Refugees Day

Wie der Kreis Kassel Arbeitgeber und Geflüchtete zusammenbringt

17. Oktober 2018
Praktikanten bei der Renovierung eines ehemaligen Gasthofs
Praktikanten bei der Renovierung eines ehemaligen Gasthofs (König von Preußen) in Helsa
Was beim „Girls Day” klappt, kann ja auch für Geflüchtete funktionieren. Das dachte man sich im Landkreis Kassel. Der „Refugees Day” trägt dazu bei, Geflüchtete in eine Ausbildung oder in Arbeit zu bringen, berichtet Harald Kühlborn.

Als die Zahl der den Gebietskörperschaften zugewiesenen geflüchteten Menschen im Jahr 2015 sprunghaft anstieg, hat sich der Landkreis Kassel bereits frühzeitig Gedanken darüber gemacht, welche Möglichkeiten der Integration sich als Handlungsfelder anbieten. Neben dem Thema „Sport“ spielte dabei von Anfang an die Integration in Arbeit eine zentrale Rolle. „Ich bin meiner Vorgängerin Susanne Selbert sehr dankbar, dass sie bereits im August 2015 entschieden hat, einen Mitarbeiter des Landkreises mit der Funktion eines Integrationsmanagers zu betrauen“, berichtet Vizelandrat Andreas Siebert über die Entstehung der Integrationsinitiative des Kreises Kassel.

Aufgabe des Integrationsmanagers – mittlerweile sind zwei Mitarbeiter in dieser Funktion tätig – war und ist es, Arbeitgeber und Geflüchtete zusammenzubringen. Siebert: „Wir haben hier die Initiative übernommen, um frühzeitig ein Signal zu setzen, dass wir Integration wollen und auch aktiv fördern“.

Boys Day und Girls Day weitergedacht

Eines der ersten Projekte des Integrationsmanagers Bijan Otmischi war die Erfindung des ­Refugees Days. „Die Grundidee war ganz einfach: Was bei den bekannten Boys und Girls Days funk­tioniert, könnte ja auch bei Geflüchteten klappen“, so Siebert weiter. Der Flüchtlings-Zukunftstag – wie man den Refugees Day auf Deutsch übersetzen kann – bietet Geflüchteten die Möglichkeit, einen Tag lang in einer regionalen Firma am Arbeitsleben teilzuhaben. Siebert: „Für alle – Geflüchtete, Arbeitgeber und Mitarbeiter – ist das persönliche Kennenlernen und der direkte Austausch ein Gewinn.“

Einen Refugees Day vorzubereiten, ist nicht ganz einfach: „Um erfolgreich zu sein, benötigt man ein regionales Netzwerk – bei uns im Landkreis machen viele ehrenamtliche Unterstützer, die Handwerkskammer Kassel, die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg, das Bildungswerk der nordhessischen Wirtschaft VSB, Lehrerinnen und Lehrer und die Leiterinnen und Leiter unserer Gemeinschaftsunterkünfte mit“, informiert der Vizelandrat.

Wünsche und Kompetenzen – es muss passen

Um die richtigen Geflüchteten zu finden, benötigt man eine Reihe von Informationen. „Wir brauchen so etwas wie einen kleinen Lebenslauf mit persönlichen Daten, einen Überblick zum Schulbesuch und den erlernten Beruf und welche Berufserfahrung vorhanden ist“, zählt Integrationsmanager Otmischi auf. Wichtig seien auch besondere Fähigkeiten, die der Geflüchtete vorweisen kann und das Wissen darüber, wo er oder sie gern arbeiten möchte.

Zusammen mit den Kooperationspartnern werden dann geeignete Arbeitsstellen ermittelt. Danach erfolgt die Zuordnung von Geflüchteten zu potenziellen Arbeitsmöglichkeiten. Otmischi: „Danach ist intensives Telefonieren und Mailen angesagt – die Akquise bei den passenden Arbeitgebern“. Mittlerweile hat der Landkreis sechs Refugees Days organisiert und „wir stellen fest, dass viele Firmen gern und begeistert mit dabei sind“, betont Otmischi.

Hilfe für die Unternehmen

„Wir machen es den Unternehmen leicht, indem wir fertige Praktikumsverträge erarbeitet haben“, ergänzt Vizelandrat Siebert. Mit dem Refugees Day soll ein nachhaltiger Schritt in die deutsche Arbeitswelt gelingen. Siebert: „Wir wollen Geflüchtete in einen festen Arbeitsplatz oder eine Ausbildung bringen“.

Zum Ausbildungsbeginn 2018 konnten rund 70 Geflüchtete aus dem Landkreis Kassel eine Ausbildung beginnen – fast immer war der Refugees Day der erste Kontakt zwischen Betrieb und Geflüchteten.

