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Kauen, bis der Arzt kommt

Karin Billanitsch01. Juli 2019
Die Berliner „Gum Wall“ am Potsdamer Platz.
Niemand hat gern einen klebrigen Kaugummi am Schuh – die Städte kämpfen verzagt gegen die ausgelutschten Gummis

Das Thema liegt auf der Straße: Der Kaugummi wird 150 Jahre alt. Zwar ist bekannt, dass die Menschen schon seit der Steinzeit gern auf Kügelchen aus Baumharz kauten. Auch bei Mayas und Azteken hatte das sogenannte „Chictli“-Kauen Tradition. Der Durchbruch für den Kaugummi kam indes, als Thomas Adams 1869 das erste Patent zur Herstellung von „Chicle“, wie die Kugeln in einer Variante des Nahuatl-Wortes genannt wurden, anmeldete. William Wrigley sollte es später gelingen, zum erfolgreichsten Kaugummi-Magnaten der Welt zu werden. Seitdem kaut die Menschheit begeistert darauf herum. Noch bis vor wenigen Jahren gab es KaugummiAutomaten an jeder Straßenecke in Deutschland.

Wenn er ausgelutscht ist, fangen die Probleme an

Doch dann, wenn er irgendwann ausgelutscht ist, fangen die Probleme an: Wohin mit dem Gummi? Viel zu selten wird er in den nächsten Mülleimer verfrachtet; statt dessen wird munter ausgespuckt, plattgetreten oder geklebt. Bewohnerinnen und Bewohner einer jeden Großstadt kennen das Pflaster-Problem. 30 bis 50 Kaugummis pro Quadratmeter kleben in der Düsseldorfer Altstadt zum Beispiel am Boden, schätzt ein Sprecher der Abfallwirtschaftsbetriebe. Rund drei Euro kostet es, einen einzigen Kaugummi zu entfernen.

Singapur hat schon vor Jahren durchgegriffen: Kaugummi zu kauen oder auf die Straße zu spucken wird dort mit so saftigen Strafen belegt, dass selbst dem eingefleischtesten Chewinggum-Fan der Appetit vergeht. Nicht einmal eingeführt oder verkauft werden darf dort die klebrige Masse. In Singapur gibt es Kaugummi laut ­einem Reiseführer nur auf Rezept.

Die „Gum Wall“ soll es richten

Mittlerweile riskieren Spuck-Sünder auch hierzulande etwas höhere Bußgelder. Mannheim hat deutlich erhöht, auf bis zu 100 Euro. 35 Euro müssen Verursacher in Düsseldorf blechen, nicht weit entfernt in der Domstadt Köln kann es bis 75 Euro kosten. Mit dieser im Vergleich zu Singapur verzagten Strategie dürfte der Gummi-Seuche nur schwer beizukommen sein.

Die Ludwigshafener haben sich daher etwas Besonderes einfallen lassen gegen den Gummi unterm Schuh: ­eine „Gum Wall“. Die Kaugummi-Kauer ­sollen die Reste an kleinen Papier­tafeln aufkleben, die an Straßenbahnhaltestellen aufgestellt sind. Abends wird das Papier entfernt. Eine „Gum Wall“, die haben wir auch, denken sich derweil die Berliner, und inspirierte Touristen und kleben aufgestellte Mauerreste am Potsdamer Platz zu. Leider erscheint niemand, um die ekligen Reste zu entfernen. Statt dessen wird gekaut, bis der Arzt kommt.

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