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Fake News – eine Herausforderung für die Kommunalpolitik

Jens Crueger02. Juni 2020
Jens Crueger
Jens Crueger, Politikberater für „anders & wissen“, hielt am 3. April für die SGK Brandenburg ein Webinar ab zum Thema „Fake News in der Kommunalpolitik … und was man dagegen tun kann“. Für die DEMO fasst er zentrale Aussagen zusammen.

In Zeiten von Corona erleben wir neben der Pandemie des Virus‘ auch eine „Infodemie“ der „viralen“ Fake News. So hat es die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits Anfang Februar bezeichnet, und dabei ebenso entschlossene Maßnahmen gegen die Fake News wie gegen das Virus gefordert. Aus Sicht der Kommunalpolitik wird es also dringend Zeit, sich ebenfalls mit diesem ­Problem zu befassen.

Was sind Fake News?

Trotz unterschiedlicher Definitionen ist sich die Forschung einig, dass es sich bei Fake News um vorgetäuschte Nachrichten handelt, die entgegen der allgemeingültigen Faktenlage stehen. Sie sind schlichtweg inhaltlich falsch und erlogen.

In ihrer Form imitieren Fake News meist die klassischen journalistischen Nachrichten. Das kann bereits durch das Einstreuen geläufiger Formulierungen geschehen, der Klassiker ist wohl „Wissenschaftler aus den USA haben herausgefunden, dass…“. Die Gestalt etwa von Pressemitteilungen oder journalistischen Interviews nachzuahmen ist ein weiteres Mittel. Aufwendiger sind Bildmontagen an Screenshots von seriösen Nachrichtenwebseiten. Der Aufbau und die Pflege vermeintlicher „Nachrichtenportale“, auf denen schlichtweg nur Fake News verbreitet werden, sind gewissermaßen die Premiumkategorie. Durch solche Imitationen gelingt es Fake News, leichter für wahr genommen zu werden und sich schneller zu verbreiten, weil ihnen die Glaubwürdigkeit klassischer Medien zugeschrieben wird.

Zugleich schaden sie den klassischen Medien und dem Journalismus, denn werden sie als falsch erkannt, steigern sie das generelle Misstrauen gegenüber Medienerzeugnissen. Die Reichweite von Fake News wird durch ihre meist emotional aufgeladene Grundstimmung wesentlich verstärkt. Wenn Menschen über eine Fake News nicht nur inhaltlich drüberlesen, sondern emotional von ihr ergriffen werden, wenn sie dabei Verunsicherung, Angst oder Wut empfinden, dann ist diese Fake News besonders wirkungsvoll. Dann wird sie leichter geglaubt, leichter verbreitet, und dann lässt sie sich von einer sachlichen Gegendarstellung umso schwerer aus der Welt schaffen.

Fake News und Social Media

Fake News werden manipulativ verbreitet. Konkret bedeutet das, sie werden primär über Social Media gestreut, und dabei kommen Methoden zum Einsatz, die es in den klassischen Medien (Zeitung, Radio, TV) so nicht gab. Plattformen wie Facebook ermöglichen es, gezielt und weitgehend unbemerkt einzelne soziale Gruppen mit Fake News zu erreichen, die genau auf deren Ängste und Vorbehalte zugeschnitten sind. Fake News werden mit Vorsatz in Umlauf gebracht, darin unterscheiden sie sich von Falschmeldungen, die versehentlich entstehen. Sie verfolgen überwiegend politische Ziele, seltener wirtschaftliche. Sie wollen verunsichern, wollen Personen oder Institutionen diskreditieren, wollen Chaos stiften. Ihren „viralen“ Erfolg im digitalen Zeitalter verdanken Fake News einer Kopplung von technischen und (sozial-)psychologischen Effekten.

Zu den technischen Faktoren zählt insbesondere der Umbruch im Mediensektor. Seit 2005 verdrängen Soziale Medien wie Facebook und Twitter schrittweise und zunehmend die klassischen Medien (Zeitungen, Radio, TV) aus der dominanten Stellung, was die Kontrolle über die Verbreitung von Nachrichten betrifft. Insbesondere der im Papierzeitalter entscheidende Kostenfaktor bei der Verbreitung von Nachrichten tendiert in den Social Media nahezu gegen null. Das bedeutet auch, dass sich die Gatekeeper der Informationsverbreitung (also diejenigen, die falsche und manipulative Nachrichten herausfiltern sollten) verändert haben.

Waren dies im Papierzeitalter Journalist*innen, Redakteur*innen und Editor*innen, so rücken in Social Media nunmehr Algorithmen, also Computerprogramme, an deren Stelle. Statt von journalistischem Berufsethos werden diese Algorithmen von Aufmerksamkeitsökonomie und Komplexitätsreduzierung geleitet. Ihr Interesse besteht darin, die Plattformen möglichst stark auf die Vorlieben der Nutzer*innen hin zu optimieren. Nachrichten – egal ob seriös oder Fake News –, die viele Reaktionen und Interaktionen auslösen, bekommen automatisch mehr Reichweite. Maßnahmen der Plattformen, gezielt Fake News auszusortieren, sind bislang kaum von Erfolg gekrönt. Auch das Microtargeting, die gezielte Ansprache kleiner Zielgruppen nach bestimmten Kriterien wie Interessen und soziodemographischen Merkmalen, verändert das Machtgefüge der Informationsverbreitung maßgeblich.