Die Zusammenarbeit zur Integration in den deutschen Arbeitsmarkt auf regionaler Ebene ist vorteilhaft für Unternehmen, die Interesse an der Beschäftigung von Geflüchteten haben, wie auch für die Geflüchteten selbst. „Wir können flexibel und ohne bürokratischen Aufwand auf die Bedarfe von Unternehmen reagieren“, betont Siebert.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Ein Beispiel, wo dies sehr gut gelungen ist, ist das Unternehmen Energie Glas GmbH in Wolfhagen-Gasterfeld. Der Unternehmensstandort befindet sich auf einem früheren Kasernengelände in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Schon aus diesem Grunde lag die Beschäftigung mit dem Thema Arbeitsintegration nahe. Hans Franke, Geschäftsführer der Energy Glas GmbH, nahm die Herausforderung zusammen mit seinen Kollegen an: „Wir handeln dabei aus sozialer Verantwortung und aus pragmatischen Gründen. Denn auf dem Land ist es schwer, Mitarbeiter zu gewinnen.“

Inzwischen arbeiten sechs Afghanen, ein Eritreer und ein Somalier bei dem Spezialisten für Isolierglas, fast alle als angelernte Produktionsmitarbeiter, einer als Praktikant. Knapp die Hälfte habe unbefristete Arbeitsverträge. „Sie bekommen den gleichen Lohn wie andere“, sagt Hans Franke. Die Flüchtlinge seien motiviert und hätten überzeugt.

Starthilfe leistete auch der Landkreis Kassel als Koordinator des europäischen Projekt „REST“. Es steht Arbeitgebern zur Seite, die bereits Flüchtlinge beschäftigen oder dies beabsichtigen. Mit Hilfe von „REST“ können speziell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Arbeitgeber zugeschnittene Unterstützungsangebote (rechtliche Fragen für die Beschäftigung, Lösung von Sprachproblemen, besondere Anforderungen aufgrund unterschiedlicher kultureller Erfahrungen) realisiert werden.

Aufenthaltsstatus kann zum Problem werden

Die Bedenken anderer Unternehmen, Flüchtlinge einzustellen, kennt Hans Franke, aber er teilt sie nach den positiven Erfahrungen mit den neuen Kollegen nicht. Nur der Aufenthaltsstatus könne zum Problem werden, denn lediglich zwei Asylbewerber seien anerkannt, beim Rest liefen die Verfahren. Müssten die Flüchtlinge ausreisen, wäre das ein Rückschlag für die Firma. Der ganze Aufwand für die Einarbeitung der neuen Kollegen wäre vergebens gewesen.

Für den Unternehmer ist klar, was passieren muss: „Es braucht eine schnellere Entscheidung über Asylanträge, juristische Klarheit für die Arbeitgeber und eine bessere Qualifizierung – weil der Mittelstand die größte Chance auf Integration ist.“

Ziel für die Kreisverwaltung ist es weiterhin, möglichst viele der aktuell rund 4.300 im Landkreis Kassel lebenden Geflüchteten in Beschäftigung und Ausbildung zu bringen.

„Wir machen damit aktiv Wirtschaftsförderung”

„Sicherlich können wir damit nicht alle Probleme des Arbeitsmarktes in unserer Region lösen – aber gerade in der Logistik, im Handwerk, in der Gastronomie und in der Bauwirtschaft spielt die Beschäftigung von Geflüchteten eine immer wichtigere Rolle“, berichtet der Vizelandrat. Bisher sei es gelungen, für über 400 Geflüchtete eine Beschäftigung zu finden. Siebert: „Das zeigt auch, dass unsere heimische Wirtschaft mit uns hier an einem Strang in die gleiche Richtung zieht – wir machen damit auch aktiv Wirtschaftsförderung“.

Mit Blick auf die aktuelle Diskussion zum Thema Einwanderungsgesetz und Stichtagsregelung oder Spurwechsel für Geflüchtete ohne Asylstatus hat Siebert klare Vorstellungen: „Es ist niemandem zu vermitteln, dass wir Menschen, die bei uns arbeiten und alles dafür tun sich zu integrieren, abschieben – hier muss eine praktikable Lösung her, die den Unternehmen und Ausbildungsbetrieben und den  integrationswilligen Geflüchteten hilft“. Solche Entscheidungen allein nach Aktenlage zu treffen, sei auf jeden Fall falsch.

 

Weitere Informationen
... und positive Integrationsbeispiele bietet die Internetseite www.refugees-day.de

 

Dieser Text ist zuerst im Landes-SGK Extra Hessen der DEMO erschienen. Er wird hier mit freundlicher Genehmigung der SGK Hessen veröffentlicht.

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