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Der Digitalpakt aus Elternsicht

Korhan Ekinci04. Dezember 2019
Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirates Hessen: Datenschutzfragen kommen zu kurz in der Diskussion.
Der Digitalpakt soll helfen, die Digitalisierung an Schulen voranzutreiben. Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats von Hessen, kommentiert die Umsetzungspläne. Er sieht Herausforderungen, Chancen und viele offene Fragen – denn Digitalisierung bedeute weit mehr als nur Tablets anzuschaffen.

Die hessische Landesregierung hat den Digitalpakt vorgestellt. Die Bundesmittel werden in Hessen durch Landesmittel aufgestockt und auch die Schulträger sollen weitere Mittel beitragen.

Qualität der Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen

Die Finanzierung scheint zumindest kurzfristig geklärt zu sein, auch wenn hier und da noch Fragen offen sind. Wie sieht es beispielsweise mit Schulträgern aus, die finanzschwach sind oder unter dem Rettungsschirm stehen? Es wäre nicht das erste Programm, an dem gerade finanziell schwache Schulträger nicht teilnehmen können, weil sie ihren Anteil nicht stemmen können. So wie beim Landesprogramm „KIP macht Schule“, bei dem immerhin 25 Prozent Eigenanteil bei der Sanierung von Schulgebäuden verlangt wird.

Die daraus resultierende soziale Ungerechtigkeit gilt es zu verhindern, sonst wird der Abstand der Schulangebots zwischen finanzstarken und eben finanzschwachen Regionen größer. Die Bildungsqualität darf nicht vom Wohnort abhängig sein. Außerdem stellt sich auch die Frage, wie die Finanzierung weitergeht, wenn die Gelder aus Berlin nach dem Projektende nicht mehr ins Land fließen. Wie werden Wartung und Pflege, Weiterentwicklung und Neuanschaffung digitaler Endgeräte und Software weiter finanziert?

Voraussetzungen

Nachdem also die Finanzierung für den Anfang sichergestellt ist, muss die Frage gestellt werden, was Digitalisierung in der Schule eigentlich bedeutet. Es gilt nun, Konzepte aufzustellen, die der Bildungsqualität und dem Bildungserfolg weiterhelfen. Es ist keineswegs ausreichend einfach Tablets zu kaufen und es den Schulen und Lehrkräften zu überlassen, was damit gemacht wird. Seien wir ehrlich! Digitalisierung hieß in der Vergangenheit, dass Smartboards, Beamer und Tablets angeschafft, aber in dem meisten Fällen nie richtig benutzt oder in den Unterricht integriert werden.

Was brauchen Schulen, also Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern eigentlich? Tatsächlich können digitale Endgeräte viele Ansprüche erfüllen. Lehrmittel wie Bücher könnten digital bereitgestellt werden, statt auf Papier. Lernplattformen könnten Wissen spielerisch vermitteln und so eine Alternative im Lernalltag bieten. Wissensvermittlung entsprechend aller verschiedenen Lerntypen wäre dann in einem breiten Spektrum möglich. Doch es gibt noch viele ungeklärte Fragen!

Hard- und Software

Wie entscheiden wir, welche Endgeräte angeschafft werden können? In den vergangenen Jahren haben große Firmen wie Apple und Microsoft immer wieder Zugang zu den Schulen gesucht. Der Vorteil für die Unternehmen liegt auf der Hand. Man gewöhnt Menschen schon im Kindesalter an ihre Produkte, sodass sie später im Studium und Beruf zu treuen Kunden werden. Die Ausschreibung der Endgeräte muss also viel mehr als den reinen Kaufpreis berücksichtigen. Wir müssen Soft- und Hardware finden, die herstellerunabhängig, also auch jederzeit austauschbar ist.

Die Endgeräte sind das eine, das andere ist der Einsatz von Software wie Lernplattformen. Eine gute Lernplattform nimmt den Lehrkräften und Schüler*innen viel ab. So können unter anderem Lernmaterialien bereitgestellt, individuelle Aufgaben gestellt und Lernerfolge gemessen werden. Selbst Prüfungsleistungen können mit guten Lernplattformen abgenommen werden. An Hochschulen sind das bereits bekannte Instrumente im Lernalltag. Auch hier gilt es wachsam zu sein. Die Daten unserer Kinder sind heiß begehrt. Schon im frühen Alter werden Profile erstellt und umfangreiche Daten gesammelt. Diese Daten sind für Unternehmen sehr wertvoll. Es muss also dafür gesorgt werden, dass keine individuellen Daten den (virtuellen) Klassenraum verlassen. Insgesamt kommt aus elterlicher Sicht in der Diskussion das Thema Datenschutz noch viel zu kurz.

