Serie „100 Jahre Frauenwahlrecht“

Einsatz für Arme

Markus Roick12. November 2018
Helene Schmitz (2. Reihe, m.) neben weiblichen Stadtverordneten in Berlin im Jahr 1919
Die Weimarer Republik markierte den Beginn eines modernen Sozialstaats. Sozialdemokratische Kommunalpolitikerinnen aus Berlin wie Helene Schmitz und Ella Kay haben ihn mitgestaltet. Die SPD Pankow hat eine Kampagne „Pankow Heldinnen“ entworfen, bei der sie Frauen aus Pankow in den Fokus gestellt hat, die sich im letzten Jahrhundert um Sozialdemokratie, Arbeiterbewegung und/ oder Frauenrechte verdient gemacht haben.

Die politische Revolution von 1918 ist den meisten präsent, die soziale Revolution weniger. Der patriarchalische Sozialstaat des Kaiserreichs wurde zu einem emanzipatorischen Sozialstaat weiterentwickelt. Es waren vor allem Frauen, die in der Weimarer Repu- blik diesen Umbau auf kommunaler Ebene prägten – und durch das Frauenwahlrecht überhaupt erst prägen konnten.

Helene Schmitz: Schaffung des neuen Preußens

Eine dieser Frauen war Helene Schmitz, die als Stadtverordnete und preußische Abgeordnete für ein soziales Preußen und Berlin kämpfte. Geboren wurde sie 1874 in Elberfeld als Tochter eines Schuhmachers. Als eine der ersten Frauen wurde sie 1919 Berliner Stadt- verordnete, ab 1925 Abgeordnete im preußischen Landtag. Geprägt war ihre politische Arbeit durch den verlorenen Krieg, durch Not und Elend. Dennoch zählte sie in einer Wahlkampfrede 1932 die Erfolge des neuen Preußens für die Armen auf: die gesunkene Säuglings- sterblichkeit, die Schaffung von 1,5 Millionen Wohnungen in Preußen, den Ausbau der Krankenkassen, die gesundheitliche Betreuung in der Schule, die Einführung des humanen Strafvollzugs und die Revolution der Jugendfürsorge.

Gereicht hat es nicht. Das „demokratische Bollwerk“ ging verloren, ein Jahr später wurde die Weimarer Republik zerstört. Das Ehepaar Schmitz wurde entlassen und stand vor dem Nichts. Von der Gestapo drangsaliert, erlebte Helene Schmitz das Ende der Gewalt- herrschaft nicht mehr. Sie verstarb am 4. Mai 1945 an einem Gehirnschlag.

Ella Kay: Anerkennung statt Almosen

Als Helene Schmitz im preußischen Reichstag für die Rechte der Armen kämpfte, beobachtete eine Mitarbei- terin des Jugendamtes im Prenzlauer Berg ein Kind. Es machte ein eben vom Amt erhaltenes Weihnachtspaket im Haus ur auf und klemmte sich all die geschenkten Sachen unter den Mantel. Darauf angesprochen sagte es: „Na, die brauchen doch nicht zu merken, dass wir arm sind.“ Diese Erfahrung hat die junge Frau ihr Leben lang begleitet. Es ging und geht nicht um Almosen im Sozialstaat. Es geht um Hilfe und Anerkennung.

Diese Mitarbeiterin war Ella Kay. Geboren wurde sie 1895, und Armut war ihr nicht fremd. Mit 14 Jahren musste sie unter Tränen die Schule verlassen und in einer Wäscherei anfangen. Die Revolution war für die junge Frau eine wirkliche Befreiung: „1918 bin ich mit solcher Freude in die Partei gegangen!“ Als Fabrikarbeiterin schuftete sie tags- über in der Wäscherei und verbrachte die Abende in der Bezirksverordneten- versammlung des Prenzlauer Bergs. Dort entdeckte sie der Stadtrat für Ju- gend Walter Friedländer. Er machte sie zur Referatsleiterin im Bezirksamt. Ihr gemeinsames Ziel war ein „Jugendamt für die Jugend“. Was heute selbstverständlich ist, musste damals durchgekämpft werden.

Mehr zur Kampagne der SPD Pankow zu 100 Jahre Frauenwahlrecht hier.

 

Ella Kay wurde 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt entfernt. Wenige Tage nach Kriegsende meldete sie sich auf dem Bezirksamt zurück. Niemand erkannte die abgemagerte, gealterte Frau wieder, die dort weitermachte, wo sie aufgehört hatte. Keine zwei Jahre später wurde sie zur ersten Bezirksbürgermeisterin Berlins gewählt. Von der KPD und der sowjetischen Militäradministration vertrieben, setzte sie ihre Arbeit 1947 in West-Berlin fort, ab 1955 als Senatorin. Sie verstarb 1988.

Was Ella Kay und Helene Schmitz in ihrer Zeit begonnen haben, ist noch lange nicht vollendet. In einem ihrer letzten Interviews brachte Ella Kay es auf den Punkt: „Ich bin ja sowieso unverbesserlicher Optimist. Es wird uns gelingen, die Mehrheit einer besseren Zukunft entgegenzuführen.“

 

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