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Entscheidende Prozente

Karin Billanitsch01. Dezember 2018
Nicht jede Hansestadt kann sich rühmen, eigenen Wein zu besitzen. Herford schon.
Wie die Stadt Herford ihre Weinstöcke durch Zufall wieder­entdeckte, und warum Politik und Wein nahe beisammen sind.

Der Sommer war heiß, der Wein wird gut, lautet eine Bauernregel. Darüber können sich auch viele Kommunen mit eigenen Rebstöcken freuen. Und seit Kurzem gehört auch Tim Kähler, Bürgermeister von Herford, zu diesem besonderen Kreis. Durch Zufall entdeckte er einen wahren Schatz in einer Vitrine im Rathaus: Eine Schenkungsurkunde, die der Stadt bescheinigte, seit dem Jahr 1984 Eigentümerin von zwei Weinstöcken in Leutesdorf zu sein.

Angestaubte Urkunde

Leicht angestaubt lag das Papier vergessen zwischen Mitbringseln, die sich im Laufe der Zeit dort angesammelt haben. Das Stadtoberhaupt der Hansestadt ließ nachforschen und siehe da: Die Urkunde war gültig! In der kleinen Gemeinde in Rheinland-Pfalz wurden und werden die Reben von den dortigen Winzern gepflegt und gehegt. Zwischen der Gemeinde am Rhein und der westfälischen Hansestadt gab es eine Verbindung, die weit zurückreicht. König Ludwig der Deutsche verschenkte 868 den Fronhof in Leutesdorf an die Fürstabtei Herford in Westfalen. Es war die erste urkundliche Erwähnung von Leutesdorf.

Doch das geriet über die Jahre aus den Augen. Nun erneuerte Kähler die Freundschaft und überzeugte sich persönlich von dem Zustand der Weinstöcke. Man darf annehmen, dass dieser Anlass gebührend be­gossen wurde. Seither wartet der ­Rathauschef bei besonderen Gelegenheiten stilsicher mit dem eigenen „868 Herforder Wein“, einem fruchtigen Riesling, auf.

An vielen Orten hat kommunaler Weinbau eine lange Tradition, hier seien Offenburg, Stuttgart, Konstanz, Alzey oder sogar Werder genannt, die auf unterschiedliche Arten an Weinberge gelangt sind. Zwar wirft der Weinbau nicht überall Gewinn ab, aber der Besitz der Rebstöcke dient der Repräsentation und der Tourismuswerbung ebenso wie der Grün- und Landschaftspflege.

Kreuzberger Wein ist wild

Dafür ist der Weinberg im Bezirk Kreuzberg in Berlin ein gutes Beispiel. Über dem Verkehr der Großstadt wachsen an einem Nordhang Riesling, blauer Spätburgunder und blauer Portugieser heran. Der Weinkontrolleur des Landes attestierte einmal dem Hauptstadt-Rebensaft, er schmecke „frisch und ist sehr wild am Gaumen, typisch Kreuzberg eben“.

Politik und Wein, sie sind manchmal nahe beisammen: „In der Politik und beim Wein merkt man oft erst hinterher, welche ‚Flaschen‘ man gewählt hat“, heißt ein launiger Spruch. Da möchte man ergänzen: Für ihrer beider Erfolg kommt es auf die entscheidenden Prozente an!

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