturmängel sind vielerorts mittlerweile nicht mehr zu übersehen. „In Bezug auf die Infrastruktur löst sich der klare Ost-West Unterschied auf“, stellen die Autoren fest. Professor Jens Südekum, Studienmitautor und Ökonom an der Universität Düsseldorf, verweist darauf, dass auf kommunaler Ebene die öffentlichen Investitionen seit den 1990iger Jahren insgesamt rückläufig seien und nicht einmal die rechnerischen Abschreibungen decken würden. Laut KfW beläuft sich der Investitionsrückstand auf 138 Milliarden Euro.

Im Westen Deutschlands ist kämpfen die drei Regionen Emscher-Lippe, Trier und Westpfalz jeweils mit einer sehr hohen Verschuldung. Es folgen laut der Studie Aachen, Bochum/Hagen, Duisburg/Essen und Saar vier weitere Regionen Westdeutschlands. „Hier spiegelt sich die insgesamt schwache finanzielle Position der Kommunen in NRW, Rheinland-Pfalz und im Saarland wider“, sagt Hüther.

Forderung nach Schuldenerlassen

„Die betroffenen Länder sollten Schuldenerlasse für die Kommunen in Betracht ziehen, damit diese wieder handlungsfähig werden“, schlägt Michael Hüther, Direktor des IW, vor. „Eine kluge Regionalpolitik sollte den Kommunen die Möglichkeit geben, sich selbst zu helfen“, ergänzt Jens Südekum. Er sieht aber auch Bund und die Länder in der Verantwortung.

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