Soft- und Hardware müssen gepflegt, gewartet und immer wieder neu beschafft werden. Bundesweit gab es in der Vergangenheit dazu verschiedene Konzepte. An manchen Schulen wurden Eltern akquiriert und an anderen mussten Lehrer*innen die Wartung übernehmen. Die einzige praxistaugliche Lösung besteht darin die Wartung auf professionelle Dienstleister auszulagern. Hierbei gilt es einige Rahmenbedingungen einzuhalten: Die Reaktionszeit bei Problemen muss so kurz sein, dass der Schulbetrieb im Störungsfall nicht behindert wird. Lösungen, bei denen Mitarbeiter*innen in der Schule jedes einzelne Gerät in die Hand nehmen und Einstellungen vornehmen, sind nicht praktikabel. „Fernzugriff“ lautet hier das Zauberwort. Dienstleister müssen entsprechend fachlich professionell ausgebildet sein. Die Idee, das Land könnte dieser Anforderung mit Kompetenzzentren selbst gerecht werden, ist angesichts des Fachkräftemangels in der IT nicht realistisch.

Infrastruktur schaffen

Ein wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung an den Schulen muss auch die Anbindung der Schulen und der Klassenzimmer ans Internet sein. Aktuell ist dies an den wenigsten Schulen der Fall, es fehlt schlicht an Infrastruktur. Es wird sich zeigen, ob das neu gegründete „Digitalministerium“ dieser Herausforderung mit einem sinnvollen Konzept begegnen wird. Fest steht, dass an den meisten hessischen Schulen ein Umbau notwendig sein wird. „Ohne WLAN kein Internet“, heißt es meist. Ob das neue 5G Netz uns eine Lösung bietet, wird die Zukunft zeigen. Das neue schnelle Mobilfunknetz wurde bisher konzeptionell nicht berücksichtigt.

Im hessischen Konzept ist auch Platz für „Bring your own device“. Das bedeutet, dass die digitalen Endgeräte den Schüler*innen gehören. Für dieses Konzept gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kauft jede Familie ihren Kindern die Geräte selbst, oder die vom Land angeschafften Geräte werden den Kindern geschenkt. In beiden Varianten stellt sich die Frage, wie die Geräte dann noch gewartet werden! Wie wird verhindert, dass auf die Geräte Programme kommen, die da nicht drauf gehören? Was passiert, wenn die Kinder ihre Geräte beschädigen oder verlieren? Auch hier muss auf soziale Gerechtigkeit geachtet werden. Lehrmittel dürfen nicht zum Statussymbol werden. Wenn Tablets zu Lehrmitteln zählen, dann gilt auch hier die Lehrmittelfreiheit. Die Geräte müssen also den Schüler*innen kostenlos bereitgestellt werden!

Weiterbildung der Lehrkräfte

Wenn irgendwann alle Fragestellungen bei Soft- und Hardware gelöst sind, stehen wir noch vor der Herausforderung, dass die Lehrkräfte auch aus- und weitergebildet werden müssen. Dazu bedarf es ebenfalls einer Finanzierung, aber auch Zeit. Der Lehrkräftemangel in Hessen führt bereits ohne Digitalisierung zu Unterrichtsausfällen. Wir müssen aber unbedingt Lehrer*innen fortbilden, damit wir die digitalen Medien und vor allem auch Lehrinhalte in den Unterricht bringen können.

Nicht zuletzt müssen wir uns damit beschäftigen, wie vorhandener Unterricht durch den Einsatz digitaler Konzepte verbessert werden kann. Daneben werden wir in den kommenden Jahren auch neue Lehrfächer diskutieren. Bisher unbeantwortet bleibt auch die Frage, ab welchem Alter digitale Endgeräte überhaupt in der Schule sinnvoll sind.

Es bleibt also festzustellen, dass der Digitalpakt ein erster Auftakt einer langjährigen Arbeit ist. Gemeinsam – also Eltern, Schüler*innen, Lehrer*innen, Schulträger und Politik – werden wir dafür arbeiten müssen, ein Umfeld und eine Schule zu erschaffen, die das Ziel hat, dass unsere Kinder zu mündigen, demokratischen und gut ausgebildeten Erwachsenen werden.

 

Dieser Text ist zuerst im Landes-SGK EXTRA Hessen der DEMO erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der SGK Hessen veröffentlicht.

Im Blog „Meine Sicht” schreiben wechselnde Autoren über ihre persönlicher Perspektive zu unterschiedlichen kommunalpolitischen Themen.

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