Die technischen Operationen der Algorithmen werden seitens der Nutzer*innen durch psychologische Effekte noch verstärkt. Beispielsweise werden Meldungen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, gerne als überzeugend wahrgenommen. Sogenannte Echokammern bzw. Filterblasen von Gleichgesinnten innerhalb der digitalen Plattformen verstärken diesen Effekt noch. Ob eine Meldung überhaupt plausibel ist oder nicht, spielt eine geringe Rolle, denn wenn sie von den eigenen Kontakten geteilt wird, fällt das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht leichter.

Innerhalb einer Filterblase können gezielt gestreute Fake News zu einer Polarisation führen, die schwer zu durchbrechen ist. Allerdings bleibt festzuhalten, dass auch solche Filterblasen kaum vollständig homogen sind. Weder in den biographischen und soziodemographischen Hintergründen der einzelnen Mitglieder, noch in deren Einstellungen und Meinungen.

Deutungshoheit der Vernunft verteidigen

Die Antwort auf die Frage, wie mit ­Fake News in der Kommunalpolitik umgegangen werden soll, lautet daher ganz klar: Die „Deutungshoheit der Vernunft“, die durch unwidersprochene Fake News bedroht wird, gilt es zu verteidigen. Dies übrigens völlig unabhängig von parteipolitischen Präferenzen und der Meinungsvielfalt in kommunalpolitischen Fragen.

Denn Fake News sind eben kein Ausdruck einer differierenden Meinung, sondern ein Angriff auf das demokratische System als solches. Zielgruppe der Erwiderung sind gar nicht primär die Absender*innen und überzeugten Verbreiter*innen von Fake News, sondern vielmehr die große Mehrheit der Mitleser*innen. Sie treten zwar selten aktiv in Erscheinung, verfolgen das Geschehen aber oftmals genau. Keinesfalls dürfen sie den Eindruck bekommen, die falschen und manipulativen Meldungen würden unwidersprochen bleiben. Postings in der örtlichen Facebook-Gruppe erreichen leicht mehr Aufmerksamkeit, als alle Diskussionen in der Gemeindevertretung oder sogar der Lokalpresse. Daher dürfen die Social Media, auch die Lokalgruppen dort, nicht zu ungestörten Tummelplätzen für Fake News werden.

Das Argumentieren gegen objektiv falsche oder völlig unsinnige Behauptungen ist zweifelsohne mühsam. Es kommt darauf an, schnell, zielgerichtet und auf Augenhöhe zu reagieren und zu diskutieren. Transparenz hinsichtlich politischer Verfahrensweisen und Selbstkritik hinsichtlich eigener Fehler ist ebenfalls ratsam. All das stets zu gewährleisten fällt in der Kommunalpolitik, also überwiegend im Ehrenamt, erfahrungsgemäß schwer.

Digitales kommunales Ökosystem aktivieren

Hierbei kann es helfen, prophylaktisch ein Netzwerk in den Social Media aufzubauen und zu pflegen, das im Ernstfall rasch gemeinschaftlich tätig wird. Konkret bedeutet es, das Netzwerk hält wechselseitig die Augen offen, und sobald Fake News in den einschlägigen Kanälen auftauchen, wird abgestimmt darauf reagiert. Die Grundlage für ein solches Reaktionsnetzwerk kann im ›digitalen kommunalen Ökosystem‹ gefunden werden. Solch ein Ökosystem existiert oft, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird. Man stelle sich die Frage: Welche lokalpolitischen Akteure außer den Mitgliedern der Gemeindevertretung, der örtlichen hauptamtlichen Politik und den Parteien sind noch in den Social Media aktiv? Wie steht es beispielsweise mit der örtlichen (freiwilligen) Feuerwehr, Polizei, Wasser- oder Bergwacht? Mit Lokaljournalist*innen und örtlichen Medien? Mit Vereinen, Initiativen, den Religionsgemeinschaften usw.? Weitere wichtige Fragen sind, auf welchen Plattformen diese Akteure jeweils präsent sein können und wollen, wer ihre Accounts betreut und wie regelmäßig und aktiv dies geschieht.

Das Ziel sollte lauten, möglichst viele dieser Akteure in einem Reaktionsnetzwerk zu vereinigen, um bei Fake News eng miteinander zu kommunizieren, Informationen auszutauschen und gemeinsam sachliche Erwiderungen zu geben. So kann es trotz all der zeitlichen und personellen Belastungen der Kommunalpolitik gelingen, auf Fake News schnell und beherzt zu reagieren.

 

Dieser Text ist zuerst im Landes-SGK EXTRA Brandenburg der DEMO erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der SGK Brandenburg veröffentlich.
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